Tierschutzverein Rotenburg betreibt Imagepflege - Von Dennis Bartz

Alles auf Anfang

Tierheimleiterin Silke Wingen nimmt sich zwischen Großreinemachen und Prüfungsvorbereitung Zeit für die Tiere.
 ©Foto: Dennis Bartz

Mulmshorn. 45 Kubikmeter Sperrmüll, genauso viel Altholz und dazu zwei Tonnen Schrott – beim Großreinemachen im Tierheim in Mulmshorn hatten die 40 Helfer alle Hände voll zu tun. „Wir werden bald sogar noch einen Container bestellen“, sagt Silke Wingen, Tierheimleiterin und Vorsitzende des Tierschutzvereins für den Landkreis Rotenburg. Vor 100 Tagen hat sie das Zepter von Regina Buchhop übernommen und arbeitet seitdem mit Hochdruck daran, das angeknackste Image des Vereins aufzupolieren. Nebenbei hockt sie über Büchern und paukt: Denn im September macht sie die Prüfung für die Zulassung für Tierheimleiter nach §11 Tierschutzgesetz. Prüfungsthemen sind unter anderem Tier- und Artenschutz und Krankheitslehre.

Mit der Entrümpelungsaktion und kleineren Schönheitsarbeiten hier und dort hat das Tierheim-Team das erste gesteckte Etappenziel erreicht. Beim Sommerfest hatten Interessierte Gelegenheit, sich ein Bild von den Fortschritten zu machen. „Etwa 250 Gäste waren gespannt darauf zu sehen, was in der kurzen Zeit passiert ist – die Resonanz war durchweg positiv“, freut sich Wingen, der die Anstrengungen der vergangenen drei Monate anzusehen sind. Kritik an ihrer Vorgängerin äußert sie nicht: „Regina opfert sich für Tiere auf. Wir stehen in engem Kontakt. Um den Verein zu entlasten, hat jedoch sie sich dazu entscheiden, die Wildtierauffangstation privat zu führen.“

Bereits auf der Zufahrt zum Tierheim fällt auf, dass bereits einiges passiert ist: Bäume und Sträucher sind zurückgeschnitten oder ganz entfernt worden. Dadurch wirkt alles aufgeräumter und heller. Außerdem hat der Futtercontainer einen neuen Boden erhalten – „wir hatten dort Ratten und konnten ihn aus Hygienegründen nicht mehr nutzen“.

Wingen bedankt sich für den unermüdlichen Einsatz bei ihren drei Mitstreitern im Vorstand Heike Ziener, Ramona Hachtmeister und Maike Körting („Man darf nicht vergessen, dass sie genau wie ich ehrenamtlich arbeiten“) sowie bei den Mitarbeitern, Helfern und Praktikanten. „Was sie bisher geleistet haben, ist großartig. Wir brauchen einen langen Atem – und den haben wir“, verspricht Wingen.

Die Stippvisite von Dr. Joachim Wiedner, leitender Veterinär beim Landkreis Rotenburg, machte ihr zusätzlich Mut. „Er hat sich alles ganz genau angesehen und war zufrieden. Wir haben keine Auflagen bekommen. Außerdem hatte er einige Tipps für uns, die uns sehr weiterhelfen.“ Der Tierschutzverein möchte auf Wiedners Ratschlag hin den Auslauf neu einzäunen, damit die vier Tierheimhunde dort unbeaufsichtigt bleiben können. „Einige Hunde sind Ausbruchskünstler. Mit einem neuen Doppelstabmattenzaun könnte nichts mehr passieren“, so Wingen. Sie hat einen Antrag auf einen Investitionskostenzuschuss beim Landkreis gestellt, um die Kosten zu stemmen.

Denn aus eigenen Mitteln könne der Tierschutzverein die Anschaffung und den Aufbau nicht leisten, betont Wingen. Das Geld sei knapp, daran ändere selbst der Verkauf des Gebäudes in Minstedt nichts, in dem die Tieroase untergebracht ist. Gespräche mit einem Interessenten seien zwar weit vorangeschritten, aber unterschrieben sei noch nichts und den großen Geldsegen bringe das ohnehin nicht. „Der Verkauf gibt uns lediglich ein wenig Luft“, so Wingen.

Erschwerend käme hinzu, dass die Mieterin dort Nießbrauchrecht genießt. Der Tierschutzverein muss sie auszahlen, will er den Verkauf realisieren. „Wir machen deshalb lediglich einen kleinen Gewinn“, so Wingen. „Maximal ein Jahr“ könnte der Verein unter den aktuellen Bedingungen seine Arbeit fortführen. Und dann? „Wenn wir bis dahin nicht die Einnahmen steigern, sind wir pleite.“

Wingen hofft auf Spenden und großzügige Sponsoren, auch eine Erbschaft könnte helfen. Zusätzlich möchte sie in Kürze wieder das Gespräch mit den Kommunen im Südkreis suchen: „Ich möchte langfristig wieder die Aufnahme von Fundtieren übernehmen – das Thema ist hier am besten aufgehoben“, sagt Wingen selbstbewusst.

