Hitzlsperger: Darum oute ich mich als schwul

Thomas Hitzlsperger, hier im Nationalelf-Trikot, hat sich als schwul geoutet.
 ©AFP

Köln - Historisches Outing: Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich als erster prominenter Fußballer zu seiner Homosexualität bekannt.

Gerüchte über schwule Fußballer in der Bundesliga gibt es seit Jahren - jetzt hat sich Thomas Hitzlsperger als erster ehemaliger deutscher Nationalspieler und Profi zu seiner Homosexualität bekannt und damit völlig überraschend ein Tabu gebrochen. „Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte“, sagte der 31-Jährige im Interview mit der Wochenzeitung Zeit (Donnerstag-Ausgabe).

Nachdem der 52-malige Nationalspieler vor vier Monaten seine Karriere beendet hatte, sah er nun „einen guten Moment“ für sein Outing. „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“, sagte der Münchner.

Coming-out bewusst vor Olympia

Hitzlsperger hat den Zeitpunkt seines Coming-outs bewusst kurz vor die Olympischen Winterspiele in Sotschi gelegt. Nach dem Ende seiner Laufbahn als Fußballprofi habe er jetzt Zeit „für dieses Engagement. Überdies habe ich das Gefühl, dass jetzt ein guter Moment dafür ist. Die Olympischen Spiele von Sotschi stehen bevor, und ich denke, es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen mehrerer Regierungen gegen Homosexuelle“, sagte der ehemalige Fußball-Nationalspieler im Interview der „Zeit“, das Abonnenten seit Mittwochnachmittag komplett vorliegt. Eine Outing-Drohung habe es nicht gegeben.

Das Bewusstsein, homosexuell zu sein, sei „ein langwieriger und schwieriger Prozess“ gewesen, führte Hitzlsperger weiter aus. Homosexualität werde im Fußball „schlicht ignoriert“. Bis heute kenne er keinen Fußballer persönlich, der das zu seinem Thema gemacht habe: „In England, Deutschland oder Italien ist Homosexualität kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls.“ In den genannten drei Ländern hatte der gebürtige Münchner gespielt.

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Er habe sich immer wieder über die Widersprüche geärgert, die in der Fußballwelt im Umgang mit Homosexualität aufgebaut würden, sagte der frühere Mittelfeldspieler, der 2006 zum WM-Kader gehört hatte, im Zeit-Gespräch. Der Profisport sei ein absolut harter Leistungssport, „Kampf, Leidenschaft und Siegeswille sind untrennbar miteinander verknüpft“. Das passe nicht zu dem Klischee, das sich viele Leute von einem Homosexuellen machten, nämlich: „Schwule sind Weicheier.“ 

Diese Sportler outeten sich als schwul

Er habe sich aber „nie dafür geschämt, dass ich nun mal so bin“. Trotzdem seien die Sprüche der Kollegen nicht immer einfach zu ertragen gewesen. „Überlegen Sie doch mal: Da sitzen zwanzig junge Männer an den Tischen und trinken. Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange die Witze halbwegs witzig sind und das Gequatsche über Homosexuelle nicht massiv beleidigend wird“, sagte Hitzlperger, der zuletzt auch Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff darüber unterrichtet hat, mit dem heiklen Thema an die Öffentlichkeit gehen zu wollen.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) veröffentlichte im Sommer 2013 bereits eine Informations-Broschüre mit dem Titel „Fußball und Homosexualität“. Sie solle dazu anregen, „sich mit dem Thema sexuelle Identität unaufgeregt und entschleunigt auseinanderzusetzen“, heißt es darin. „Sollte sich ein Spieler, egal ob in der Bundesliga oder der Kreisliga, outen wollen und dabei die Unterstützung des DFB benötigen, so wird unser Verband jegliche Hilfe anbieten“, schrieb DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in seinem Vorwort.

Hitzlsperger hatte sich Anfang September bereits mit sehr kritischen Worten aus dem Fußball-Geschäft verabschiedet. „Wirtschaftlich überdreht ist die Branche schon seit langem, und diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen“, hatte er in der Süddeutschen Zeitung erklärt. Er beobachte diese Entwicklungen aufmerksam und stelle sich die Frage, „ob irgendwann mal die Ernüchterung eintritt und ans Tageslicht kommt, was sich hinter diesem Boom alles abgespielt hat“.

