Der Gagel: Von der Gefahr, ein Spezialist zu sein - Von Christiane Looks

Unscheinbar bescheiden

Der Gagelstrauch steht auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten. Foto: Joachim Looks
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Ahausen. Der kleiner Sommergast war ganz aufgeregt. Er kam aus Mecklenburg, und seine Ferienbetreuung hatte sich aufgrund organisatorischer Probleme als schwierig herausgestellt, sodass unser Angebot, die Ferien bei uns zu verbringen, seinen Eltern gerade recht kam. Also erkundete ich mit unserem Gast Schwimmbäder, Tier- und Freizeitparks, lernte die mir vertraute Umgebung mit den Augen eines Kindes neu zu entdecken und kam nicht darum herum, auch einmal einkaufen gehen zu müssen. Schließlich erfordern hungrige Mägen nach Entdeckungstouren eine angemessene Füllung.

Überlegungen, wie die Beschäftigungswünsche des Kindes und der Nahrungsmitteleinkauf einigermaßen sinnvoll in Einklang zu bringen seien, führten zu einem angekündigten Ausflug in einen Ort, bei dessen Namensnennung die Augen unseres kleinen Gastes aufleuchteten. Er war Feuer und Flamme, nicht, weil ich ihm einen dort extra für Kinder eingerichteten Hort in Aussicht stellte, sondern wegen dem, was der Ortsname ihm zu versprechen schien. So war mein Begleiter denn auch gar nicht an dieser aufregenden Kindereinrichtung interessiert, sondern wollte mit mir unbedingt alles erkunden. Wir streiften auf dem riesigen Gelände herum, kamen auch am Kinderabenteuerland vorbei, und angesichts der dort erkennbaren Möglichkeiten entschied sich mein immer leiser werdender Besucher, er wolle nun spielen. Erleichert lieferte ich ihn ab, erledigte mein Einkaufsprogramm, heilfroh, dass ich nicht ausgerufen wurde: „Der kleine … möchte bitte abgeholt werden…“.

Auf der Rückfahrt erkundigte ich mich vorsichtig, was ihn denn vor dem Hortbesuch, der „spitze“ gewesen war, enttäuscht hatte. Seine Antwort, klar und eindeutig: Der Ortsname unseres Einkaufszentrums hatte Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt wurden. Ich versprach Abhilfe, und am nächsten Tag fuhren wir wieder in die Nähe des Ortes, stellten das Auto ab und liefen ein ganzes Stück in eine immer einsamere Umgebung, bis ich anhielt und sagte, wir seien nun da. Wie? Mein kleiner, neugieriger Gast bekam kugelrunde Augen. Wo seien denn hier Postautos? Eine Post mit entsprechenden Autos gäbe es hier nicht, antwortete ich ihm lächelnd und zeigte auf große Flächen von Sträucher mit lederartigen, kleinen, ganz entfernt an Lorbeer erinnernden Blättern. Das hier sei Porst, der auch Post genannt würde oder Gagel.

Myrica gala, auch Moor-Gagel genannt, wächst an den Rändern von Mooren und feuchten Heiden. In Moor- und Heidelandschaften niederschlagsreicher Küstenländer war er mal ein häufig verbreiteter Strauch. Gartenteichfans mit dem Hang zum Besonderen wissen, dass Gagel aus gärtnerischer Zucht sehr wohl unter Beachtung besonderer Bedingungen am häuslichen Teich beheimatet werden kann. Der Strauch benötigt einen sonnigen, humosen, permanent sumpfig-feuchten, nicht überstauten, sauren Torf- oder Schwarzerdebereich. Wird ihm das nicht gewährt, verabschiedet er sich. Und genau diese Ansprüche sind sein Problem in unserer aufgeräumten Landschaft, wo für Spezialisten seiner Art kein Platz ist. Wenn Entwässerung und Düngung wirtschaftlichen Erfolg verheißen, findet Gagel keinen Lebensraum. Er war einmal landschaftsprägend, was Namen wie Postmoor oder Posthausen dokumentieren. Post oder Porst wurde die Pflanze in Anlehnung an die Bezeichnung genannt, mit der Gagel im skandinavischen Raum (Porse, Porss, Pors) bezeichnet wird, wo der Strauch an geeignetem Standort ebenfalls zu finden ist. Bei uns steht er auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten.

Unvergesslich für mich sind Radfahrten durch oder entlang von Restmoorflächen in unserer Region, wo ich regelmäßig vom Rad stieg, wenn ich Gagelbestände entdeckte und mein Mann irgendwann zu maulen begann, weil er zügig weiterfahren wollte. Erst die Sensibilisierung dafür, wie selten dieses bei unseren vielen Unternehmungen geschah, verdeutlichte, in welch erschreckendem Maße Gagelbestände bei uns verschwinden.

Aber es gibt noch Gelegenheit, diesen eigentlich unscheinbaren, zur rechten Zeit aromatisch riechenden Strauch mit seinen im zeitigen Frühjahr gelbgrün-braun-purpurrot schimmernden Blüten zu bewundern. Wer sich in Ahausen im Bereich des dortigen Straßenknotenpunkts Hauptstraße/Bockeler Straße/Verdener Weg einen Parkplatz sucht und weiter Richtung Eversen entlang der K 220 geht, sollte, nachdem auf der linken Seite die Bebauung endet und ein Waldstück folgt, bei der anschließenden, feucht-sumpfigen Grünfläche auf das in einem ziemlich nassen Bereich stehende Gehölz am östlichen Rand der Fläche achten: Myrica gala, Moor-Gagel, Porst oder auch Post genannt. Es gibt ihn. Er benötigt genau jene Bedingungen, die dort vorzufinden sind: feucht-sumpfige, humose, saure, sonnige Plätze. Sie sollten diesem selten gewordenen Strauch gegönnt werden.

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Christiane Looks ist Naturschutzbeauftragte für den südlichen Teil des Landkreises Rotenburg. Mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit unterstützt sie die Naturschutzbehörde in Angelegenheiten des Naturschutzes und der Landschaftspflege und fördert das Verständnis für diese Aufgaben. Alle zwei Wochen wirft sie einen Blick in unsere Natur, unterstützt durch Fotos ihres Ehemanns Joachim Looks. Wer den beiden Fragen stellen oder Anmerkungen zukommen lassen möchte, erreicht sie telefonisch unter 04269/96017.

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