Autor und Autist Dr. Peter Schmidt im Interview / Lesung am Freitag, 19 Uhr - Von Dennis Bartz

Liebe im Koordinatensystem

Dr. Peter Schmidt hat erst im Alter von 41 Jahren erfahren, dass er Autist ist. "Die Diagnose ist für mich ein Generalschlüssel für alle offenen Fragen", erklärt der 50-Jährige.
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg. Der ebenso geniale wie eigensinnige Wissenschaftler Dr. Sheldon Cooper ist der beliebteste Charakter der Pro-Sieben-Serie „Big Bang Theory“. Millionen Fans schalten ein, wenn der Autist montagabends Mitbewohner Leonard und Freundin Amy den letzten Nerv raubt. Auch Peter Schmidt schaut die Serie gerne, obwohl er den Sonderling gar nicht so sonderlich findet. Ganz im Gegenteil: Schmidt kann dessen Eigenarten zum Teil sogar nachempfinden. Die beiden haben einiges gemeinsam: Auch Schmidt, Diplom-Geophysiker und IT-Experte, ist Wissenschaftler, auch der 50-Jährige hat einen Doktortitel und viel entscheidender - Dr. Peter Schmidt aus Gadenstedt bei Peine ist Autist. Am Freitag, 18. November, 19 Uhr, liest er im Beratungszentrum der Rotenburger Werke in der Goethestraße aus seinem Buch „Ein Kaktus zum Valentinstag“. Im Gespräch mit der Rundschau spricht Schmidt darüber, wie er es trotz seiner Erkrankung geschafft hat, ein (fast) ganz normales Leben zu führen.

Hat der Titel Ihres Buches „Ein Kaktus zum Valentinstag“ einen wahren Hintergrund?

Peter Schmidt: Ja, denn ich habe meiner Frau, die damals noch meine Freundin war, tatsächlich einen Kaktus geschenkt. Damals kannten wir uns noch nicht so lange und ich hatte mir lange Gedanken darüber gemacht, worüber sie sich freuen könnte. Einen Kaktus hatte sie noch nicht, und das Geschenk sollte auch einen Symbolcharakter haben. Ich wollte ihr zeigen, was für einen Typen sie bekommt. Als ich jemanden davon erzählt habe, hat der mich natürlich für verrückt erklärt, weil man so etwas seiner Partnerin niemals schenken sollte. Deshalb dachte ich schon, ich hätte sie womöglich verloren. Aber der Verlauf der Geschichte beweist das Gegenteil. Heute sind wir verheiratet und haben zwei tolle Kinder.

„Ein Kaktus zum Valentinstag“ war Ihr Debüt-Roman und avancierte zum Bestseller. Es folgten drei weitere Bücher. Was macht Ihre Geschichten so erfolgreich?

Schmidt: Es gibt viele Fachbücher über Autismus. Die sind natürlich sehr trocken. Ich schreibe aus meinem Leben und möchte damit aufklären und unterhalten. Mir ist es wichtig deutlich zu machen, dass Autisten Menschen wie du und ich sind, die eben anders funktionieren.

Wie funktionieren Sie denn?

Schmidt: Es ist für mich sehr schwierig, die Gefühlswelt meines Gegenübers einzuschätzen. Ich beschreibe das gerne so: Ich fühle mich manchmal wie hinter einer gläsernen Mauer oder wie ein Vogel, der gegen ein Fenster fliegt und stirbt. Das ist das zentrale Problem, auch für meine Kinder: Es fällt mir schwer, sie beispielsweise zu trösten, weil ich für die meisten Situationen wie etwa Liebeskummer keine Empathie empfinde.

Sie wirken im Gespräch zwar sehr rational, aber ansonsten gar nicht auffällig. Welche typischen Charakterzüge eines Autisten haben Sie?

