Der Haaßeler Gerd Meyer findet seinen Vater nach 65 Jahren - Von Nina Baucke

Toljas Pforte

Anatolijs Grabstein auf dem Lagerfriedhof Sandbostel. Foto: Nina Baucke
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Haaßel/Radbruch. Der Archivar knipst den Computer aus. Die Suche war vergeblich, wieder einmal. Auf keinen der 20 Einträge trifft das zu, was Gerd Meyer an wenigen Details kennt: ein junger Mann namens Anatolij, irgendwo aus der Umgebung von Moskau, gestorben 1945 als Kriegsgefangener im Lager Sandbostel – sein Vater. „Kann es nicht sein, dass er doch früher gestorben ist?“, fragt Meyer. Etwas widerwillig fährt der Archivar den Computer wieder hoch, und da ist sie dann, die rote Karteikarte von Anatolij M. Pokrowskij, geboren im Oktober 1921, gestorben im Februar 1945 – und inmitten der kyrillischen Schriftzeichen steht das Wörtchen „Haaßel“. Meyers Geburtsort im Landkreis Rotenburg.

Im September 1939 hatte die deutsche Wehrmacht das Gefangenenlager Sandbostel errichtet und dort in den folgenden Kriegsjahren mehrere Hunderttausend Gefangene interniert, davon 70.000 sowjetische Soldaten. Wie viele von ihnen bis April 1945 in Sandbostel starben, ist unklar, namentlich sind 4.700 bekannt.

An der Wand in Meyers Wohnzimmer in Radbruch bei Lüneburg hängt, befestigt an einem Stück Holz, ein eiserner Türgriff. Durch langjährigen Gebrauch sind die klaren Kanten abgegriffen, Rost hat sich auf der metallenen Oberfläche breit gemacht. Es ist Meyers Angewohnheit, sich von seinen Reisen kleine Andenken mitzubringen, Steine aus Marokko zum Beispiel. Und den Türgriff aus einer russischen Kleinstadt namens Semettschino, gut 700 Kilometer südöstlich von Moskau. Mehrere Jahrzehnte war er Teil der Pforte zum Haus seiner russischen Großeltern. „Alle, die in diesem Haus gelebt haben, haben ihn angefasst – auch mein Vater“, sagt Meyer und streicht fast schon liebevoll über das Metall. „Für mich ist der Griff symbolisch die Tür zu meiner Familie.“

Sein Vater Anatolij ist keine 20 Jahre alt, als er als sowjetischer Soldat 1941 in Gefangenschaft gerät und später nach Sandbostel kommt. Der junge Mann, der Jura studieren wollte, wird zum Arbeitseinsatz nach Haaßel geschickt, schläft in einer Barracke und arbeitet etwa ein Jahr lang auf dem Hof von Meyers Großvater. Dort begegnet er Tine, Tochter des Hauses. „Er war schlank, groß, freundlich, sympathisch“, erfährt Meyer Jahre später von der Schwester seiner Mutter. Zwischen Tine und Anatolij ist mehr als nur ein, zwei flüchtige Begegnungen, es ist Zuneigung, gesteht sie viele Jahre später ihrem Sohn. Der junge Russe will bei ihr bleiben. Doch kurze Zeit später stirbt er im Lazarett des Lagers, „Grippe“ ist als Todesursache in akkurater Schreibschrift auf der roten Karte vermerkt. Hirnhautentzündung, vermutet Tine, da Anatolij immer wieder über starke Kopfschmerzen geklagt hatte. Von ihrer Schwangerschaft weiß sie da noch nichts.

Als Gerd Meyer im November 1945 geboren wird, ist die Welt nur scheinbar eine andere: Der Krieg ist zwar vorbei, trotzdem ist die Beziehung zwischen der Tochter des Bürgermeisters und dem russischen Soldaten noch immer etwas, das nicht sein darf. Meyer weiß nichts über seinen Vater. Anatolij stirbt erneut, dieses Mal im Schweigen einer Gesellschaft, die nach wie vor in der Denke der NS-Zeit verhaftet ist. Und so fragt Meyer nicht nach seinem Vater. Als er acht Jahre alt ist, fällt einmal der Satz „Der hat ja keinen Vater!“ und die Entgegnung folgt prompt: „Natürlich hat er einen Vater. Er ist doch nicht vom Himmel gefallen.“ Es ist eine erste Andeutung, aber Tine, die nie wieder eine Beziehung zu einem Mann eingehen wird, mauert – bis zu ihrem Lebensende bleibt es ein heikles Thema zwischen Mutter und Sohn. Erst als er vor dem Abitur steht, öffnet sie sich zaghaft.

