Hille Darjes liest aus den Erinnerungen einer 90-Jährigen

Lernen, solange wir leben

(vm). Eine Lesung mit Hille Darjes ist kein Muss, sondern ein kurzweiliger, kultureller Genuss. So wie jüngst im Fischerhuder Buthmanns Hof, wo die gebürtige Quelkhornerin, die Worpswede zu ihrer Wahlheimat gemacht hat, Aufzeichnungen einer 90-jährigen Bremerhavenerin vortrug: "Wir lernen ja immer, solange wir leben".

Schon die Atmosphäre stimmt. Im Foyer des Fachwerkhauses Buthmanns Hof lodert der Kaminofen, im Halbkreis um Hille Darjes sind die Besucher plaziert. Ohne große Einführung legt die Schauspielerin los. Und schon nach dem ersten Absatz ist klar: Das wird kein langweiliger Abend. Hille Dar-jes schlüpft in die Rolle der alten Frau aus Bremerhaven und schildert die Erinnerungen so lebendig, als wären es ihre eigenen. "1913 zogen wir von Österreich nach Bremerhaven. Ich war sechs Jahre, als ich zum ersten Mal den Deich und die Weser sah. Als Kinder haben wir uns wenig Gedanken gemacht. In einer Schulklasse waren über 40 Kinder. Die Mädchen waren in der Überzahl und doppelt so frech. Auf dem Schulhof standen auf einer Seite die Jungs, auf der anderen die Mädchen. In Fleiß und Betragen musste man eine Eins haben, sonst gab es zu Hause Ärger. Im Krieg haben wir hungern müssen, echt hungern. Aus Wurzeln und Rüben wurden so Klumpen gemacht, das sollte dann Brot sein. Wir hatten davon immer Bauchschmerzen. 1921 ist mein Bruder geboren. Meine Mutter war schon älter, aber das ging über die Bühne wie gar nichts. Ich war da 14 Jahre. Kinder muss man haben, dass man jemanden hat, wenn man alt ist. Das war damals so. Kinder waren die Altersversorgung. Mein Vater ist an Gallensteinen gestorben. Heute wäre er damit wohl alt geworden. Meine Mutter hat als Witwe 30 Mark im Monat dazuverdient. 22 Mark gingen schon für die Miete weg. Ich habe dann zwei Jahre bei einem evangelischen Pastor im Haushalt gelernt. Eigentlich wollte ich Friseuse werden, aber da gab es ja kein Geld. Ein Esser mehr am Tisch und kein Geld, nee das war nicht drin. Früher war das so. Da haben die Eltern noch draufgezahlt, wenn die Kinder eine Lehre machen wollten. 1925 bin ich dann durch einen Schulkollegen zur Lloyd-Wäscherei gekommen. Das war schon was, das hat mir zugesagt. Abends trafen wir uns dann im Tanzlokal Seebeck am Markt. Da war die ganze Jugend von Lehe. Jeder Tanz kostete für Mädchen fünf Pfennig. Wenn die 30-Mann-Blaskapelle dann den Radetzky-Marsch spielte, das war flott und machte einen riesen Krach. Dann klingelte eines Tages die Polizei an unserer Tür. "Der Reichstag brennt", sagten sie. "Ach und da wollen sie hier wohl die Steichhölzer suchen?" Mein Mann sagte damals schon, dass die Straßen für den Krieg gebaut würden. Und dann hieß es plötzlich, kauf´ nicht bei Juden. Ich fand das fürchterlich. Bei denen hab ich es immer gut gehabt und viel zu essen bekommen. 1933, wie die Macht so aufkam, waren plötzlich braune Uniformen da. Keiner hat sich gefragt, wo die herkamen. Heute sage ich: Was waren wir dumm." Josepha M., die diese Erinnerungen aufschrieb, lebte 54 Jahre in Bremerhaven-Lehe in einer 32 Quadratmeter großen Wohnung in der Wölbernstraße. In den 60er Jahren zog sie in ein Hochhaus in der Innenstadt. Wie Hille Darjes auf sie stieß? Vor Jahren wurde sie von einem privaten Bremerhavener Kulturverein angesprochen, ob Interesse bestehe, eine Lesung zu halten. Die Schauspielerin sagte zu und der Abend wurde im Heimatfunk von Radio Bremen übertragen. Im Februar 1998 fand erneut eine Lesung mit Hille Darjes in Bremerhaven statt. Viele alte Bremerhavener hatten sich eingefunden, unter ihnen auch Josepha M. Hille Darjes holte die damals 95-Jährige auf die Bühne. Beide wurden mit riesigem Applaus bedacht. Ob die Bremerhavenerin heute noch lebt, ist nicht bekannt. Hille Darjes: "Josepha M. hat ein schlichtes Leben geführt und sich nie bemitleidet", sie sagte nur, "nee das war nicht drin". Diese Haltung zum Leben hat mich beeindruckt. Außerdem mag ich es, wenn sich nach meiner Lesung Gespräche entwickeln, Menschen sich erinnern." Hille Darjes gründete 1992 zusammen mit ihrem Mann die Bremer Shakespeare Company. In den vergangenen Monaten glänzte sie mit dem Stück von Virginia Wulf: "Ein Zimmer für sich allein." Das "Ein-Frau-Stück" führte sie bereits 470 mal an verschiedenen Orten auf. Doch jetzt ist erstmal Pause. "Wir gehen für eine Zeit nach Amerika. Mein Mann hat den Auftrag, in Seattle eine russische Oper zu inszinieren", berichtet sie.

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