Am Sonnabend, 14. April 1989, entgleisten 21 Güterwagen

1.000 Rotenburger evakuiert

Sonnabend, 14. April 1989, 18.37 Uhr Ortszeit. Viele Rotenburger sitzen vor dem Fernseher und sehen die Sportschau. Doch plötzlich ist es mit der Wochenendruhe in der Wümmestadt vorbei. In der Nähe der Ringstraße, Höhe Wallbergstraße, hören Anwohner ein lautes Grummeln und gleich hinterher ein fürchterliches Krachen. Wer aus dem Fenster sieht, entdeckt eine dicke Staubwolke. Ursache: Mit rund 90 Stundenkilometern Geschwindigkeit ist ein Güterzug auf der Strecke Bremen-Hamburg, kurz nach Durchfahrt durch den Bahnhof Rotenburg, wegen eines abgelaufenen Radkranzes an einem der Waggons entgleist.

Sofort wird die Freiwillige Feuerwehr Rotenburg alarmiert. Ortsbrandmeister Wilhelm Geils und Stellvertreter Herbert Harries erinnern sich an einen ihrer spektakulärsten Einsätze, der weit über die Grenzen Rotenburgs hinaus in ganz Deutschland von sich reden machte. Rund 250 Mitglieder der Feuerwehren aus dem gesamten Altkreis sowie Leute der Umweltfeuerwehr Bremen sind bis in den späten Sonntagabend hinein eingesetzt. Außerdem vor Ort: Polizei, Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk. "Es war gerade Abendbrotzeit, als der Alarmmelder ging", berichtet der Ortsbrandmeister (in Rotenburg wurden die Feuerwehrleute übrigens schon vor Beginn des zweiten Weltkrieges "still", das heißt durch Telefon oder Funk, alarmiert). "Kurz nach der Alarmierung waren wir mit rund 60 Leuten am Feuerwehrhaus und rückten mit allen unseren Fahrzeugen zum Einsatzort Ringstraße aus. "Was wir dort sahen, war mehr als ein Chaos. 21 Güterwagen waren entgleist und lagen, total ineinander verkeilt, auf der Seite. Leitungen waren heruntergerissen, von denen wir zunächst nicht wußten, ob sie noch unter Strom waren. Einige Waggons waren aufgerissen und die Fracht durcheinander gewirbelt. Sie verteilte sich zwischen abgerissenen Achsen, verbogenen Schienen und herunterhängenden Oberleitungen über das Gelände". Angesichts dieses Bildes der Zerstörung können die Einsatzkräfte zunächst nicht viel unternehmen, denn zwei Kesselwagen mit Resten der hochgefährlichen Chemikalie Propylenoxid sollen leckgeschlagen sein. Sofort werden Experten des Stader Chemieunternehmens DOW-Chemikal und die Umweltfeuerwehr Bremen alarmiert. Die stellten fest, daß lediglich Kondenswasser aus einem der Wagen tropft. In einer Krisensitzung im Kreishaus wird nun beschlossen, über Nacht nichts mehr zu unternehmen und erst am Morgen mit den Bergungsarbeiten und der Evakuierung der rund 1.000 Bewohner der umliegenden Häuser zu beginnen. Wären nämlich Dämpfe aus Leckstellen entwichen, hätte ein einziger Funke genügt, um eine Explosion auszulösen. Sonntagmorgen. Feuerwehrleute und Technisches Hilfswerks errichten Straßensperren. Die Wehren Borchel, Mulmshorn, Unterstedt und Waffensen beginnen früh um 7 Uhr mit der Evakuierung ganzer Wohnblocks. Ringstraße, Herderstraße, Heckenweg, Humboldstraße und Kantstraße, Teile der Wallbergstraße, der Nordstraße und der Glockengießerstraße sind betroffen. Von Wohnung zu Wohnung gehen die Helfer, um alle Bewohner aufzufordern, ihre Häuser bis 8 Uhr zu verlassen und sich ins Rathaus zu begeben. Später kontrollieren sie, ob auch wirklich alle ihre Wohnungen verlassen haben. Zusätzlich fahren Lautsprecherwagen durch die Straßen. "Es war wie im Krieg", erinnern sich ältere Menschen. Viele kommen bei Verwandten und Bekannten unter, rund 300 begeben sich mit ihrem Handgepäck ins Rathaus. Dazu läuten die Kirchenglocken, denn in Rotenburger Familien wird an diesem Sonntag Konfirmation gefeiert. Die freiwilligen Helfer des Roten Kreuzes sind auf dem Pferdemarkt mit zahlreichen Fahrzeugen aufgefahren. Sie sind ständig vor Ort und halten Getränke bereit, verteilen belegte Brote und zu Mittag Eintopf. Währenddessen gestalten sich die Bergungsarbeiten schwieriger als angenommen. Da noch immer akute Explosionsgefahr herrscht, muß die Freiwillige Feuerwehr Rotenburg beide Kesselwaggons vor der Bergung einschäumen, um eventuellen Funkenflug zu vermeiden. Auch stellen sich die bahneigenen Schienenkräne als zu klein und leistungsschwach heraus. Als endlich zwei große Autokräne herbeigeholt werden, ist es bereits 11 Uhr vormittags. Erst am späten Nachmittag sind die gefährlichen Waggons in Sicherheit gebracht. Am frühen Abend dürfen auch die Bewohner wieder in ihre Häuser zurück. Der Gesamtschaden dieses Bahnunfalls wird später mit weit mehr als einer Million Mark beziffert. Die Freiwillige Ortsfeuerwehr Rotenburg hat zur Zeit 79 aktive Feuerwehrmänner und drei Feuerwehrfrauen. Neun Einsatzfahrzeuge stehen zur Verfügung: zwei Einsatzleitwagen, ein Tanklöschfahrzeug TLF16, ein Löschgruppenfahrzeug LF16, zwei Löschgruppenfahrzeuge LF8, eine Drehleiter DL23/12 (bei zwölf Metern Abstand erreicht sie eine Höhe von 23 Metern), ein Rüstwagen RW2, und ein Schlauchwagen SW2000 (mit 2000 Metern Schlauch). Schon seit 1965 hat die Rotenburger Wehr eine Jugendwehr, aus der sie ihren Nachwuchs bezieht. Zur Zeit sind es 32 Jungen und Mädchen, die Heiner Heeßel anführt. Durchschnittlich werden von der Wehr 100 Einsätze im Jahr gefahren. 1997 wurden - mit Schulungs- und Übungsstunden - 17.221 Stunden ehrenamtlicher Dienst für die Stadt Rotenburg und ihre Bewohner, geleistet. 1995, als ein Brandstifter eine Serie von Bränden legte, wurden 161 Einsätze mit insgesamt 21.933 Stunden gefahren. Die 82 Aktiven waren fast ein Vierteljahr lang jede zweite bis dritte Nacht unterwegs. In Zahlen: Jeder einzelne Feuerwehrkamerad leistete in diesem Jahr durchschnittlich 267,5 Stunden.

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