Hitzlsperger, der in 52 Länderspielen sechs Tore erzielte, hatte zuletzt im August 2010 gegen Dänemark (2:2) im DFB-Team gespielt und dabei sogar die Kapitänsbinde getragen. 2006 war er mit dem Nationalteam WM-Dritter, 2008 Vize-Europameister geworden. Bis zum Juli stand „The Hammer“, wie er wegen seines harten Schusses auf der Insel genannt wurde, beim englischen Premier-League-Klub FC Everton unter Vertrag. 

Sein größter Erfolg auf Klubebene bleibt die deutsche Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 2007, in der Bundesliga spielte er zudem für den VfL Wolfsburg. In der Jugend war er für Bayern München aktiv.

Vor gut einem Monat hatte der britische Turmsprung-Star Tom Daley im Internet seine Liebe zu einem Mann enthüllt. Im internationalen Fußball bekannte sich zuletzt der ehemalige US-Nationalspieler Robbie Rogers zu seiner Homosexualität. In England war Justin Fashanu der prominenteste Fall. 1998 erhängte er sich in einer Garage, nachdem ihm vorgeworfen worden war, einen 17 Jahre alten Jungen vergewaltigt zu haben. Frauen im Profisport haben dagegen mit dem Outing offenbar weniger Probleme. Torhüterin Nadine Angerer hat sich ebenso bekannt wie die ehemalige Teamkollegin Steffi Jones, jetzt DFB-Direktorin für den Frauenfußball.

Videobotschaft in der Nacht

Hitzlspergers Medienberater Pietro Nuvoloni kündigte an, dass sich der Ex-Nationalspieler in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag über die dann erst freigeschaltete Internetseite thomas-hitzlsperger.de eine persönliche Stellungnahme und eine Videobotschaft veröffentlichen werde. Diese werde dann auch bei YouTube zu sehen sein.

Der zeit.de-Server ist am Mittwoch zwischenzeitlich unter der Last von Anfragen zusammengebrochen. "Wegen der sprunghaft gestiegenen Zugriffe ist @zeitonline derzeit für manche schwer zu erreichen. Wir entschuldigen uns und arbeiten daran", twitterte die Redaktion.

sid/lin

"Respekt!" Stimmen zum Hitzlsperger-Outing

Porträt - „Hitz the Hammer“: Kein Abbild des typischen Profifußballers

Thomas Hitzlsperger hat noch nie in das Klischee vom typischen Profifußballer gepasst. Der frühere Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart und des VfL Wolfsburg ist bekannt für sein soziales Engagement und galt während seiner aktiven Zeit fast schon als Intellektueller. So trat der Linksfuß für den VfB, mit dem er 2007 deutscher Meister wurde, beim Projekt „kicken & lesen“ der Baden-Württemberg-Stiftung auf, das die Lesekompetenz von Jungs aus bildungsfernen Familien stärken will.

In Stuttgart war der auf dem Platz robuste, aber im Gespräch stets höfliche Hitzlsperger dafür bekannt, neben Büchern regelmäßig „Die Zeit“ zu lesen, was in der Fußballszene eher ungewöhnlich ist. In der Wochenzeitung, für deren Online-Ausgabe er als Kolumnist tätig ist, hat der Ex-Nationalspieler sich nun seine Homosexualität öffentlich gemacht.

Der aus der Jugend des FC Bayern stammende „Hitz the Hammer“, wie er wegen seines harten Schusses genannt wurde, begann die Profikarriere beim englischen Erstligisten Aston Villa und beendete sie im vergangenen Jahr auch auf der Insel - beim FC Everton. Nach dem Meistertitel mit dem VfB trennte er sich im Sommer 2007 kurz vor der geplanten Hochzeit von seiner langjährigen Freundin.

Für sein Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus erhielt das jüngste von sieben Kindern einer Familie aus dem bayerischen Forstinning 2011 den „Julius-Hirsch-Ehrenpreis“. Dass er sich etwas traut, hat er nun auch mit aufsehenerregenden Coming-out gezeigt.

Ebenfalls getraut hat sich übrigens "Unter uns"-Star Lars Steinhöfel. Er outete sich kurz vor seinem 28. Geburtstag als schwul.

dpa

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