Hans-Jürgen Schnellrieder: vom Starkstromelektriker zum grünen Politiker - Von Klaus-Dieter Plage

Mit Koffern voller Geld

Hans-Jürgen Schnellrieder hatte sogar einmal Sammy Davis Junior an Bord.
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Fintel. Starkstromelektriker, Pilot, Testpilot, Flugliniengründer, Unternehmer, Grünen-Politiker: Der Weg des Fintelers Hans-Jürgen Schnellrieder ist vor allem von Abenteuerlust und der Suche nach immer neuen Herausforderungen geprägt. „Ich habe sie nie gescheut und Lösungen für Probleme angepackt. Dazu gehört natürlich auch der Mut, etwas zu tun“, sagt er heute.

Es beginnt verhältnismäßig harmlos Ende der sechziger Jahre mit einer Ausbildung zum Starkstromelektriker. Denn schon früh ist Schnellrieder von Technik fasziniert, besonders, als er als Flugzeugelektroniker zur Lufthansawechselt. „Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, dass ich mich auf einem Rollfeld mit einem Piloten unterhielt“, sagt Schnellrieder. Der unbedachte Satz „Was du kannst, kann ich schon lange“, den er zu dem Piloten sagt, gibt seinem Leben eine nachhaltige Wendung. Immerhin steht er nun in der Beweispflicht, und neben seiner Arbeit als Flugzeugelektroniker beginnt er eine Ausbildung zum Piloten. Zugang zu den Flugschulen hat er über der Lufthansa. Trotzdem kostete die Ausbildung zum Piloten rund 80.000 Mark. Nach der Privatpilotenlizenz (PPL) folgte der Instrumenten- sowie der kommerzielle Pilotenschein.

„Die Pilotenausbildung lief damals anders ab wie heute. Luftfahrt war nach dem Krieg ,amerikanisch‘“, erinnert sich Schnellrieder. Der größte Teil der fliegerischen Ausbildung und Entwicklung findet in USA statt. 80 Prozent der praktischen Ausbildung erfolgt direkt auf dem Flugzeug. Heute sitzen die künftigen Piloten dafür hauptsächlich im Simulator, von dort geht es direkt ins Flugzeug mit den Passagieren. „Aber die heutigen Simulationstechniken sind sehr ausgereift“, erklärt Schnellrieder diese Entwicklung.

Bereits mit 21 Jahren arbeitet er als Co-Pilot bei einer afrikanischen Minengesellschaft. Mit einer Falcon 20 (Zweistrahliger Geschäftsreisejet des französischen Flugzeugbauers Dassault) düst er im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Direktor der Minengesellschaft über Afrika herum. Die Düsentriebwerke der Falcon 20 haben keine Schubumkehr, deshalb besitzt die Maschine einen Bremsschirm. Bei diesen Rundflügen holt der Direktor aus den einzelnen Minen Gold und Diamanten ab. Neben den Gold- und Diamanten-Transporten organisiert Schnellrieder eine Luftbrücke zur Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten.

1971 macht er den Linien-Pilotenschein und wechselt zu Atlantis, der ersten deutschen Charter-Fluggesellschaft. Als Co-Pilot im Kapitänstraining fliegt er den Passagierjet mit 115 Fluggästen durch die Welt. Um auf den Sitz des Kapitäns zu wechseln, braucht man zu der Zeit eine Flugerfahrung von rund 2.000 Flugstunden. „Da wollte ich natürlich hin. Aber im Grunde genommen muss der Co-Pilot genauso viel Kompetenz haben wie der Kapitän, um ihn im Notfall ersetzen zu können.“ Ende 1972 meldet Atlantis Konkurs an.