Aber es vergehen noch Jahrzehnte bis zu jenem Tag im Jahr 2009, als Gerd Meyer in Dresden mit dem Archivar vor dem Computer sitzt und Anatolijs Karteikarte entdeckt. Der Eiserne Vorhang macht eine Spurensuche unmöglich. 2002, als der sowjetische Staat längst in seine Einzelteile zerfallen ist, reist der Haaßeler schließlich mit seiner Tochter nach Russland. Beim Essen in einem kleinen Dorf nimmt ihn eine ältere Frau einfach so in den Arm. „Ich habe doch auch eine russische Oma“, denkt Gerd Meyer in dem Moment. Es ist die Initialzündung, jetzt will er seinen Vater finden.

„Niemand wirft mehr mit Steinen nach dir“, beruhigt er seine Mutter – und mehr als 50 Jahre nach Anatolijs Tod bricht sie endlich ihr Schweigen. Meyer erfährt das Datum, an dem der Wachmann mit der Nachricht auf den Hof in Haaßel kam, es war der 15. März 1945. Jahrelang hatte Meyer das Lager in Sandbostel verdrängt. „Ich dachte immer, die Leute dort wissen mehr als ich – mit einem blöden Grinsen. Da wollte ich einfach nicht ran“, sagt er heute. Hilfe bei seiner Suche bekommt er von Klaus Volland, der sich bereits für das Lager engagiert, als es noch gar keine Gedenkstätte ist. Der Geschichtslehrer rät ihm, alles aufzuschreiben, was er weiß, und berichtet ihm von einem Archiv mit den Eingangs- und Krankenkarten. Vor Bombenangriffen geschützt war es in Meiningen eingelagert worden. „Es gab hunderte von Möglichkeiten, wie die Karte meines Vaters nicht dort gelandet sein könnte“, erinnert sich Meyer heute. „Wurden überhaupt noch so kurz vor Kriegsende Karten ausgefüllt? Sind die aus Sandbostel überhaupt in Meiningen angekommen oder wurde der Wagen verlassen – wegen eines Defekts oder Bombenangriffs?“ Der ehemalige Lehrer wendet sich an den Niedersächsischen Gedenkstättenverein – ohne konkretes Ergebnis.

In den 40er-Jahren hatten die Amerikaner den Teil des wiederentdeckte Archivs mit den Namen der russischen Kriegsgefangenen an die Sowjets übergeben. Diese brachten es nach Podolsk nahe Moskau. Da in der Stalinzeit das Wort „Kriegsgefangener“ gleichbedeutend mit „Verräter“ war, bleib das Archiv ungeöffnet – bis in die 90er-Jahre. 2005 landeten die Informationen aus Podolsk schließlich in Dresden, wohin sich dann auch Gerd Meyer wendet, immer wieder. „Podolsk ist so gut wie ausgewertet“, sagt man ihm dort. „Ich werde erst dann nicht mehr fragen, bis auch die letzte Karte ausgewertet ist“, entgegnet er. 2009 fährt er nach Dresden, in diese Jugendstilvilla, die bis zum Bersten vollgestopft ist mit Archivmaterial. „Die können ja auch nichts finden, die ersticken an Informationen“, denkt er sich – doch dann klickt der Archivar das entscheidende Datum an. Gerd Meyer ist zunächst wie vor den Kopf geschlagen. „Ich habe ihn, ich habe meinen Vater gefunden“, schreit er ins Telefon. Er geht durch die Straßen, das erste Gebäude, das er wieder richtig wahrnimmt, ist eine russisch-othodoxe Kirche. Er geht hinein und zündet eine Kerze an für den Vater, den er nie kennenlernen durfte. Und für die russische Familie, die er kennenlernen wird.

