Mergelgruben geben Baustoff her – und Zeugen der Geschichte - Von Christiane Looks

Überraschung im Boden

In der Mergelgrube bei Godenstedt wurde einst der Stoßzahn eines Mammuts gefunden. Grund genug, es im Wappen der Gemeinde zu zeigen. Foto: Joachim Looks
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Godenstedt. Erkrankte Kinder bei Laune zu halten, ist eine Herausforderung. In Zeiten ohne elektronische Medien bedurfte es schon einiger Fantasie, entsprechende Unterhaltungsprogramme aufzulegen. In meinem Elternhaus half die gut sortierte Lehrmittelsammlung unserer Dorfschule. Bevor es im Haus ruhig wurde, weil gesunde Geschwister und Eltern in die erste Schulstunde gingen, hängte meine Mutter im Kinderzimmer eine ansprechende Karte aus der Unterrichtsmaterialsammlung auf.

In detailfreudigen Darstellungen wurden dort historische Szenen festgehalten, die fremde Welten bis in kleinste Schulen und bei entsprechender Zugriffsmöglichkeit auch in Kinderzimmer transportierten. Als besonders eindrucksvoll erwies sich eine Jagdszene von frühzeitlichen Menschen auf einen Elefanten.

Sobald ich lesen konnte, fand auch das eine oder andere geeignete Buch mit Geschichtserzählungen aus der Schulbuchsammlung seinen Weg ins Kinderzimmer. Dort fand sich die Geschichte zu der Elefantenjagdszene. Sie fesselte mich. Elefanten, mir bekannt aus Hagenbecks Tierpark, sollten vor unvorstellbar weit zurückliegender Zeit mal hier gelebt haben und mit einen hölzernen Spieß von frühzeitlichen Menschen gejagt worden sein? Kaum vorstellbar!

Während meiner Ausbildung zur Geschichtslehrerin konnte ich dann einige Zeit bei einem der Hauptvertreter des Ansatzes studieren, Geschichte kind-, sach- und zeitgemäß zu vermitteln. Grundzüge handlungsorientierten Unterrichts erarbeiteten wir Lehramtsstudenten uns am Beispiel einer Geschichtserzählung über den Elefanten-Jagdplatz bei Lehringen in der Nähe Verdens, wo 1948 in einer Mergelgrube das Skelett eines europäischen Waldelefantens, Steingeräte und ein hölzerner Spieß gefunden worden waren – es war die Geschichte, die ich schon als Kind kennengelernt hatte! Klar, dass die Lehringer Mergelgrube eines der ersten Ausflugsziele war, als wir in den Landkreis Verden zogen.

Mergelgruben entstanden durch Abbau des begehrten Mergels. Dieser bildet sich durch Ablagerung von feinen Materialien wie Schluff (Sand) oder Ton und Kalk. Selbst Gröberes wie Sand oder Kies können Bestandteil von Mergel sein, der stark verfestigt auch als Mergelgestein vorkommt und in Zementindustrie sowie Landwirtschaft einsetzbar ist.

Gemergelt wurde im keltischen Raum bereits seit Beginn unserer Zeitrechnung. Den Rohstoff bauten Kelten in Kuhlen ab und setzten ihn als Dünger ein. Größere Bedeutung gewann der Mergeleinsatz hier vor über hundert Jahren in landwirtschaftlich genutzten Gebieten, wo Feuchtgebiete wie Sümpfe und Moore trockengelegt wurden, denn Mergelkalk neutralisiert sauren Boden und Ton verfestigt ihn. Das war praktisch und erwünschte Erträge schienen das Vorgehen zu bestätigen. Nicht beachtet wurde wegen fehlenden Wissens, dass zu viel Kalk zwar Nährstoffe durch Humusabbau freisetzt, aber langfristig Boden auslaugt, wenn nicht Mist oder Kompost Fehlendes ausgleicht. „Mergeln macht reiche Väter und arme Söhne“ – diese bäuerliche Weisheit verwies auf die Problematik unsachgemäßen Umgangs mit Mergel, die zu unfruchtbaren Feldern führt.

Mergel ist weltweit verbreitet. Auch in unsere Region gibt es zahlreiche Mergelvorkommen, die in der Vergangenheit genutzt wurden. Ende des 19. Jahrhunderts wurde bei Godenstedt in Ostenähe ein Mergelaufkommen erschlossen, dass trotz ungünstiger Abbaubedingungen wegen des hohen Grundwasserstandes als Dünger sich einer guten Nachfrage erfreute. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste der Abbau wegen fehlender Arbeitskräfte eingestellt werden und ließ sich trotz entsprechender Bemühungen in den 1930er-Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nicht fortsetzen.

Die Grube lief voll Wasser und verlandete teilweise. Sie ist heute als Sekundärbiotop ein interessantes Kleinod. Von Godenstedt führt ein ausgeschilderter Wanderweg von der K 143 über die Straßen Im Dorfe und Schulstraße nordwestlich aus dem Ort hinaus in die Feldmark direkt zur idyllisch gelegenen Mergelkuhle in der Osteniederung.

Die Lehringer Mergelgrube ließ überregional wegen des sensationellen Elefantenfundes aufhorchen, da bis zu dem Fund niemand dem Neandertaler die durch den hölzernen Stab belegte Jagdweise zutraute. In der Godenstedter Grube gab die Mergelschicht den Stoßzahn eines Mammuts frei – untrügerisches Zeichen dafür, dass es dort Lebensbedingungen für diese nahrhafte, proteinreiche Kräuter und Blüten liebenden Riesen gab.

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