Clubbesitzer Michel Marboeuf: Ein bewegtes Leben jenseits gängiger Klischees - Von André Ricci

Alles Mögliche, nur kein Reggae

Michel Marboeuf mit seiner Tochter Laura vor dem "König", Wappen des Tanzclubs Padam Foto: Ricci
 ©Rotenburger Rundschau

Von der frühen Kindheit auf der Karibikinsel Guadeloupe über Teenagerjahre in einer katholischen Jungenschule in Südfrankreich zum Tellerwäscher-Job im Ruhrpott und schließlich zur Clubgründung im kleinen Riepe - die Biographie von Michel Marboeuf schillert wie ein bunter Regenbogen. Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie Zufälle manchmal das ganze Leben verändern.

Als Achtjähriger schiffte Marboeuf 1961 in Cannes ein. Eine lange, unruhige Seepassage lag hinter ihm, vom Überseedépartement Gouadeloupe ins franzöische Mutterland. Zwölf Tage Wellengang und Übelkeit. Begleitet wurde er von seiner Mutter, die ein Jobangebot in die Ferne gelockt hatte. Saint-Étienne hieß das Ziel der beiden. Ein neues Leben. Für den Jungen war es eine besonders große Umstellung, denn auf einmal war er aufgrund seiner dunklen Hautfarbe etwas Besonderes. Ein Exot. „Ich kam in eine katholische Jungenschule, als einziger Schwarzer unter 400 Schülern“, erinnert er sich. Die Lehrer waren alle Geistliche. „Damals lernte ich richtigen Rassismus kennen“, sagt er. Denn Kinder können grausam sein. Sie ließen ihren Mitschüler sein Anderssein spüren. Noch heute schwingt Kränkung mit, wenn Marboeuf davon erzählt, wie er sich einmal verletzte und alle um ihn herum neugierig und erstaunt gafften, weil sie wissen wollten, ob sein Blut rot sei wie das ihre. Es war ein schwieriger Start im alten Europa. Nach dem Ende der Schulzeit stand für ihn fest, dass er Frankreich verlassen wollte. Eine Gelegenheit dazu bot sich rasch: Ein Freund schlug vor, mitzukommen ins Städtchen Mühlheim an der Ruhr. Da gab es kein Halten mehr. Obwohl die Mutter weinte und manche es mit Blick auf die Geschichte beider Nationen reichlich naiv fanden, ausgerechnet bei den Deutschen auf weniger Rassismus zu hoffen – Marboeuf ließ sich nicht mehr umstimmen. Mit Anfang 20 brach er auf in ein wieder einmal neues Leben. In einem Land, dessen Sprache er zwar nicht beherrschte, das er sich dafür aber selbst gewählt hatte. Und warum auch immer: Mit Deutschland sollte er von Beginn an gut klarkommen. Negative Erfahrungen habe er hier bis heute nur ganz wenige machen müssen, sagt der inzwischen 60-Jährige rückblickend. Dabei hatte niemand auf ihn gewartet in der neuen Heimat. Er schlug sich so durch, als Tellerwäscher, Putzmann und Pizzabäcker bei Mövenpic. „Das war meine Lehre“, sagt Marboeuf. „Mein Chef hat mir gezeigt was es heißt, zu arbeiten“. Noch heute kann er bildhaft beschreiben, wie flink, effizient und strukturiert sein damaliger Boss die Teller einräumte und die Fußböden schrubbte. Vom französischen Laissez-Faire hielt der nichts. Und Marboeuf wurde sein williger Schüler. „Auch ich wurde immer schneller“, sagt er. Der fleißige junge Mann stieg auf, diente seinem Arbeitgeber schon bald als Barmann an der Cocktailbar. Ein aufregender Job in der Disco-Zeit, als legendäre Showgrößen durch die Clubs tingelten. „Bei uns traten sehr bekannte Musiker auf“, erinnert sich Marboeuf. Das spanische Gesangsduo Baccara schaute ebenso vorbei wie die Band Boney M und die aus Jamaica stammende extravagante Sängerin Grace Jones. Die Stars waren noch keine abgeschotteten Kunstfiguren, Marboeuf konnte sie alle kennenlernen. Viele der damaligen Musikidole waren Farbige wie er selbst. Und dieser Umstand sollte weitreichende Folgen haben. Denn eines Abends stand das Lokal vor einem veritablen Problem: Ein groß angekündigter DJ aus Holland fiel aus. Er erschien einfach nicht. Die Bude war voll. Was tun? Der Blick der Verantwortlichen fiel damals wie von selbst auf Marboeuf. „Die dachten, alle Schwarzen haben Musik im Blut“, erinnert er sich. Es ist eines jener Stereotypen, die er sein Leben lang abgelehnt hat. „Schwachsinn“, nennt er sie abschätzig. „Ich hatte damals überhaupt keine Ahnung von Musik und von Schallplatten wusste ich nur, dass sie rund sind und in der Mitte ein Loch haben.