Für Schnellrieder heißt es 1973 auf zu neuen Ufern, Brasilien war das Ziel. „Eigentlich wollte ich dahin auswandern“, erzählt der Finteler. Es kommt aber anders: Mit dem brasilianischen Luftfahrtminister baut er eine Beratungsfirma für die Luftfahrt auf. Sie entwickeln ein System, mit dem man eine Hochspannungsleitung von Manaus (Amazonasgebiet) zu den Industriegebieten an der Ostküste mit Hubschraubern verlegen kann. „Der Grund, das mit Helikopter zu machen war einerseits der Zeitfaktor und zum anderen das unwegsame Gelände“, sagt Schnellrieder. Die nötigen Erfahrungen dafür hat er zuvor in Amerika gesammelt. Und dort Igor Sikorski kennengelernt, der mit seinen Skycrane Schwerlasthubschraubern ein Konzept entwickelt hat, mit dem man über die Rocky Mountains Hochspannungsmasten setzen kann. Mit dem Know-how und der Unterstützung von Sikorski münzt er das Konzept auf brasilianische Verhältnisse um. „Sikorski war ein alter Haudegen und ich ein junger Mann. Das war schon interessant“, erinnert sich Schnellrieder mit einem Lachen. Aus familiären Gründen ist Brasilien jedoch nur ein halbjähriges Zwischenspiel.

Zurück in Frankfurt, beginnt für ihn eine stürmische Zeit, in der er eine eigene Fluggesellschaft gründet, die erste Paketfrachtlinie in Deutschland. Erfahrungen hat er damals in USA bei Fedex gesammelt, die als Pionier für Paketfracht gilt. Mit einem zweimotorigen Flugzeug und einem Kompagnon geht der heutige Finteler an den Start. Exklusiv fliegt die Firma für das Computerunternehmen Nixdorf und verteilt in ganz Europa Computer Ersatzteile. „Auch damals musste alles schon schnell gehen“, weiß Schnellrieder noch ganz genau. „Tag und Nacht war man mit dem Propellerflugzeug unterwegs.“ Ein Nachtflugverbot gibt es noch nicht. „Die zweimotorige Maschine haben wir immer zu zweit geflogen. Das mussten wir nicht, aber allein zu fliegen widersprach meinem Sicherheitsempfinden. Schließlich bin ich mit der Lufthansa-Sicherheit-Philosophie ausgebildet worden, und die habe ich bis zum letzten Tag in meiner Pilotenzeit durchgehalten“. Nach dem Tod des Mitgesellschafters, der bei einem ,,Flugzeugunglück in den Alpen ums Leben kommt, löst Schnellrieder die Fluggesellschaft auf.

Ende 1974 ist der französische Flugzeughersteller Dassault das nächste Ziel. „Das Unternehmen baute die Falcon 20 und eine ganze Serie von weiteren Flugzeugen, die ich alle flog“, berichtet er. Als Werks- und Testpilot sind seine Aufgaben vielfältig. Er schult die Piloten der Kunden, unterstützt sie bei der Einführung einer Fluggesellschaft. Teilweise als Geschäftsführer, Flugbetriebsleiter oder technischer Leiter ist Schnellrieder im Auftrag von Dassault unterwegs. Mit 28 Jahren baut er einen Flugrettungsdienst mit Jets für einen Kunden auf und fliegt die Maschinen auch selbst. Hauptsächlich holt er für die Industrie und Regierung verunfallte Menschen nach Deutschland zurück. Für die Farbwerke Hoechst geht es zu einem Chemiewerk in den Ural. „Ich war wahrscheinlich der erste westliche Pilot, der in der Regierungszeit Chruschtschows dorthin fliegen durfte“. Viele prominente Menschen lernt Schnellrieder in dieser Zeit kennen, unter ihnen sind so bekannte Persönlichkeiten wie Sammy Davis Junior und Frank Sinatra.

1979 ist wieder Afrika, in dem gerade der Angola-Krieg herrscht, die nächste Station. In Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, baute er eine Versorgungsbrücke, für die Flüchtlinge, die im Grenzgebiet zwischen Angola und Zaire gestrandet sind, mit auf. Damit aber nicht genug: Mit einem belgischen und anderen Partnern gründet er die Fluggesellschaft Zaire Cargo. Die Gesellschaft verfügt über Frachtflugzeuge mit einer Zuladung von 40 Tonnen. Zur Flotte gehörten unter anderem die Boeing 707 und die DC 8 von Douglas. „Alle Flugzeuge habe ich selbst als Kapitän geflogen“, sagt er heute stolz. Denn immerhin: Mit Fracht hat die Boeing 707 ein Abflugsgewicht von rund 160 Tonnen. Als Kapitän und Flugbetriebsleiter heuert er die Mannschaften an und schult die Kapitäne.

