Über Skudden und andere fast vergessene Arten - Von Christiane Looks

Vielfalt statt Einfalt

Die Obstbaumreihe bei Hemslingen zeigt vielfältige Sorten. Foto: Joachim Looks
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Hemslingen. Der Weg war wirklich eine Zumutung, selbst für unsere geländegängigen Räder. Aber das Wanderbuch fürs Bremer Umland war eben kein Radwanderbuch, und der Texthinweis auf die Querung der als Höhepunkt der Tour beschriebene Heidefläche über einen unbefestigten Sandweg hätte uns vorwarnen müssen, dass es dort schon einigen Geschicks bedurfte, den tiefgründig sandigen Weg zu bewältigen. Welche Überraschung, dass unsere Anstrengungen in der eigentlich einsamen Heide nicht unbeobachtet blieben. Sie wurden sogar von einem herzhaften, vielstimmigen Kommentar begleitet. Hinter einer soliden Einzäunung verfolgte eine neugierige Schafsherde unsere Bemühungen. Keine üblichen Schafe. Sie waren für diese sympathischen Wollträger ungewöhnlich klein: Skudden!

Skudden sind die kleinsten deutschen Schafe. Sie waren die üblichen Schafe Ostpreußens und des Baltikums, starben nach dem Zweiten Weltkrieg fast aus und wurden bei uns aus kleinsten Restbeständen durch strenge Zuchtauslese mühsam auf eine einigermaßen stabile, aber immer noch kleine Populationsgröße gebracht. Warum?

Es ist nicht nur die Liebe zu dieser äußerst genügsamen, unproblematischen Landschafrasse, es ist auch die Erkenntnis, dass ihr Potenzial es wert ist, erhalten zu bleiben. Denn niemand kann vorhersagen, ob die heute bevorzugten, wirtschaftlich einigermaßen ertragreichen Schafstypen zukünftigen Entwicklungen stand halten können oder die Eigenschaften anderer, umweltstabilerer Rassen benötigt werden.

Dazu muss einiges getan werden. Skudden haben zwar die feinste Wolle der Welt, sie soll dreimal feiner als Merinowolle sein, aber mit heute geschätzten 1.000 bis 2.000 Exemplaren lässt sich keine Vermarktungsschiene aufbauen. Außerdem sind Skudden klein. So imponiert auch nicht ihr einen deutlichen Wildgeschmack aufweisendes Fleisch – pro Tier weisen heutige Fleischschafe viel mehr verwendbare Delikatessen für die Küche auf. Wer will da eine Skudde? Schade um diese genügsamen Landschaftspfleger, die behutsam mit in Bodennähe vorhandenen Kinderstuben von Haselmäusen, Wachteln oder Rebhühnern umgehen. Die Rasenameisen und auf sie angewiesene Schmetterlinge schonen und mit Eidechsen, Blindschleichen sowie anderen Arten klar kommen.

Es ist diese Spezialisierung auf ganz bestimmte Bedingungen, die dazu führte, dass zu Zeiten isolierterer Lebensweise, für Besonderes auch Besonderes entwickelt wurde. Legendär ist in diesem Zusammenhang die nicht mehr so genau rekonstruierbare Entstehung des Husumer Protestschweines, eine rot-weiße Variante des Angler Sattelschweines, das im Gebiet südöstlich Flensburgs beheimatet war. Der Norden Schleswig-Holsteins gehörte lange zu Dänemark, ging zu Zeiten Theodor Storms vor über 160 Jahren an Preußen, das prompt der dänischstämmigen Bevölkerung verbot, ihre geliebte rot-weiße dänische Flagge im Vorgarten zu zeigen. Statt dessen sollen daraufhin enthusiastische Dänenfans rot-weiße Anglersattelschweinvarianten in ihren Gärten vor dem Haus gehalten haben. Welch Gartenkulturwechsel! Statt Formschnitt aufgewühlter Boden mit rot-weißen Schweinen. Spezialisierung bietet Chancen!

Es ist erfreulich, dass mittlerweile begriffen wurde wie wichtig es ist, alte Züchtungen zu erhalten, weil sie über Eigenschaften verfügen, die modernen Hochleistungstieren und -pflanzen abhanden gekommen sind. Ich werde es nie vergessen, dass bei einem Besuch in eben dem Gebiet, aus dem die Angler Sattelschweine stammen, bei einer dortigen Texel-Schafsherde ein Schaf eine Nacht gegenüber unserem Schlafraum jämmerlich blökte.

Das Tier hatte sich mit seinem dichtem Wollflies in Brombeerranken verhakt und kam nicht wieder frei. Unser Gastgeber half mit einer Heckenschere bei der Befreiung. Er wusste zu berichten, dass diese Fleischschafrasse, gerne eingesetzt zur Pflege von Deichen, mit ihrem vollen, üppigen Wollkleid zwar perfekt für die rauen Wetterbedingungen sei. Aber umgekippt, kämen die Tiere nicht wieder auf die Beine. Sie müssten vom Schäfer wieder aufgerichtet werden. Einer Skudde würde dieses nicht passieren.

Beispiel für „Vielfalt statt Einfalt“ gefällig? Wer von Rotenburg aus kommend über die B 71 bis Hemslingen fährt, biegt dort nach einer scharfen Rechtskurve bei der zweiten Straße rechts in den „Nelsonweg“ ein. Nach Verlassen der Ortsbebauung beginnt auf der rechten Seite ein langer, ausgeschilderter Obstbaumweg mit zahlreichen Informationen. Beim gemütlichen Schlendern gibt es viel Entdeckungswertes zu den alten, heute fast vergessenen Sorten mit ihren Anbau-Bedürfnissen und Einsatzmöglichkeiten. Und wer findet die Birne darunter?

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