Präsentier- statt Pappteller? Festivalfan Melanie berichtet - Von Christine Duensing

Rocken im Rollstuhl

Johannis und Melanie sind erprobte Festivalgänger, seit Jahren reisen die beiden zusammen von Konzert zu Konzert. Dass Melanie seit drei Jahren im Rollstuhl sitzt, hält das Paar nicht vom gemeinsamen Hobby ab.
 ©Christine Duensing

Scheeßel. Beim Hurricane unter zigtausend Besuchern aus der Masse herausstechen – das sieht so mancher Musikfan jedes Jahr aufs Neue als sportliche Herausforderung an. Und so trafen beim 19. Eichenring-Festival Kuh- und Tigerkostümierte auf Ganzkörper-Bodies, Riesenhasen und Papa Schlumpf, Neonfarben auf Glitzer und Konfettibeutel auf Seifenblasenpistolen. Melanie und ihr Partner Johannis hingegen fielen unfreiwillig aus dem Rahmen.

Denn Melanie sitzt seit drei Jahren im Rollstuhl. Johannis schiebt sie auf dem Hurricane-Gelände drei Tage lang von A nach B. 2006 hatten Ärzte der heute 32-Jährigen eine MS-Erkrankung diagnostiziert – Multiple Sklerose. Seit 2012 ist sie deshalb auf den Rollstuhl angewiesen.

Doch Melanie ist eine Kämpfernatur: Ihr Faible für Festivals, das sie mit ihrem Partner teilt, lässt sie sich von ihrer Krankheit nicht nehmen. „Es ist mein dritter Eichenring-Besuch im Rollstuhl. Wir sind jetzt schon zum zehnten Mal hier dabei und haben auch nie daran gedacht, nicht mehr herzukommen“, erklärt die junge Frau. Hurricane mit und ohne Behinderung – die 32-Jährige kennt beides. Allzu groß sei die Umstellung im ersten Jahr komplett mit Rollstuhl aber gar nicht gewesen, berichtet sie: „Das war ein schleichender Prozess. Ich war schon zuvor lange schlecht zu Fuß und hatte Gehilfen oder später auch den Rollstuhl mit im Gepäck. Ich hatte anfangs allerdings Schwierigkeiten, mich voll und ganz auf diese zu stützen, mein Angewiesensein zu akzeptieren. Ich habe mich geniert, es war mir unangenehm im Rollstuhl zu sitzen.“ Als sie dann eines Tages kompromisslos an eben jenen gebunden war, habe sich dieses Unwohlsein jedoch überraschend schnell gelegt. „Beim Festival 2013 hat es mich gar nicht mehr gestört, da gab es keine Probleme“, erinnert sich Melanie zurück. „Einige Komplikationen gab es da schon“, hakt Johannis ein. „Dass Melanies Behindertenstatus damals noch ungeklärt war, hat uns Nerven gekostet. Wir hatten nichts Offizielles vorzuweisen und mussten somit im normalen Campingbereich übernachten. Die Wege zum Gelände waren dann schon lang und beschwerlich.“ Seit das Paar die nötigen Papiere immer bei sich hat, schlägt es sein Lager ohne Komplikationen auf dem VIP-Platz auf. „Generell lässt sich sagen, dass das Hurricane für uns eins der am besten organisierten Festivals ist“, loben die beiden, die schon quer durch Deutschland auf Konzerten unterwegs waren. Melanie: „Hier in Scheeßel geben sich immer alle viel Mühe und das merkt man.“ Auf Nachfrage fallen Melanie und Johannis aber doch ein paar Verbesserungsvorschläge ein. „Der VIP-Platz ist in den vergangenen Jahren irgendwie weiter weg vom Gelände weggerutscht – dieses Jahr ist uns das besonders aufgefallen. Wir brauchen inzwischen mindestens zehn Minuten – und ich schiebe Melanie. Es sind aber auch Leute hier, die ihren Rollstuhl im Alleingang vorwärts bringen, für die ist der Weg dann noch beschwerlicher“, so Johannis. Melanie fügt hinzu: „Apropos Campingplatz: Leider dürfen unsere Freunde uns dort nie besuchen. Wenn es da eine neue Regelung gebe, wäre das super, so könnten wir abends den Festivaltag gemeinsam ausklingen lassen. Für mich ist es schwierig, sie bei bei ihrem Zelt aufzusuchen.“ Was beide zudem in ihrem Campingbereich vermissten: eine behindertengerechte Toilette. „An den Bühnen gab es welche, aber in Zeltplatznähe nicht. Zumindest haben wir keine gefunden“, erzählt Melanie. Das bargeldlose Zahlen mit Bändchen hält die 32-Jährige für eine gute Idee, nur erreiche sie manche Essensstände nicht. „Die sind teilweise einfach zu hoch für mich.“ Zu hoch ist Melanies Meinung nach auch die Tribüne an den Bühnen angebracht. „Es ist wirklich super, was damit für uns geleistet wird. Nur etwas niedriger kann man immer noch gut sehen und fühlt sich nicht so schnell wie auf dem Präsentierteller.“ Anders sei das Problem bei der White Stage: Dort konnte Melanie im vergangenen Jahr noch gar nichts vom Auftritt der dort spielenden Bands sehen. „In diesem Jahr durfte ich nach vorn vor die erste Gitterabsperrung. Das ist eine Riesensteigerung! Ein wenig mehr Abstand zu den Bässen täte meinem Gehör dennoch gut, denn lange ausgehalten habe ich es dort vorn leider nicht.“ Dennoch beißen Johannis und Melanie mit zufriedenem Blick in die frisch georderte Falafel und schauen sich gut gelaunt und erwartungsvoll um, mitten im Trubel des Festivals. Johannis resümiert: „Kleine Kompromisse eingehen muss man immer. Das ist auch völlig in Ordnung. Wir haben hier auch in diesem Jahr einen Mordsspaß – trotz Melanies Rollstuhl!“

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