Zehn Jahre Tu was: Warum es sich lohnt, weiterzumachen - Von Wibke Woyke

Was selbst coole Jungs loben

Ein echtes Team (von links): Herbert Neumann mit den Schauspielern Karin Tischer und Frank Stuckenbrok Foto: Woyke
 ©Rotenburger Rundschau

Tu was. So lautet der Titel der bekannten Rotenburger Aktion gegen Gewalt und für Zivilcourage. Und die feiert ihren zehnten Geburtstag. Ein Jahrzehnt im Zeichen der Prävention – wer sitzt bei dem Projekt eigentlich in einem Boot, welche Erfolge gibt es und ist es sinnvoll, das Ganze fortzuführen? Fragen der Rundschau an Herbert Neumann vom Jugendmigrationsdienst (JMD) Rotenburg.

Rundschau: Zehn Jahre Tu was - wie kam es vor einem Jahrzehnt dazu, das Projekt aus der Taufe zu heben? Neumann: Wir haben damals altersgerechte Antworten gesucht auf Jugendgewalt in Rotenburg - nicht nur Prügeleien, sondern auch Einschüchterung, Bedrohung, Abzocke. Und weil dabei das negative Verhalten junger Männer mit Migrationshintergrund immer wieder im Vordergrund stand, war für mich als Jugendmigrationsdienst klar: Das muss sich ändern, sonst wird Integration nix. Wir, das war damals der Arbeitskreis Integration der Stadt, gegründet 1999. Das ist unser kommunales Netzwerk für Integration mit Schwerpunkt junge Menschen. Im AK haben wir festgestellt, dass wir zusammen bessere Lösungen finden können. Drei Ansätze haben wir damals gleichzeitig entwickelt. Erstens: jugendgerechte Angebote insbesondere für junge Männer mit Migrationshintergrund - daraus entstand die Straßensozialarbeit mit Eduard Hermann. Zweitens: ein Fachforum zur Entwicklung jugendgerechter Prävention in der Stadt - also nicht überwachen, sondern fördern und dazugehören. Daraus wurde später der Präventionsrat. Bei beidem war übrigens die heutige erste Stadträtin Ute Scholz, damals noch in Verden, sozusagen wichtige Hebamme - als Nachbarschaftshilfe quasi. Und drittens: Hilfen für Kinder und Jugendliche entwickeln, damit sie sicherer werden und sie möglichst nicht Opfer werden - daraus entstand 2001 dann Tu was. Rundschau: Wie funktioniert Tu was und was zeichnet es besonders aus? Neumann: Nun, das Besondere ist gleich dreifach: die enge Zusammenarbeit zwischen Polizei und Jugendsozialarbeit - das ist sonst eher selten. Dazu die Entwicklung einer Kombi-Methode von Infos direkt bei der Polizei mit theater-pädagogischer Improvisation. Nicht nur Worte, sondern auch Erleben. Die Jugendlichen sind Darsteller und Regisseure ihrer eigenen Erfahrungen, Ängste und Lösungen zu Gewalt und Mobbing. Tu was geht, wie Prävention überhaupt, nur gemeinsam und diese Kooperation klappt seit zehn Jahren. Tu was wird in den Schulen vor- und nachbereitet. Fritz Katzur vom Präventionsrat sorgt als Tu-was-Botschafter für reibungsloses Gelingen. Direkt bei der Polizei bekommen die Jugendlichen Klartext-Infos zu Gewalt und zu Hilfsmöglichkeiten. Und sie lernen, wie der Notruf 110 bei der Polizei funktioniert - und insbesondere die Jungs finden dabei die Haft-Zellen interessant, weil echt, nicht im Fernsehen! Danach spielen sie mit erfahrenen Schauspielern ihre Ideen zu Gewalt, Mobbing und Lösungen. Das findet im Gemeindehaus der Stadtkirche statt, neutraler Ort sozusagen. Am Ende treffen wir uns alle wieder, dann präsentieren die Jugendlichen beeindruckend ihre Szenen und wir enden mit einer Austauschrunde zu den Erfahrungen. Rundschau: Die Kinder und Jugendlichen werden also aktiv einbezogen. Wie kommt das bei denen an, welche Rückmeldungen gibt es von den jungen Leuten? Neumann: Sie sind schon bei der Polizei aktiv dabei, werten Gewaltsituationen aus und reden gemeinsam darüber. In der theaterpädagogischen Aktion sind sie Ideengeber, Darsteller und Regisseure, die Schauspieler helfen ihnen, ihre Sachen darzustellen. Tu was ermöglicht auch schüchternen oder sprachlich benachteiligten Jugendlichen, voll dabei zu sein. Immer wieder überraschend, was da auf die improvisierte Bühne kommt: verdeckte Gewalt im improvisierten Schulbus oder auf dem Nachhauseweg, familiäre Sucht und Gewalt – aber das spielt dann natürlich ganz woanders. Immer wieder sagen die Jugendlichen nach Tu was, dass sie Impro-Theater in der Schule spielen wollen, dass sie viel gelernt haben und weitermachen wollen. Das mindeste Lob von coolen Jungs ist: "Besser als Schule.