Natur-Looks: Küstenheide – ein seltener Kulturlandschaftsraum Niedersachsens - VON CHRISTIANE LOOKS

Die Heide außerhalb von Lüneburg

Altenwalder Heide im Naturschutzgebiet Cuxhavener Küstenheiden.
 ©Joachim Looks

Ein abgegriffenes, blaues Liederbuch aus dem Jahr 1958 hat mich treu seit meinem dritten Schuljahr begleitet. Ich bekam das Liederbuch für Schleswig-Holstein von meinen holsteinischen Großeltern geschenkt und spielte es auf meiner Blockflöte von vorne bis hinten durch, im Sommer von meinen Eltern in den Garten verbannt, weil es sie als Volksschullehrkräfte einfach nervte, wenn sie zum wiederholten Male nicht nur in ihrem Musikunterricht der dritten Grundschulklasse beispielsweise das aus Schweden stammende Wanderlied „Im Frühtau zu Berge“ mit ihren Klassen singen, sondern nach dem Unterricht zusätzlich die Flötenversion ihrer ältesten Tochter ertragen mussten. Zu meinem Bedauern gab es in dem blauen Buch aber auch eine ganze Reihe von Liedern, bei denen nur der Text abgedruckt worden war. Zu ihnen gehörte „Auf der Lüneburger Heide“. Selbstverständlich sangen wir auch dieses Hermann Löns zugeschriebene Heidelied im Musikunterricht, ohne zu wissen, dass es eigentlich auf einem alten Schelmenlied basierte, das Löns während seiner Göttinger Studentenzeit als Ulklied kennengelernt hatte. Er sprach anderen gegenüber von einem frechen Strolchlied, und hätten Verantwortliche für den Lehrplan von Volksschulen den Ursprungstext gekannt, wären sie sicher nicht so arglos mit dem – nach Hermann Löns – frechsten Lied von allen Liedern umgegangen. Löns beschreibt die Lüneburger Heide als ein wunderschönes Land. Zur Heideblüte ist sie das sicher und erweist sich als Publikumsmagnet.

Unbebautes Land wurde vor Jahrhunderten als Haide bezeichnet. Eine steigende Bevölkerung ging zunehmend dazu über, ursprünglich bewaldete Gebiete nach Rodungen unter Einbeziehung stehen gebliebener Waldbereiche zu bewirtschaften, Haustiere zur Waldbeweidung in den durch Holzeinschlag licht gewordenen Wald zu treiben, wo sie eine natürliche Wiederbewaldung verhinderten. Aus Wald entstanden baumfreie, offene Flächen, auf denen Heidekrautgewächse überwogen, bedingt durch nicht nachhaltiges Wirtschaften, bei dem Wald sich nicht regenerieren konnte.

Kam hinzu, dass bis ins 19. Jahrhundert üblich war, zur Gewinnung von natürlichem Dünger Heideflächen durch Hieb abzuplaggen und als Einstreu in Ställen zu verwenden. Übrig blieb auf abgeplaggten Flächen reiner Mineralboden. Sobald er begrünte, erfolgte Beweidung, wodurch ihm aber für die Entwicklung weiteren Bewuchses Nährstoffe entzogen wurden, die durch den Dung der Weidetiere bei den durch Plaggenhieb gestörten Böden nicht ausgeglichen werden konnten. Größere Gehölze entwickeln sich unter diesen Bedingungen nicht, zumal sie unter Verbiss litten. Was wuchs, waren Heidekrautgewächse und nicht verbissene Gehölzarten wie Wacholder.

Ein regelmäßiges Abbrennen der auf diese Weise entstandenen Flächen verhinderte eine Überalterung der Vegetation. Sie führte zu nährstoffreichem Neuaustrieb, der sich als gut für Kleinwild wie Hasen oder Birkhühnern erwies. Der Bestand stieg an, und zusammen mit Heidschnucken kam es zu weiteren Nährstoffverlusten der Böden, den Kleinwild- und Schafsdung nicht ausglichen, da die ohnehin schon nährstoffarmen Sandböden durch Regen zusätzlich Nährstoffe über Auswaschungen verloren. Auf diesen ausgelaugten Böden wuchsen letzten Endes nur Heidekrautgewächse und Wacholder, weil sie verbliebene Nährstoffreste mit Hilfe starker organischer Säure erschließen konnten, wodurch der Boden versauerte und sich immer weniger zersetzte, weil dafür erforderliche Bakterien fehlten. Heide war also lange Zeit überhaupt kein wunderschönes, sondern ein übernutztes Land.

Anders sieht es aus, wenn der Vegetationstyp Heide genauer betrachtet wird, denn Heide ist nicht gleich Heide, sie unterscheidet sich. In Mitteleuropa entstanden Heiden in der Regel durch menschliche Bewirtschaftung. Nur in waldfreien Gebirgsregionen, Mooren oder Küsten gab es nicht durch Menschenhand verursachte Zonen niedriger Sträucher oder Zwergsträucher mit immergrünem Laub, geprägt von Heidekrautgewächsen. Hierzu gehören Küstenheiden, wie sie vor allem im milden, feuchten Klima Nordwest-Europas zu finden sind und ganz selten bei uns in Niedersachsen. Zu dieser Seltenheit gehören die unter Naturschutz (NSG) stehenden Cuxhavener Küstenheiden.

Hier gibt es als zusätzliche Besonderheit Krähenbeer-Heiden. Die Krähenbeere ist ein Zwergstrauch, der Viehtritt nicht mag. An Küsten kann er sich flächig halten, da salziger Seewind Gehölzaufwuchs behindert, weil er immer wieder Sand in Meer nahe Bereiche weht: Landschaftspflege einmal ganz anders als durch Schafe, Ziegen, Wildpferde, Rinder oder gar Wisente wie im NSG Cuxhavener Küstenheiden.

Über die Autoren

Christiane Looks ist Naturschutzbeauftragte für den Landkreis Rotenburg. Mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit unterstützt sie die Naturschutzbehörde in Angelegenheiten des Naturschutzes und der Landschaftspflege und fördert das Verständnis für diese Aufgaben. Alle zwei Wochen wirft sie einen Blick in unsere Natur, unterstützt durch Fotos ihres Ehemanns Joachim Looks. Wer den beiden Fragen stellen oder Anmerkungen zukommen lassen möchte, erreicht sie telefonisch unter 04269/96017.

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