Vortrag über Anzeichen und Folgen des Alkoholismus

Weg führt unweigerlich in den völligen Verfall

Professor Dr. Andreas Thiel
 ©Rotenburger Rundschau

(r). Im Rahmen der Vortragsreihe der Lebenshilfe im Haus für Kinder in Rotenburg sprach Professor Dr. Andreas Thiel, Leiter der Rotenburger Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, über ein Thema, das zu den größten Tabus im Alltag zählt: Alkoholismus. Mehr als zwei Millionen abhängige und weitere fünf Millionen gefährdete Menschen zählt die Statistik.

Thiel legte dar, welch weit reichende Folgen der Alkoholmissbrauch nicht nur für die Betroffenen, ihre Familien und ihr soziales Umfeld hat, sondern auch für die Gesellschaft, die die immensen Kosten für Behandlung, Rehabilitation und soziale Versorgung der Alkoholkranken tragen muss. Ein besonders ernstes Kapitel sei der Alkoholkonsum in der Schwangerschaft: Das Ungeborene müsse später die Folgen von leichten Gesichtsfehlbildungen, Entwicklungsverzögerungen und Intelligenzminderungen bis hin zu Minderwuchs, schweren Nerven- und Hirnschäden tragen. Pro Jahr würden in Deutschland zwischen 1.000 und 4.000 Kinder mit vorgeburtlichen Alkoholschäden geboren. Um die Situation gefährdeter Menschen richtig einzuschätzen, schlug Thiel vor, zwischen Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit zu unterscheiden. Ersterer liege dann vor, wenn Menschen wiederholt zu viel trinken und dadurch Probleme in Arbeit, Schule oder Haushalt entstünden. Höchst bedenklich sei, wenn getrunken werde, obwohl man Auto fahren oder Maschinen bedienen müsse. Weitere Alarmzeichen seien Probleme mit Polizei und Gesetz oder durch das Trinken bedingte zwischenmenschliche Konflikte. Die Gefahr liege dabei im wachsenden Kontrollverlust und der steigenden Suchtgefahr, denn ab einer bestimmten, individuell schwankenden täglichen Alkoholmenge trete zwangsläufig eine körperliche Abhängigkeit ein. Die echte Abhängigkeit sei erreicht, wenn man dem Zwang, zu trinken, nicht mehr widerstehen könne. Wer schon morgens trinken müsse, habe nach der nächtlichen Trink-Pause mit körperlichen Entzugssymptomen zu kämpfen. Hinzu komme eine immer größere Toleranz: Der Süchtige verträgt sehr viel, ohne dass man es ihm anmerkt. Würden Interessen und Pflichten vernachlässigt und schwerwiegende Folgen des Alkoholkonsums in Kauf genommen, könne man von echter Alkoholabhängigkeit sprechen. Thiel wies darauf hin, dass das Bild vom abgewrackten Säufer am Straßenrand irreführend sei: Viel häufiger sei es, dass der Alkoholmissbrauch den Menschen nicht auf den ersten Blick anzumerken sei: "Sie trinken bei Konflikten und rasten dann aus, um anschließend wieder ganz normal zu funktionieren; sie trinken bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Gesellschaft über den Durst, bekommen sich aber immer wieder in den Griff; häufig ist sogar schwer alkoholkranken Menschen, die jeden Tag auf ihren Pegel kommen müssen, im Alltag nichts anzumerken.“ Dennoch, so Thiel, führe der Weg eines Alkoholkranken unweigerlich in immer schwerwiegenderen körperlichen, psychischen und sozialen Verfall. Deshalb galt der dringende Appell des Referenten den Angehörigen und Arbeitgebern: Bereits bei den ersten Zeichen sei es notwendig, ein kompromisslos offenes Wort zu sprechen. Die Abmahnung sei eine Chance, die eigene Situation wahrzunehmen, ganz gleich, ob sie der Arbeitgeber im Job oder auch die Ehefrau oder der Freund im privaten Bereich ausspreche. Werde das Problem erst einmal akzeptiert, können Selbsthilfegruppen zu wertvollen Wegbegleitern werden. Auch wenn der Weg durch Entgiftung und Entwöhnung schwer und äußerst schmerzhaft sei - immer wieder erlebe er in seiner Praxis, dass Kranke, die ihre Situation erkennen und bewusst ändern, den Weg zurück in ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben finden können.

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