“ Rundschau: Ist die Bilanz aus zehn Jahren eine positive? Macht es Sinn, mit dem Projekt weiterzumachen? Neumann: Damals haben wir mit Tu was hier in Rotenburg Neuland betreten. Wir haben eine polizeiliche Aufklärungsaktion als Grundlage genommen und daraus gemeinsam ein altersgerechtes Angebot gegen Jugendgewalt entwickelt. Inzwischen gibt es nicht nur im Landkreis auch andere Angebote, das hat sich insgesamt positiv entwickelt. Wir nehmen mit Tu was Erfahrungen und Ängste von Kindern und Jugendlichen ernst und machen etwas mit ihnen gemeinsam, damit sie sich sicherer fühlen und handeln können. Täter bekommen oft viel Aufmerksamkeit. Man will verstehen, warum sie was machen – und die Opfer? Die bekommen Mitleid. Deshalb ist Tu was parteilich auf der Seite derer, die nicht Täter sind. Und was wir in zehn Jahren mit fast 100 Schulklassen gesehen haben, macht den Kindern und Jugendlichen Mut, macht sie sicherer. Wir haben die Aktion in dem Jahrzehnt verändert, haben sie vielfach ausprobiert, ergänzt und erweitert. Echt flexibel. Wir, Polizei, Präventionsrat und Jugendmigrationsdienst (JMD) als Veranstalter, aber auch die Schulen haben aus der Aktion gelernt, das wir etwas tun müssen. Wir machen weiter für unsere Kinder und Jugendlichen. Rundschau: Wie finanziert sich das Ganze eigentlich? Neumann: Das ist ja neben der Organisation mein Job, und da haben wir dreifach Glück. Karin Tischer, Frank Stuckenbrok und die anderen Schauspieler geben uns die theaterpädagogische Aktion von Tu was als ihr soziales Jugendprojekt für Rotenburg; die regulären Honorare für so erfahrene Schauspieler wären für uns unbezahlbar. Die Stadtkirchengemeinde stellt die Räume gratis zur Verfügung und wir als Tu-was-Team sind zwar mit Leidenschaft dabei, aber kostenfrei. Die Hälfte der Kosten bekomme ich aus dem Bundesjugendplan, die andere Hälfte kommt hier aus Rotenburg, von Präventionsrat, Jugendamt und von großzügigen Spendern, jedes Jahr wieder. Danke dafür. Rundschau: Wenn eine gute Fee drei Wünsche für Tu was erfüllen könnte - welche wären das? Neumann: Die Fee kommt ja so selten! Super Möglichkeit! Die Wünsche: Dass Gewaltlosigkeit als Wert und als Verhalten in unserer Gesellschaft wichtiger wird als die so präsente Gewalt. Dass wir Tu was weiter entwickeln können als praktischen Botschafter, dass Gewalt nicht geht, Konflikte gewaltfrei gelöst werden und es Hilfen gibt. Und dass wir alle Tu was nochmal zehn Jahre mit gleicher Begeisterung machen. _____________________________________ Zweier-Schauspielteam Karin Tischer, eine erfahrene und inzwischen selbstständige Theaterpädagogin, ist bereits seit 2001 – also von Anfang an – bei Tu was dabei. Rollenspiele für junge Leute – ob das Konzept klappt? Das fragte sie sich damals. "Nach ein bis zwei Vorstellungen war mir aber klar – das Ganze funktioniert“, berichtet sie. Bis heute ist sie daher im Boot geblieben. Und dass, obwohl sie natürlich mit weiteren Engagements und Arbeiten (Stichwort: Theaterwerkstatt Bremen) einiges um die Ohren und zudem einen Lehrauftrag an der Uni Bremen hat. 2006 stieg dann auch – als Ersatz für einen ausscheidenden Kollegen – Frank Stuckenbrok bei Tu was ein. Er ist Theaterpädagoge und freier Schauspieler und so manchem sicher bestens bekannt als Teil der Bremer Improvisationstheatergruppe Inflagranti. Tischer und Stuckenbrok bilden das feste Tu-was-Schauspielteam. Ab und an bekommen sie, wenn nötig, Verstärkung durch Kollegen. Für beide steht fest: "Es ist toll zu sehen, was man bei Tu was mit den Jugendlichen schafft.“

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