Obst und Gemüse gehören genauso zur Fracht, wie Kobalt, das die Stahlindustrie benötigte, als auch Geld. Einmal fliegt er palettenweise frisch gedrucktes zairisches Geld von München nach Zaire. Mitten im Land stellte er die Paletten mit dem Geld auf einem Flughafen ab. „Als ich vier Wochen später dort vorbeikam, standen die Paletten immer noch mitten auf der Rampe. Anscheinend konnte mit dem Geld keiner etwas anfangen“, so Schnellrieder. Innerhalb von Zaire wird der Flugpreis in Kilogramm Geld bezahlt. Sie packen Samsonite-Koffer mit Geldscheinen voll und wiegen sie. „Die Mühe das Geld zu zählen hat sich keiner gemacht, weil die Inflation so groß war. Meistens bekamen wir für einen Transport 60 Kilogramm zairisches Geld, das waren einige Koffer voll“, erinnert sich der Finteler. Mit dem Geld wird Gold gekauft, das eingeschmolzen und in Dollar umgetauscht wird.

Aufgrund einer Regierungskrise löst sich die Zaire Cargo 1985 auf. Aus dieser Zeit begleiten wichtige Erkenntnisse aus Afrika und dem Mittleren Osten seinen Lebensweg: „Ich habe den Sumpf der Machenschaften der Großmächte in Afrika miterlebt, die überall Stellvertreterkriege führten. Alles, was heute in Afghanistan, Syrien oder sonst wo passiert, läuft nach dem gleichen Schema ab. Die Menschen werden aufeinandergehetzt und dann in Stich gelassen.“

Als er 1986 den Pilotenberuf mit über 9.000 Flugstunden an den Nagel hängt, entscheidet er sich für sein Beratungsunternehmen MCI, dass er bereits 1983 gegründet hat und mit dem er international tätig ist. „Ich bin mehr Techniker und Betriebswirtschaftler wie Pilot. Am Fliegen hat mich hauptsächlich die Technik interessiert“.

Mit zeitweise bis zu 17 Ingenieuren macht sich sein Unternehmen einen Namen als Managementberater und Problemlöser in der Luftfahrt- und der Windenergiebranche. In der Zeit von 2012 bis 2013 fungiert Schnellrieder als Entwicklungsleiter für Offshore-Windkraftwerke bei der Firma Strabag.

Viel ruhiger wird es um den mittlerweile 70-Jährigen nicht. Immer noch sucht er nach neuen Herausforderungen, die er jetzt in der Politik findet. Geprägt durch die Erfahrungen in Afrika und im Mittleren Osten ist er zur Erkenntnis gekommen, dass man auf die große Politik keinen Einfluss hat – dafür aber auf einer kleinen lokalen Ebene. So war es ein logischer Schritt, dass er in die Kommunalpolitik geht und seitdem für die Grünen als Ratsmitglied in der Samtgemeinde Fintel sitzt. Natürlich mit neuen Zielen: „Wenn wir die Politik verändern wollen, müssen wir die Machtverhältnisse ändern. Dafür brauchen wir neue Angebote der Grünen im ländlichen Raum, die auch junge Leute ansprechen“, betont Schnellrieder. Nach seiner Meinung müsse das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in den Gemeinderäten verbessert werden. „Ich bin davon überzeugt, dass die Frauen eine höhere und bessere soziale Kompetenz in die Entscheidungsfindungen mit reinbringen. Auch die Diskussionskultur in den Sitzungen werde sich verbessern“. In dem Projekt „Frau.Macht.Demokratie“ des Niedersächsische Sozialministeriums engagiert sich Schnellrieder als Mentor und gibt politisch interessierten Frauen das nötige Handwerkszeug mit, damit sie sich in der Politik behaupten können.

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