Zum Ende der Amtszeit: Friedel Lossau über technischen Fortschritt und Jagdethik - Von Andreas Schultz

Vergehen und Strafe

Hegeringleiter Friedel Lossau mit den Jagdhunden Amy und Arthos. Der Vereinschef legt am Mittwoch während seiner letzten Jahreshauptversammlung sein Amt nieder.
 ©Andreas Schultz

Sottrum. Mangelnde Öffentlichkeitsarbeit bei Jagdvergehen, Verbände distanzierten sich nicht oder nicht deutlich genug von den schwarzen Schafen – alles schlecht fürs Image. Und ob der technische Fortschritt bei Jagdwaffen zur Waidgerechtigkeit und -ethik beitrage, das sei mindestens fraglich: Was Friedel Lossau, Leiter des Hegerings in Sottrum, anprangert, birgt Zündstoff. Das weiß der 59-Jährige, trotzdem legt er den Finger in den letzten Tagen als Vereinschef noch mal in die Wunde: Am Mittwoch gibt der Vorsitzende sein Amt in jüngere Hände. Die Rundschau sprach mit ihm über seine Sicht auf Jagd und Jäger.

Rundschau: Herr Lossau, seit acht Jahren sind Sie Leiter des Sottrumer Hegerings. Es läuft gut: Während ihrer Amtszeit stellte der Verein unter anderem das Projekt Rehkitzrettung auf die Beine. Warum hören Sie jetzt auf?

Friedel Lossau: Man soll immer aufhören, wenn es am schönsten ist. Wir haben einen sehr harmonischen Hegering, wo es wirklich gut läuft. Aber man könnte da viel mehr draus machen. Da sind wir jetzt mit einer Gruppe junger Jäger, Frauen und Männer, auf einem guten Weg. Wir hatten letzte Woche so eine Art Gründungsversammlung (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist die AG „Junge Jäger in Sottrum“). Die haben gute Ideen für Aktionen. Neben der Standardmüllsammelaktion geht es ums Zerwirken von Wild: Sie wollen einen Schlachter holen, der das professionell vermittelt. Es wird auch um das richtige Abbalgen von Raubwild gehen, ums Verbessern des Schießens im Schießkino, gemeinsame Prädatorenjagden – alles unter Einbezug des ganzen Hegerings. Von meiner Garde kommt nichts mehr, die Alten haben ihre Reviere, gehen auf Jagd und das ist dann gut. Die jungen Jäger um meinen Nachfolger in spe, Daniel Tramm, die wollen Hochsitze und Nisthilfen bauen und verstärkt an die Schulen rangehen, mal mit dem Hund, mit dem Info-Mobil der Jägerschaft. Gute Öffentlichkeitsarbeit. Da passt dieser Wechsel ganz gut. Ich will es etwas ruhiger angehen. Mein Hund ist jetzt zwölf Jahre alt, da wollen wir noch ein paar Tage zusammen genießen, ohne Jagd.

Sie halten mit Kritik nicht hinterm Berg und sprechen offen darüber, dass sich am Verhalten vieler Jäger etwas verändert hat. Da geht es ums Schussverhalten, die übermäßige Nutzung von Technik und das Auftreten. Was stört Sie?

Das Verhalten hat sich in der Weise verändert, dass die Industrie den Leuten da ganz stark was ins Nest reinlegt. Waffen, die mittlerweile mit einer Jagdwaffe gar nichts mehr zu tun haben, komplett verstellbar und mit Zielfernrohren ausgerüstet, die man eigentlich gar nicht mehr als solche bezeichnen kann. Jetzt geht die Geschichte mit Schalldämpfern los, demnächst werden wohl Infrarotgeräte erlaubt werden. Kopfhörer zur Schallminderung gegen Knalltrauma, was ja auch in Ordnung ist, aber die andere Seite ist, die verstärken auch die Geräusche. Wenn man damit auf dem Hochsitz ist, hört man das Wild schon eine Minute früher kommen als sonst. Da kann man sich jetzt drüber streiten, genau wie bei moderner Zieltechnik. Sagen wir, man ist nachts auf dem Ansitz und nutzt das Licht des Mondes, um Wildschweine zu bejagen. Da reicht dann das Restlicht manchmal nicht aus, um das Zielfernrohr zu nutzen, und kann so keinen sicheren Schuss anbringen. Die Befürworter der Technik sagen dann, wenn du Infrarot hast, und kannst eine Punktlampe dazu schalten, dann schießt du auch im Dunkeln noch einen ganz sauberen Schuss. Wunderbar. Aber wo bleibt denn da die Ethik gegenüber dem Wild?

