Diakonieklinikum reagiert auf offenen Brief von Mitarbeitern - Von Dennis Bartz

„Wir nehmen das sehr ernst“

Das Team der unfallchirurgischen Station 3 am Rotenburger Diakonieklinikum kritisiert in einem offenen Brief die Arbeitsbedingungen.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg. „Das ist ein letzter Hilferuf! Wir sind nicht mehr bereit, unsere Gesundheit weiter zu gefährden“, schreibt das Pflegeteam der unfallchirurgischen Station 3 des Rotenburger Diakonieklinikum zum Abschluss eines offenen Briefes, der an die Geschäftsführung gerichtet ist. In dem dreiseitigen Schreiben, das in einem Glaskasten im Untergeschoss aushängt, kritisieren die Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen und stellen Forderungen.

„Durch den Personalmangel kommt es zu einer massiven Überlastung und Gefährdung des Pflegepersonals und zu einer dauerhaften krankmachenden Arbeitssituation, die wir nicht mehr hinnehmen können. Überstunden, fehlende Pausen, das Nichteinhalten des Arbeitszeitgesetzes, psychischer Druck durch fehlende Zeit und körperliche Belastung spielen eine große Rolle. Durch unverlässliche Dienstpläne sowie häufige Anrufe und somit Störungen in der Freizeit- und der Erholungsphase ist eine ausreichende Regeneration nicht möglich“, kritisieren die Pflegekräfte.

Matthias Richter, theologischer Direktor des Diakonieklinikums, erklärt dazu auf Nachfrage der Rundschau: „Der offene Brief hat unsere Krankenhausleitung ebenfalls erreicht. Seitdem haben bereits mehrere Gespräche mit den Mitarbeitenden der Station und der Pflegedirektion unter Beteiligung der Mitarbeitervertetung stattgefunden. Dabei wurde zum Beispiel verabredet, dass ein gemeinsamer Teamtag stattfinden soll, den eine kleine Gruppe aus Pflegekräften, dem Pflegedirektor und der Mitarbeitervertretung vorbereitet. Ein solches Vorgehen ist für uns wichtig, weil wir die Rückmeldung der Pflegenden sehr ernst nehmen und das hohe Engagement in der Arbeit, verbunden mit viel Empathie und Geduld, hoch schätzen.“

Der offene Brief mache aber auch deutlich, wie sich durch ändernde Gesetzgebungen, verbunden mit Liegezeitverkürzung der Patienten und daraus resultierenden Fallzahlenzunahmen, Stationsalltage in allen deutschen Krankenhäusern verändern, so Richter weiter: „Bundesweit sind alle Schritte eines Behandlungsprozesses enger getaktet und die Intensität der Arbeit in Medizin und Pflege hat kontinuierlich zugenommen. Deswegen begrüßen wir es, dass die deutschen Krankenhäuser in Berlin mit einem Krankenhausgipfel den Auftakt einer Reformkampagne für die deutsche Krankenhauspolitik gesetzt haben.“

Teilgenommen haben daran demnach nicht nur zahlreiche Vertreter des Gesundheitswesens, sondern auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seine brandenburgische Landeskollegin Ursula Nonnemacher. „Wir haben die Hoffnung, dass man Lehren aus der Corona-Krise zieht und sich die Rahmenbedingungen für die deutschen Krankenhäuser insgesamt grundlegend verbessern“, betont Richter.

Noch habe die Gesetzgebung für viele Probleme keine Lösung. Die Verordnungen von Spahn zu Pflegepersonaluntergrenzen und Pflegepersonalquotienten steigere die „teilweise absurde Bürokratie“ ein weiteres Mal und helfe niemandem, kritisiert Richter: „Ganz im Gegenteil – die spürbare Belastung der einzelnen Teammitglieder verstärkt sich. Wir arbeiten deshalb bereits mit unterschiedlichen Arbeitsmodellen, einem mehrstufigen Ausfallkonzept und zusätzlichen Bonuspauschalen. Ein eigener Pflegepool soll Stationsteams entlasten. Wir schaffen fortlaufend zusätzliche Pflegestellen, um die Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeitenden nachhaltig zu verbessern. Diese Maßnahmen betreffen das ganze Haus. Für die Station 3 haben wir wegen hoher Krankheitsquoten zusätzlich eine Bettenreduzierung zur Arbeitsentlastung des Pflegedienstes vorgenommen.“

Die Verfasser des offenen Briefes stellen Forderungen, die bis zum 1. Oktober umgesetzt werden sollen. Dabei geht es neben einigen Anpassungen in Bezug auf die Arbeitsabläufe, Arbeitsbedingungen und Dienstzeiten auch um eine zusätzliche Vergütung. Sollten diese nicht erfüllt werden, kündigt das Pflegeteam an, freiwillige Leistungen wie das Einspringen aus dem Frei künftig abzulehnen.

Richter stellt dazu klar: „Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass pauschale Forderungen wenig hilfreich sind. Es liegt im Wesen eines Krankenhauses, dass wir immer wieder mit Spitzen in der Belegung konfrontiert sind, die die Mitarbeitenden aller Berufsgruppe herausfordern. Insofern ist es eine dauerhafte Aufgabe für unser Haus, dass in solchen Situationen alle Beteiligten, also die Leitung, Vertreter und Vertreterinnen des Teams und die Mitarbeitervertretung nach konkreten Lösungen suchen.“

Richter bittet dafür um Unterstützung: „Ich möchte die Rotenburger gerne dazu aufrufen, uns in der Suche nach qualifiziertem Personal zu unterstützen. Jeder Rotenburger, der eine Pflegefachkraft wirbt, kann sich eine Prämie von 2.000 Euro sichern. Das hilft Rotenburg in der Gesundheitsversorgung und allen Kolleginnen im Team.“

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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