Über Bodenschätze und Renaturierung - Von Christiane Looks

Chance auf Neuanfang

Ein Neuanfang ist möglich: Stellingsmoor nach dem Torfabbau. Foto: Joachim Looks
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Nartum. Zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn es draußen immer noch früh dunkel wurde, versammelten sich meine Geschwister und ich im Kinderzimmer, um unsere vertrauten Gesellschaftsspiele hervorzukramen oder neue auszuprobieren. Eine Zeit lang erwies sich das Spiel um die Monopolisierung von Straßen, Bahnhöfen, Elektrizitäts- und Wasserwerk als haushoch dem sonst gern gespielten „Fang den Hut“ überlegen, trotz des Vorteils der Hüte, als Fingerhüte getragen zu werden, was eigenen Händen ein gewisses Etwas zu vermitteln schien.

Aber auch der Erwerb von ganzen Straßenzügen mit anschließender Bebauung, der andere in den Spielruin trieb, verlor seinen Reiz angesichts heulender, zankender Mitspieler und wurde abgelöst durch den Run auf kostbares Öl, das es zu finden, fördern, transportieren und gewinnbringend zu verkaufen galt. Wie der Aufbau eines andere in die Insolvenz treibenden Immobilienimperiums entwickelte sich der Kampf um den Bodenschatz Öl als ziemlich lautstarkes und wenig friedliches Kinderspiel, das meine Eltern an der viel beschworenen Festtagsruhe zweifeln ließ. Wir hätten es wissen müssen: Kurzerhand verschwanden bei anwachsendem Gezänk die beiden Ruhe störenden Spiele. Stattdessen wurden geografisch lehrreiche Würfelspiele durch Gegenden vorgelegt, die Kinder ohne aufmunternde Erwachsene nicht unbedingt als Highlight ihrer Reiseträume bezeichnet hätten, oder das zappelige Kinder zu noch größerer Nervosität treibende Mikado, aber auch das in der damaligen DDR beliebte Leiterspiel „Teddy und Lola“, ein Geschenk der in Dessau lebenden Eltern meines Vaters.

Rund 20 Jahre nach dem Ende der DDR erkundeten mein Mann und ich auf einem Fahrradurlaub ausgiebig das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, Unesco Weltkulturerbe. Ein Ausflug führte uns zur Dübener Heide. Bis Ende 1980 wurde im westlichen Teil des Gebiets im großen Stil Braunkohle im Tagebau gefördert. Durch die vollständige Auskohlung hatte sich der ursprüngliche Naturraum total verändert. Ursprünglich eine Waldlandschaft mit von Heidekraut bewachsenen Flächen, gab es nach Beendigung des Abbaus in dem betroffenen Gebiet praktisch keine Vegetation mehr. Stattdessen prägten Kippen, Halden und Restlöcher den Bereich. Mittlerweile wurden Flächen saniert und Restlöcher geflutet. Nicht nur dort. Das ehemalige Bergbaurevier ist heute zusammen mit anderen gefluteten Tagebauen des Mitteldeutschen Braunkohlereviers Teil des neu entstandenen mitteldeutschen Seenlands. Feste, gasförmige oder flüssige mineralische Rohstoffe wie Öl oder Braunkohle, die sich natürlich abgelagert, in Lagerstätten ober-, aber auch unterirdisch sammeln, im Meer, auf oder unterhalb des Meeresbodens finden und denen wirtschaftlicher Wert beigemessen wird, wecken Begehrlichkeiten. Das ist kein Phänomen unserer Zeit. Dem Abbau von Rohstoffen wie Kies, Sand oder Torf kam in unserer bergbaufernen Region schon lange eine nicht unerhebliche Bedeutung zu, trug er doch zur Versorgung der Wirtschaft mit wichtigen Grundstoffen bei. So bedeutend dieses war und ist, stellt die Gewinnung von Rohstoffen aber immer auch einen erheblichen Eingriff in Natur und Landschaft dar. Deshalb darf nicht nach Belieben abgebaut werden, sondern jeder Abbau, der eine Fläche von mehr als 30 Quadratmetern betrifft, bedarf einer Genehmigung durch die Naturschutzbehörde, in der Vorgaben für Rekultivierungsmaßnahmen selbstverständlicher Bestandteil sind. Wie sieht so etwas aus? Im Stellingsmoor bei Nartum kann ein entsprechendes Beispiel angeschaut und in seiner Entwicklung während der nächsten Jahre begleitet werden. Im Ortszentrum geht es von Mühle und Backhaus am Brink aus in die Immenstraße, vorbei an der Anlage des örtlichen Sportvereins und neuer Wohnbebauung zur Wohnstätte Walter Kempowskis an der Straße „Zum Röhrberg“, die überquert wird. Der Weg streift nach einer Weile linkerhand eine Bodenabbaustelle, nimmt eine Linkskurve und gabelt sich später. Dort dem rechten, breiteren Wegeteil folgen. Eine Schranke, mit der unerwünschter Autoverkehr verhindert werden soll, passieren und weiter immer geradeaus dem Weg folgen. Er trifft auf eine Wegekreuzung, an der ein ausgeschilderter Wanderweg zeigt, dass die Gegend nicht so verlassen ist, wie es scheint. Dort beginnt ein großes Torfabbaugebiet. Die genehmigte Abtorfung wurde mittlerweile beendet, das Gebiet für die angeordnete Renaturierung vorbereitet, und wer dem Wanderweg nach links zum Steinfelder Holz folgt, begleitet über lange Zeit gewissermaßen auf Augenhöhe ein ehemaliges Bodenabbaugebiet, dass sich zukünftig zu einem spannenden Beispiel dafür entwickelt, dass es auch bei einem Abbaugebiet letzten Endes darauf ankommt, was aus ihm gemacht wird.

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