Aber gibt es nicht auch Positivbeispiele für die Nutzung moderner Technik im Verein?

Unsere Drohne zum Beispiel, die dient ausschließlich zur Kitzrettung. Aber die Anfragen von Jägern kamen schon: Kann man da nicht mal eben über’n Mais fliegen, damit ich weiß, wo die Sauen sind? Die Entwicklung geht dahin, dass das Wild mit der Technik, die uns zur Verfügung steht, rund um die Uhr gestört werden kann. Normalerweise ist es so, dass im Winter bei Dunkelheit nicht gejagt wird, wenn kein Schnee liegt. Da haben die Tiere Ruhe. Bei Mond vielleicht noch, da verliert so eine Rotte schon mal zwei Tiere. Aber wenn das jetzt so ausartet, dass jemand mit dem Schalldämpfer ein, zwei, drei und so weiter schießt, weil die Rotte nicht mehr wegläuft? Das ist effektiv. Aber ist das waidgerecht?

Was ist denn waidgerecht? Und was soll passieren, wenn es mal alles andere als waidgerecht zugeht?

Waidgerecht ist zum Beispiel, wenn ich auf Entenjagd bin und da erst schieße, wenn die im Flug sind. Sicherer würde ich sie treffen, wenn sie schwimmen. Es ist waidgerecht, dass man sie wegfliegen lässt. Ein Hase, der in der Sasse liegt, wäre ein sicheres Ziel. Aber er wird „rausgetreten“, wie es heißt. Der Hase läuft weg, man lässt ihn auf 25 bis 30 Meter weglaufen, ehe man mit Schrot schießt. Ich möchte gern, dass wir bei uns im Hegering mehr über Ethik sprechen. Das heißt auch, dass schwarze Schafe in unseren Reihen durch eine Kommission gerügt werden können, damit das mal auf den Tisch kommt. Das wünsche ich mir für meine letzte Versammlung, dass wir das noch über die Bühne kriegen.

Sie sagen „auf den Tisch kommen“. Wie würde der Verein mit einem schweren Jagdvergehen umgehen?

Ich würde Sie anrufen und Ihnen mitteilen, dass wir den Beschuldigten erst mal vom Verein freistellen, bis das geklärt ist. Damit das auch mal in die Öffentlichkeit kommt und die Leute von außen mitbekommen: Die gucken sich auch gegenseitig auf die Finger. Leute, die sowas machen, müssen rausfliegen aus dem Verein. Die müssen geächtet werden.

Die Technik hat ja nicht als Einziges Auswirkungen auf die Jagd. Was hat sich noch so über die Jahre getan?

Vor oder während der Jagd einen Begrüßungsschluck, das ist schon grenzwertig. Es hat sich was geändert. Ganz früher waren viele Jäger mittags besoffen. Ich weiß noch, ich war mal auf einer Treibjagd eingeladen, da fiel ein Jäger ins Feuer rein, so besoffen war der. Natürlich hat der dann zu hören bekommen, „das mit der Flinte lass mal sein“. Ja, so war das früher. Und diese Entwicklung von dort weg ist eine gute. Eine andere gute Entwicklung ist, dass wir mittlerweile auch Frauen in unseren Reihen haben. Ich sage immer: Frauen sind die vorsichtigeren Jäger. Die überlegen lieber einmal öfter und lassen eher mal laufen als zu schießen und nicht richtig zu treffen. Da neigen wir Männer eher zu. Wir hatten vor Kurzem einen Fall, wo jemand auf hochflüchtige Wildschweine geschossen hat. Es gibt Fälle, wo Jäger mit modernen Waffen auf 100 Meter ballern, und beim fünften Schuss ist das Stück schon auf 200 Meter weg. Da kann man nur krankschießen. Das wäre zum Beispiel so ein Fall für die Kommission gewesen. Das hat aber der Jagdpächter selbst geregelt und den ausgeschlossen. Ich bin jetzt nicht unbedingt Nestbeschmutzer, aber sowas wollen Jäger eigentlich gar nicht hören, die wollen möglichst alle ihr Ding machen. Ich bin der Meinung, in der heutigen Zeit kommen wir nicht weiter, wenn wir uns abkapseln. Wir müssen offen damit umgehen. Wenn Jäger Spaziergängern mit frei laufendem Hund damit drohen, das Tier zu erschießen, wenn sie sich vor für sie störende Spaziergängern in Gebüschen verstecken und in die Luft schießen, wenn sie Waldspaziergänger mit dem Geländewagen fast über den Haufen fahren, alles schon gehabt: Wenn uns solche Geschichten zu Ohren kommen, wollen wir als Kommission darüber befinden.