Doch bei all der Freude bleiben Bedenken: Würden ihn die Angehörigen seines Vaters überhaupt sehen wollen? Eine Familie, die zwei ihrer Söhne im Krieg verloren hat? Er schickt Kopien der Karten zu Bekannten nach Russland, die sich auf die Suche begeben. Anfang November erreicht ihn eine Nachricht von Dmitrij Lomonosow, der ebenfalls als Kriegsgefangener in Sandbostel inhaftiert gewesen war. Lomonosow hat Anatolijs Schwester Inna sowie ihre Töchter, Elena und Mascha, gefunden, und sie freuen sich, ihn kennenzulernen. „Das war ein Wahnsinnsgeschenk“, erinnert sich Meyer.

Anfang 2010 reisen er und seine Töchter nach Semettschino, hin zu dem Haus, in dem die Familie seit Jahrzehnten lebt. Hin zu der alten Pforte mit dem Eisengriff. „Wie Vater, wie Vater“, flüstert seine Tante Inna immer wieder, wenn sie ihn ansieht. Inna, eine Frau von 80 Jahren, die miterlebte, wie ihre Mutter ein Leben lang auf die Rückkehr ihres Sohnes gewartet hat. Auch Elena sagt immer wieder: „Du gehst wie Opa. Du bewegst dich wie er.“ – „Noch nie hatte das jemand zu mir gesagt, erst als ich 65 Jahre alt war“, erinnert sich Meyer an diesen Moment. Auch beim Kirchgang sehen ihn die Menschen in Semettschino und sprechen seine Tante und Cousinen an: Der gehört doch zu euch! Meyer saugt diese Momente auf und spricht mit jedem, der sich noch an Anatolij erinnern kann.

Aus den Erzählungen seiner Tante, verbunden mit Bruchstücken aus den Erinnerungen seiner Mutter, setzt sich für ihn ein immer klareres Bild seines Vaters zusammen: Anatolij, Tolja genannt, ist ein sportlicher Junge, der gerne Fußball spielt. Einer, der Streit unter seinen Geschwistern schlichtet. Anatolij, der Ruhige und Besonnene, der so gut zuhören kann. Inna zeigt ihrem Neffen ein Foto: Es ist das Bild eines Jungen mit einem offenen Gesicht und dichten Haaren, keines dieser ernsten Soldatenfotos in Uniform. Einer von Millionen, der seine Zukunft noch vor sich hat.

Auch wenn zwischen Gerd Meyer und Inna, die 2011 stirbt, immer etwas Distanz bleibt – der Kontakt zu seiner russischen Familie reißt nicht ab. Und immer wieder begegnen ihm in Russland Menschen, die ihn als einen der ihren in die Arme schließen, er erzählt seine Geschichte in Universitäten, sie ist Thema in Schulklassen. Als ein Freund in Russland ihm ein Glas Wodka reicht und „Trinken wir auf unsere russischen Väter“, sagt, möchte der heute 70-Jährige weinen, nach all den Jahren, in denen sein Vater ein Tabu war. Gerd Meyer will das Andenken an seinen Vater bewahren. Bringt Erde von der Gedenkstätte in Sandbostel nach Russland, zum Grab seiner Großeltern. „Dieser Krieg hat soviele Leben und Hoffnungen zerstört, Lebenspläne vernichtet“, sagt er. „Die Generation meiner Eltern ist um ihr Leben und ihre Zukunft betrogen worden. Und dann ist auf der anderen Seite wieder Leben entstanden.“ Er, den es nach dem Willen der Nationalsozialisten gar nicht hätte geben dürfen, sieht sich heute, angesichts der Diskussionen zwischen Deutschland und Russland als Mittler. „Gerade jetzt darf man Verbindungen nicht abreißen lassen“, sagt Gerd Meyer und erzählt seine Geschichte immer wieder.

In seinem Wohnzimmer hängen etliche Familienfotos, in der Mitte zwei in ovalen Rahmen – Tine auf der einen und Tolja auf der anderen Seite. Symbole seiner Geschichte – genau wie der Türgriff an der Wand.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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