Roman „Mittagsstunde“: Dörte Hansen liest im Haus Kreienhoop in Nartum

„Dorthin gehen, wo es wehtut“

Dörte Hansen
 ©Wilfried Adelmann

Nartum. Melancholie und Humor hatten das Haus Kreienhoop in Nartum jüngst fest im Griff: Dörte Hansen gab Passagen aus ihrem Roman „Mittagsstunde“ im lichtdurchfluteten Spiegelsaal der Kempowskistiftung zum Besten. „Dorthin gehen, wo es wehtut“, war das erklärte Ziel der Autorin. Auf den Weg dorthin nahm sie die Zuhörer im ausverkauften Saal mit.

Doch zurück auf Anfang: Katrin Krämer von Radio Bremen hatte die Moderation übernommen und berichtete von ihren Ängsten, die sie beschlichen haben, als sie den Folgeroman des Bestsellers „Altes Land“ in die Hände bekam: „Kann ein zweites Werk dem Ersten nahe kommen? Es vielleicht übertreffen?“, fragte sie sich. Die Antwort: Ja, es kann. In „Mittagsstunde“ hat sich Hansen selbst übertroffen, wie Krämer und viele Besucher bestätigten. In weiß gekleidet strahlte die blonde Nordfriesin Hansen die typisch lockere „Steifheit“ aus, die manche als Charakterzug des Norddeutschen bezeichnen.

Mit den Gegensätzen, Traurigkeit und Komik, weiß die Autorin Leser und Besucher der Veranstaltung zu fesseln. Das teils skurrile Handeln der beschriebenen Figuren, liebevoll von Hansen gezeichnet, rief Lacher hervor. Nie würdigt Ironie die Charaktere herab, wie die Moderatorin betonte. Auch die absurdesten Handlungsvorgänge beschreibt die Autorin so, dass die Personen nicht ihre Würde verlieren. Gerade deshalb wüchsen uns die Charaktere der Geschichte so ans Herz, dass die meisten Leser traurig sind, wenn sie an die letzten Seiten des Romans kommen, schilderte eine Besucherin. Es kann wirklich nahe gehen, wenn Hansen die Geschichte des fiktiven Ortes Brinkebüll und ihrer Bewohner erzählt. Nach der Flurbereinigung in den 70er Jahren räumten Baumaschinen brutal Hecken an den Ackerrändern und die Findlinge auf dem Land beiseite und weg. Die Dorfstraße wurde breiter und schnurgerade, nun rollen schwere Kiestransporter hastig über die asphaltierten Pisten. So ist ein tragisches Ereignis im Roman der Tod eines Kindes, das unter die Räder eines Lasters und so zu Tode kommt.

Aber nicht dieser Unfall, sondern der Verlust von der Freiheit, auch anders sein zu können, bestimmt den Inhalt der Geschichte. Das geduldete Anderssein in einem kleinen Dorf wird von Hansen ziseliert beschrieben. Die handelnden Personen wirken vielleicht etwas aufgereiht dargestellt, wie Kritiker des Romans bemängeln, aber das Nebeneinander der besonderen Persönlichkeiten wird mit der Hauptperson in „Mittagsstunde“ aufgelöst und durch die Perspektive des „Heimkehrers“ Ingwer Feddersen zusammen geführt. Dieser kommt nach seinem Studium und der Arbeit als Prähistoriker wieder ins Dorf zurück, um seinen Zieheltern zu helfen. Die Gestalten seiner Jugend ziehen an ihm vorüber, während er im alten Gasthof von Ella und Sönke Feddersen die schmuddeligen Biergläser spült.

Treibmittel für ihre Geschichten sei es, dorthin zu gehen, „wo es weh tut“, so Krämer. Das Spannungsfeld zwischen dem, was man haben will und was losgelassen werden muss, wird auch in ihrem zweiten Werk nahe und einfühlsam beschrieben.

So wundert es nicht, dass die Zuhörer am Ende der Lesung langen Applaus spendierten. Mit einer Widmung in ihrem Buch unter dem Arm gingen viele Gäste wahlweise mit einem lächelnden oder einem nachdenklichen Gesicht aus dem Haus Kreienhoop. So wie es Kempowski sicherlich auch gerne gesehen hätte: unterhaltsam sein, mit einem Schuss Nachdenklichkeit.

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