Wie reagieren die Jäger, die Sie auf solche Verfehlungen direkt ansprechen? Uneinsichtig?

Man muss es sagen: ja. Und die wissen, was sie tun. Wenn ich sage, da hat sich jemand beschwert, bekomme ich Dinge zu hören wie „Die hat ständig ihre Hunde frei im Wald“. Die Argumente hörst du. Das kann auch sein, dass Spaziergänger mal unbelehrbar sind, ihre Hunde frei laufen lassen und von den Wegen gehen. Wenn das alle machen würden, würde das Wild gar nicht mehr zur Ruhe kommen.

Apropos Hund, hat heutzutage noch jeder Jäger einen?

Es gibt diesen guten Satz: Jagd ohne Hund ist Schund. Früher hatte jeder einen Hund dabei, das war ganz klipp und klar. Hunde sind weniger geworden. Dabei laufen die Tiere manchmal auch selbst bei einem guten Treffer noch 100 Meter. Und abends im dunklen Wald – die (er zeigt auf seine Jagdhündin Amy) findet die Blutspur, aber ohne Hund läuft man da schon mal nur im Kreis. Dann geht man am nächsten Morgen wieder hin und dann ist das Stück leider Gottes schon verhitzt. Das heißt, man kann das Fleisch wegschmeißen. Deswegen soll man in so einem Fall zumindest eine Nachsuche mit dem Hund machen und meist findet man was.

Gibt es noch etwas, an dem der Verein auch nach Ihrem Ausscheiden aus dem Vorsitz festhalten wird?

Wenn wir so revierübergreifende Jagden machen, dann bereiten wir den Streckenplatz vor. Zweige, Fackeln, Jagdhornbläser. Alle Jäger treten da an, und als Hegeringleiter halte ich eine kurze Ansprache, lasse den Tag Revue passieren. Und dann bekommt jeder Jäger seinen Erlegerbruch und jede Wildart wird einzeln verblasen: Die Bläser haben für jede Art ein Signal. Und dann wird „Jagd vorbei“ geblasen. Das ist eine Ehrerbietung an das Wild. Und das lag mir immer am Herzen, das machen nicht alle Vereine so. Das sind Rituale. Da kann man mit dem Kopf schütteln, wenn man möchte. Ich hab’s so gemacht und mein Nachfolger wird es auch so weitermachen, da legen wir als Hegering Wert drauf.

Trägt das zu Stimmung und Zusammenhalt bei?

Wir haben einen guten Hegering, muss ich einfach sagen. Da gibt es Vereine, wenn die Jahreshauptversammlung haben, die hauen sich da die Köpfe ein. Klar, wir haben auch mal kritische Stimmen, die anmahnen, zum Beispiel, wenn die Versorgung mit Infos mal nicht läuft. Und das ist auch gut so. Aber dass wir uns so uneinig sind, das haben wir nicht.

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Glossar: Jagdbegriffe
Jagdbegriffe in der Reihenfolge ihres Auftretens im Text:
zerwirken: ein Stück Wild zerlegen
abbalgen: das Abziehen des Balges
Ansitz: der Ort, an dem ein Jäger auf Wild wartet
krankschießen: ein Stück Wild mit einem Schuss nur verwunden
flüchten: die schnellste Gangart des Haarwildes
verhitzen: Erlegtes Wild wird nicht rechtzeitig versorgt und das Wildbret wird unbrauchbar
Bruch: ein abgebrochener, nicht abgeschnittener, grüner Zweig einer bruchgerechten Holzart
verblasen: Jagdhornbläser haben für jede Wildart ein entsprechendes Totsignal

Quelle: Jagdschulatlas.de

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
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 andreas.schultz@rotenburger-rundschau.de

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