Damwild in den Wäldern – eine römische Erfolgsgeschichte - Von Christiane Looks

Wieder eingebürgert

Vor etwa 80 Jahren wurde Damwild in unserem Landkreis angesiedelt. Foto: Joachim Looks
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Kirchwalsede. Wer auf dem Land lebte, galt lange Zeit als bedauernswertes, von Kultur und Fortschritt abgehängtes Wesen. Das spiegelt sich in Äußerungen mehrerer Persönlichkeiten von Lincoln über Bismarck, Hegel bis Mark Twain wider: Wenn die Welt unterginge, würde man (wahlweise) nach Louisiana, Mecklenburg, Niederlande, Cincinnati oder weitere als völlig rückständig angesehene Landstriche gehen, weil dort ginge die Welt (wiederum wahlweise) erst nach zehn, 20, 50 oder 100 Jahren unter.

So rückständig, wie mit Äußerungen dieser Art unterstellt, ist es auf dem Land aber schon lange nicht mehr. Fehlendes wurde schon früh mit einiger Kreativität und Organisationstalent ausgeglichen. Eine der Aufgaben, die meine Eltern als Volksschullehrer nach dem letzten Krieg für die Dorfgemeinschaft übernahmen, war in der Winterzeit die regelmäßige Busfahrt nach Kiel für die zahlreichen Theaterabonnenten im Ort zu organisieren. Sobald ich Radfahren und einigermaßen mit Zahlen umgehen konnte, gehörte es zu meinen Pflichten, bei den Theaterbesuchern das Busgeld zu kassieren. Diese Aufgabe ermöglichte es, einen Blick in fremde Häuser zu werfen und dort über Unbekanntes zu staunen. Besonders beeindruckten mich damals die vielen Jagdtrophäen im Büro des Gutsverwalters. So was gab es in keinem anderen Haus!

Später, in meiner Zeit als Lehrerin saß ich zur Organisation des Besuches einer Försterei wieder einmal in einem Büro mit zahlreichen Jagdtrophäen. Dabei fiel zwischen den Trophäen eine gerahmte Fotografie auf, die offensichtlich Damwild zeigte, das aus einem Gatter frei gelassen wurde. Neugierig erkundigte ich mich nach dem Grund des Fotos und erfuhr, dass die historische Aufnahme vor dem letzten Weltkrieg im Rahmen einer Wiederansiedelungskampagne in unserer Region entstanden war. Vorläufer unseres heutigen Damwilds (Dama dama) gab es bereits in der unserer Zeitrechnung vorausgehenden Eiszeit, die in den rund 2,5 Millionen Jahren ihrer Dauer entgegen ihres vom Namen her anzunehmenden eiskalten Zeit auch zwischenzeitlich auftretende Warmphasen aufwies.

Sowohl im Rheinland wie in Sachsen-Anhalt fanden sich Spuren von Damwild aus damaligen Warmphasen, die allerdings in Folge von Kaltphasen aus Nord- und Mitteleuropa verschwanden, sich eine Zeit lang noch im mittel- und südeuropäischen Raum halten konnten, ehe die Kälte sie aus Europa in den kleinasiatischen, beziehungsweise vorderorientalischen Bereich verdrängte. Aber schon in der Antike brachten Phönizier und Römer Dama dama nach Europa zurück, und es dauerte nicht lange, bis es auch nördlich der Alpen dank römischer Initiative wieder Damwild gab. Vor allem jagdbegeisterte Herrscher schätzten in Gegenden, wo es keine Rothirsche mit ihrem mächtigen Geweih gab, Damhirsche als Ersatzwildart für imposante Jagdtrophäen.

1577 wurden so die ersten 30 Stück Damwild im Reinhardswald bei Kassel etabliert. Im Gegensatz zu anderen norddeutschen Gebieten gab es überraschenderweise im Gebiet des heutigen Niedersachsens bis kurz vor dem letzten Weltkrieg keine entsprechenden Aktionen. Im Landkreis Rotenburg wurden beispielsweise erst zwischen 1934 und 1940 in Gattern 57 Stück Damwild in den Bereichen Luhne, Trochel, Wedehof und Spange gehalten, ehe es zu einer der Auswilderungen kam, die das alte Foto in dem oben beschriebenen Büro dokumentierte. Auf die damals frei gelassenen Tiere geht im Altkreis Rotenburg letztlich der heutige Damwildbestand zurück.

Damwild-interessiert? Das Waldgebiet entlang der Kreisstraße zwischen Kirchwalsede und Lüdingen, der Uetzenbuch, gehört zu den wildreichsten Damwildgebieten des Landkreises. Ein ausgeschilderter Wanderweg führt am Ortsausgang von Riekenbostel Richtung Kirchwalsede links entlang des Waldstücks Buchwörth über „Am Moorweg“ in den geheimnisvollen Uetzenbusch. Die nach dem eiszeitlichen Aus durch Römer und jagdliche Maßnahmen wieder eingebürgerten Tiere fühlen sich hier so wohl, dass Autofahrern im Bereich Uetzenbusch an der Kirchwalsede mit Lüdingen verbindenden Kreisstraße in Damwild-Brunftzeiten Schrittgeschwindigkeit nahe zu legen ist.

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