Schmidt: Ich zappele herum, wenn ich mich freue und wippe nervös auf und ab, wenn beispielsweise der Zug nicht wie geplant kommt. Kleinigkeiten werfen mich völlig aus der Bahn und machen mich panisch. Andere Dinge, wie beispielsweise ein Kratzer am Auto, über den sich fast jeder ärgern würde, lassen mich kalt. Ich habe kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs ganz unaufgeregt Syrien bereist. Auf der anderen Seite hat es mich wahnsinnig gemacht, als in einem Schnellrestaurant am Highway 95 in Amerika die Cola ausverkauft war.

War das in Ihrer Kindheit auch schon so?

Schmidt: Früher habe ich eine Zeit lang leidenschaftlich gerne Autokennzeichen notiert. Ich habe mich immer total darüber gefreut, wenn ich auf einem Nummernschild eine neue Stadt entdeckt habe, die noch nicht in meinem Büchlein stand. Als ich neun Jahre alt war, habe ich mich einmal direkt an die stark befahrene Autobahn 7 Höhe Hildesheimer Börde gestellt. Das war für mich total logisch: Schließlich gab es dort am meisten Autos. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass ich mich damit in Gefahr bringen könnte – heute wäre ich damit sicher sofort in jedem Verkehrsfunk.

Wie geht Ihre Frau mit Ihren Eigenarten um?

Schmidt: Sie trägt sie über weite Strecken mit – das gelingt ihr aber nicht immer. Meine Kinder haben spätestens in der Grundschule gemerkt, dass ihr Papa anders ist als die Väter ihrer Klassenkameraden. Man sagt, dass der Mensch etwa 80 Prozent auf der Beziehungsebene und nur 20 Prozent auf der Sachebene agiert – bei mir ist das Verhältnis völlig anders ausgeprägt. Meine Frau hat mich am Strand von Eckernförde einmal gefragt, was Liebe für mich ist. Ich habe es ihr anhand eines Koordinatensystems in den Sand gemalt und erklärt. Wenn ich zu einem Menschen genug Vertrauen aufgebaut habe, dann ist das für mich Liebe.

Stimmt es, dass Sie Ihre Ehefrau auf der Straße nicht erkennen würden?

Schmidt: Das ist richtig. Einmal wollte sie mich überraschend am Flughafen abholen. Sie kam winkend auf mich zugelaufen. Da habe ich nur gedacht: „Oh, das ist eine Frau, die sieht so ähnlich aus wie meine Martina“.

Wieso haben Sie sie nicht erkannt?

Schmidt: Weil es nicht abgesprochen war, dass sie kommt. Sie konnte es also gar nicht sein. Meine Frau musste mich erst ansprechen, nachdem ich direkt an ihr vorbeigelaufen war. Statt mich zu freuen, habe ich sie sogar angemeckert, weil sie meinen Plan durcheinandergebracht hat.

Seit wann wissen Sie, dass Sie Autist sind?

Schmidt: Ich habe erst im Alter von 41 Jahren erfahren, dass ich ein Autist mit klassisch-ausgeprägtem Asperger-Syndrom bin. Das war ein Schock für mich – aber auch eine Erleichterung. Auf andere macht es manchmal den Eindruck, dass es aufgrund des starren Festhaltens an Gewohnheiten immer nach meiner Nase gehen muss. Aber es ist kein Egoismus, der dahinter steckt. Es bereitet mir Schmerzen, wenn etwas nicht so läuft wie ich es geplant hatte. 41 Jahre habe ich mich gefragt, warum ich die Emotionen anderer Menschen nicht verstehe. Die Antwort „Weil ich ein Autist bin“ ist wie ein Generalschlüssel für alles. Heute weiß ich: Ich muss Außergewöhnliches leisten, um für andere gewöhnlich zu sein.

• Mehr über den Autoren Peter Schmidt finden Interessierte auf seiner Internetseite www.dr-peter-schmidt.de. Er hat nach „Ein Kaktus zum Valentinstag“ (2012) die Bücher „Der Junge vom Saturn“ (2013), „Kein Anschluss unter diesem Kollegen“ (2014) und „Der Straßensammler“ (2016) veröffentlicht.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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