Von Uwe Lehmann

Bilder, die in der Seele wirken

Wer auf Reisen in russische Kirchen gekommen ist, dem sind dort sicher Ikonen aufgefallen. Auch in Griechenland sind sie aus den orthodoxen Gotteshäusern nicht wegzudenken. Wirken sie zunächst fremdartig, so dauert es nicht lange, bis sie einen eigenartigen Reiz, eine besondere Faszination ausüben. Dies, so würde Gisela Wichern aus Sittensen sagen, ist aber nur der erste Schritt. Ähnlich mag es ihr ergangen sein, als vor 15 Jahren der Wunsch in ihr erwachte, Ikonen nicht nur anzuschauen, sondern selbst solche Bildnisse zu malen.

Inzwischen hat sie an der Hermannsburger Paulus-Akademie Kurse besucht und sich in ihrem Haus ein kleines Atelier eingerichtet, in dem sich alles um Ikonen dreht. Da gibt es Handbücher, Bildbände, vor allem aber schön geordnet die Malutensilien. Ikonen werden auf Holztäfelchen gemalt, die nicht nur sorgfältig geschliffen wurden, sondern eine Grundierung aus mehreren Kreideschichten erhalten haben. Danach beginnt das eigentliche Malen (orthodoxe Ikonenmaler sprechen übrigens gern von Ikonen "schreiben", das Bild und der Text der Bibel gehören eng zusammen). In drei großen Schritten entsteht eine Ikone. Zuerst wird der Goldgrund geschaffen: einen roten Farbauftrag legt Gisela Wichern Blattgold auf. Als nächstes werden die Gewänder der Figuren gemalt, wobei in mehreren Schichten erst dunklere, dann hellere Farben aufgetragen werden. Im dritten und letzten Schritt werden die Gesichter gemalt. Auch hier werden helle über dunklere Farben gelegt. "Auch der Mensch", erinnert Gisela Wichern, "geht ja vom Dunkel ins Licht". Hier deutet sich an, dass Ikonen mehr sind als bloße Bilder, und Ikonen zu malen ist zugleich ein Eindringen in die Theologie des Dargestellten. Immerhin gehören Ikonen (das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt "Bild") zum Ehrwürdigsten und Tiefsten in der christlichen Darstellung. Übrigens auch zum Umstrittensten: Im 8. und 9. Jahrhundert wurde ein erbitterter Streit geführt, ob Gott, Christus, Maria, Engel und Heilige überhaupt dargestellt werden dürfen. Viele Ikonen wurden damals zerstört. Erst nach langen Auseinandersetzungen konnte im Jahre 843 festgelegt werden, dass Ikonen verehrt, aber nicht angebetet werden. Eine Christus-Ikone verkörpert eben nicht Christus, sondern ist nur ein "Bild des Urbildes". Für Gisela Wichern steht fest, dass das Thema "Verehrung" auch für evangelische Christen zunehmend wichtiger wird, weil sie häufig emotionale, den Gefühlsbereich anrührende Elemente vermissen. Eine Folge davon dürfte sein, dass Maria, die um Jesus, ihren Sohn, Leid und bittere Schmerzen erfahren musste, wieder stärker und bewusster wahrgenommen wird. Wenn Gisela Wichern Ikonen malt, dann verhält sie sich wie die Ikonenmaler der orthodoxen Kirche: Sie orientiert sich genau an ihrem Vorbild. "Nicht ich will die Ikone verändern, sondern die Ikone soll mich verändern" - Malen also nicht als Selbstdarstellung, sondern als Loslassen von eigenen Ängsten und Problemen. "Ikonen", sagt sie, "sind Bilder, die in der Seele wirken". So überrascht es nicht, dass die Malerin nach ihrem ersten Beruf als technische Zeichnerin in der Leica-Firma Leitz eine Ausbildung in therapeutischer Seelsorge absolvierte und entsprechende Gesprächskreise anbot. Besonders ansprechende Exemplare ihrer Kunst finden sich in ihrem Haus, vor allem die wunderschöne Ikone der Taufe Jesu im Jordan. Christus ist traditionell durch Schriftzeichen benannt: rechts neben seinem Kopf die griechische Abkürzung für "Jesus Christus" und im