Im Tierheim gebe es bis dahin jede Menge zu tun. „Es gibt feuchte Stellen. Wir müssen dringend etwas an der Substanz machen, sonst gammelt uns das Haus unter den Händen weg.“

Den Traum von einem Neubau hat sie noch nicht aufgegeben: „Das aktuelle Tierheim ist zu klein. Wir bräuchten außerdem mehr Platz, um neue Einnahmen zu generieren: zum Beispiel durch eine Tierpension und einen Tierfriedhof. Beides können wir so hier nicht umsetzen.“ Gleichwohl sei es utopisch, den Plan aktuell weiter zu verfolgen. „Wir haben das Geld dafür einfach nicht.“

In einem besonders schlechten Zustand ist derzeit die Einliegerwohnung, die lange unbewohnt war. Dort platzt der Putz an vielen Stellen von den Wänden, Holzrahmen sind angefressen und Deckenverkleidungen fehlen. „Leider ist die Wohnung außerdem sehr feucht“, sagt Wingen, die dennoch einen Entschluss gefasst hat: Mit Ehemann Marco, der im Tierheim als Hausmeister angestellt ist, wird sie dort einziehen.

Lediglich geringe Ausbesserungsarbeiten an den Wänden sollen vorher noch erledigt, die Wohnung zumindest gereinigt und die Räume tapeziert werden. „Der Mietvertrag läuft auf meinen Mann und wurde von allen Vorstandsmitgliedern unterschrieben. Wir zahlen dafür eine ortsübliche Miete – auch wenn dies für eine Wohnung in dem Zustand eigentlich zu viel ist“, stellt Wingen klar.

Aufs Jahr gerechnet ergeben sich dadurch zusätzliche Einnahmen im „deutlichen vierstelligen Bereich“, die der Tierschutzverein dringend braucht. Die Räume wurden zuletzt sporadisch für ein bis zwei Veranstaltungen im Jahr genutzt. „Die Einnahmen, die uns dadurch womöglich verloren gehen, sind um ein vielfaches geringer als die Miete, die wir zahlen“, betont Wingen. Für die Unterbringung von Tieren seien die Räume zudem gar nicht geeignet: „Sie sind dafür nicht zugelassen. Außerdem wären die Tiere dort den ganzen Tag auf sich allein gestellt.“

Der Einzug habe nicht nur finanzielle Vorteile: „Ich bin dann immer vor Ort und kann das Team entlasten. Dass jemand im Tierheim wohnt, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Außerdem brauche ich kein zweites Büro zu Hause und die Anfahrten fallen weg. Ich bin immer da, beispielsweise wenn ein krankes Tier alle zwei Stunden Medikamente braucht oder die Polizei nachts ein ausgesetztes Tier bringen möchte.“

Viel Zeit, um sich auf dem Erreichten auszuruhen und erstmal durchzupusten, gewährt sich Wingen mit ihrem Team nicht. Die letzten freien Tage seien lange her, auch ein Sommerurlaub sei nicht drin gewesen. „Wir stehen schließlich noch ganz am Anfang und kämpfen weiter um die Existenz des Tierheims“, sagt Wingen.

Um alle anfallenden Arbeiten erledigen zu können, sucht sie Unterstützer. Zusätzlich zu den beiden Mitarbeitern soll eine weitere feste Kraft mit etwa 120 Stunden im Monat kommen. Außerdem sind bereits fünf ehrenamtliche Helfer regelmäßig im Einsatz, dazu zwei Praktikanten am Vormittag. „Damit sind wir dann gut aufgestellt. Wir bräuchten aber noch Interessierte, die mit den Hunden Gassi gehen wollen.“

Der Neuanfang verlief nicht ohne Störgeräusche und kritische Stimmen. So ist die stellvertretende Vorsitzende Stephanie Klawitter nach nur wenigen Wochen zurückgetreten, der Posten seitdem unbesetzt. „Es wird im Oktober eine Mitgliederversammlung geben. Dort werden wir auch eine neue Stellvertretung wählen“, betont Wingen.

Außerdem fällt auf: Das komplette Team an Mitarbeitern ist neu. Dazu erklärt Wingen: „Die beiden nach dem Wechsel verbliebenen Mitarbeiter haben selbst gekündigt – einer nur deshalb, weil er aus privaten Gründen in ein anderes Bundesland gezogen ist.“

Wingen zieht einen Schlussstrich unter die Vergangenheit und will den Verein für die Zukunft neu aufstellen. Das soll sich nicht nur im Tierheim und auf dem Gelände bemerkbar machen. Auch nach außen hin möchte der Verein anders auftreten, zeigt dies bald durch ein neues Logo, das farblich neue Akzente setzt: „Wir werden rot“, verkündet Wingen.

Auch auf dem Gelände und im Tierheim sollen die Arbeiten weitergehen – und das kostengünstig und schnell. Wingen sucht Handwerker wie Maler und Landschaftsgärtner, die sich einbringen wollen. Über das Spendenportal „Einfach gut machen“ wirbt die Sparkasse Rotenburg Osterholz Spenden für den Tierschutzverein. Mit dem Geld sollen die Böden der Katzen-Außengehege erneuert werden. 4.500 Euro sind dafür nötig, Stand jetzt sind erst 275 Euro eingegangen. „Wir würden das am liebsten noch vor dem Winter erledigen“, so Wingen.

Um noch besser erreichbar zu sein, möchte sie die Öffnungszeiten erweitern. Bislang hat das Tierheim montags, dienstags, donnerstags, freitags und jeden zweiten Samstag von 15 bis 17 Uhr geöffnet. „Wir wollen später jeden Samstag öffnen, im Wechsel vor- und nachmittags. Dieser Wunsch wird uns häufiger vorgetragen, besonders von Schichtarbeitern.“

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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