Nimbus, dem goldenen Heiligenschein, die drei griechischen Buchstaben für die Formel, mit der sich nach orthodoxem Verständnis Gottvater im ersten Buch Mose dem Abraham zu erkennen gab, Ausdruck seiner Würde und Hoheit. Rechts wohnen die Erzengel der Taufe bei. Als Zeichen ihrer Ehrerbietung neigen sie sich und haben die Hände verhüllt. Rechts und links vom Jordan mit seinen herrlich strukturierten Wellen erheben sich zwei Felsen. Traditionell symbolisieren sie die zwei Naturen Jesu: Gott und Mensch zugleich. Zwischen ihnen kommt vom oberen Bildrand pfeilartig die Taube des heiligen Geistes herab, eingeschlossen in tiefes Blau, das "ungeschaffene Licht". Darin drückt sich eine charakteristische Auffassung der orthodoxen Kirche aus: Um das alles menschliche Begreifen überschreitende Wesen Gottes darzustellen, verwendet die klassische Ikonenmalerei paradoxe Stilmittel: Das Licht, das doch eigentlich strahlend hell sein müsste, wird im Gegenteil gerade fast schwärzlich dunkel wiedergegeben. Schön ist auch die Moses-Ikone. Auf ihr erkennt man die beiden Felsgruppen und im Vordergrund den brennenden, aber nicht verbrennenden Busch, ebenfalls ein Symbol der menschliches Begreifen übersteigenden Gottesnähe. Gisela Wichern hat diese Ikone deutsch beschriftet. Auf Befragen erläuterte sie, dass sie einmal von einer Vorlage den russischen Text in seinen altertümlichen, schwer entzifferbaren Schriftzeichen ganz übernommen hatte, obwohl ihr auffiel, dass der Text eigentlich reichlich lang war. Ein schriftkundiger Betrachter fing dann an zu lachen und erklärte ihr, dass der ursprüngliche Besitzer, vielleicht ein alter russischer Bauer, unten am Rand der Ikone eine Art Einkaufszettel notiert hatte. Ihre wundervoll ausdrucksstarke Christophorus-Ikone hat sie ebenfalls deutsch beschriftet. Auch auf ihr ist die traditionelle Symbolik versammelt: zwei Felsen, Christus-Beschriftung neben der Figur und im Nimbus. Bekanntlich war Christophorus der riesenhaft starke Fährmann, der ein Kind über den Fluss trug und unter der Last schließlich fast zusammenbrach. Gisela Wichern kennt eine Legende, dass der Christusknabe dem Riesen in den Haarschopf greift und ihn an einer Locke emporzieht, ihn seinerseits trägt. Auf der von ihr gemalten Ikone sieht man den Fluss und die Gewänder in herrlich leuchtenden Farben. Diese Farben erzeugt die Malerin auf traditionelle Art: Sie mischt die Farbpigmente mit Eigelb, Starkbier und ein wenig Nelkenöl. "Die Eier", erläutert sie, "dürfen nicht von frei laufenden Hühnern gelegt sein, die fressen auch Würmer, und dann ist das Eigelb zu fett". Ergänzend fügt sie hinzu, dass die Ikonenmaler früher ihr Huhn in einem Käfig in der Werkstatt hielten und es nur mit Körnern fütterten. Das Starkbier sorgt für die Haltbarkeit der Farbmischung. Solange die Ikone noch nicht fertig, das heißt, noch nicht mit dem Schutzfirnis aus gekochtem Leinöl überzogen ist, muss sie sorgfältig abgedeckt bleiben, damit nicht Insekten ihre Eier in den nahrhaften Farbauftrag legen. So gibt es viel zu bedenken, aber auch viel zu erzählen - kein Wunder, dass Gisela Wichern immer auf interessierte und aufgeschlossene Besucher trifft. Dazu kann man sich schon jetzt vormerken, dass sie ihre Ikonen vom 30. Oktober bis zum 24. November im Diakonissenmutterhaus in Rotenburg ausstellen wird, gemeinsam mit Petra Monsees, die Paramentik (liturgische Stickereien) zeigen wird. Im Rahmen dieser Ausstellung hält sie auch einen Vortrag unter dem Titel "Ikonen - Fenster zur Ewigkeit".

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