“ In die Pflicht nehmen ließ er sich dennoch. Als Aushilfs-DJ nahm er seinen Platz am Plattenspieler ein und legte die Scheiben nach dem Zufallsprinzip auf. Es wurde eine grandiose Party. Seit diesem denkwürdigen Abend hat sich das Verhältnis Marboeufs zum Thema Musik grundlegend geändert, er hatte seine Passion gefunden. Jetzt machte er selbst Touren durch die Clubs des Ruhrpotts, holte sich dort Anregungen für seine eigene DJ-Karriere. Noch ein Jahr arbeitete er für Mövenpic, danach machte er sich als professioneller Plattenaufleger selbstständig. Seine Philosophie lautete schon damals, einen stilübergreifenden Musikmix anzubieten, der ein breites Publikum anspricht. Stücke ganz verschiedener Musikrichtungen, die irgendwie dann doch zusammenpassen und für eine Nacht ein Ganzes ergeben: Das war sein Ansatz, das funktionierte. Marboeuf war angekommen, gehörte dazu und kam finanziell über die Runden. Auch die Sprache seiner Wahlheimat beherrschte er immer besser, denn er war kein Single mehr. Seine erste Frau Gabriele, mit der er zwei Kinder zeugte, trieb ihn an, immer besseres Deutsch zu sprechen. „Von ihr lernte ich auch viel über Musik“, sagt Marboeuf dankbar. Zwei weitere Zufälle sollten dafür sorgen, dass aus dem Ruhrpott-DJ schließlich ein Nordlicht wurde. Marboeuf lernte eine Arzttochter aus Rotenburg kennen, die ihn zu ihrer Hochzeit in die Wümmestadt einlud. Dort wiederrum traf er auf den Besitzer des Scotch Corner, damals ein angesagter, täglich geöffneter Club in der Goethestraße. Er bekam das Angebot, dort den festen DJ zu machen. Marboeuf willigte ein und packte seine Koffer. Sieben Jahre arbeitete er für den Laden, bis 1984. Da unterschrieb er den Pachtvertrag für ein bisheriges China-Restaurant, das etwas versteckt in einem Waldgebiet im kleinen Riepe bei Lauenbrück lag. Das alte Bauernhaus sah so aus, wie China-Restaurants meistens aussehen: Viel Rot überall und an der Wand das unvermeidliche große Aquarium. „Wir mussten es von vorne bis hinten umgestalten“, erinnert sich Marboeuf. Denn er wollte ja kein asiatisches Restaurant eröffnen, sondern seinen ersten eigenen Tanzschuppen. Der Name fiel ihm beim Bügeln ein, als er eines seiner Lieblingslieder der Chansonsängerin Edith Piaf hörte: Padam. Das Projekt lief gut an, aus dem Pächter wurde bald der Eigentümer. Inzwischen lebt Marboeuf direkt hinter seiner Discothek, in einem Haus, das in alter Zeit den Stall des Hofes beherbergte, dessen Hauptgebäude das heutige Padam ist. Dort wohnt er ohne Fernseher, Internet und Mobiltelefon, lauter unwichtigen Dingen, wie der Wahl-Rieper findet. Er verzichtet auch auf manch anderes, zum Beispiel auf Fleisch und Alkohol. „Ich weiß gar nicht wie Bier schmeckt“, beteuert Marboeuf– eine für einen Clubbesitzer und Barmann ganz und gar überraschende Aussage. Aber nicht ins Klischee zu passen, gefällt ihm eben. Werde er mit Drogen in Verbindung gebracht, fühle er sich persönlich beleidigt, sagt Marboeuf. Auch in seiner Discothek dulde er so etwas nicht. Dass Schwarze aus der Karibik alle kiffen und Raggae lieben, entlarvt er freudig als Vorurteil: Nicht nur dass er keine Joints drehe, er möge auch alle möglichen Musikrichtungen – solange es nur kein Reggae sei. Inzwischen fünffacher Vater und dreifacher Opa („So dürfen meine Enkel mich nicht nennen, sie sagen stattdessen Oha“), zieht sich der 60-Jährige schrittweise aus dem Club-Geschäft zurück und übergibt immer mehr Verantwortung an seine Tochter Laura. „Papa macht noch den Oldie-Abend, da ist er nicht wegzudenken“, sagt die 34-Jährige, die bei der Mutter in Nordrhein-Westfalen aufwuchs, nach dem Abi beim Vater Urlaub machte, ein Praktikum in einer Tischlerei in Lauenbrück absolvierte und sich schließlich dazu entschied, in Norddeutschland zu bleiben. Das Padam zu schmeißen liege ihr mehr als ein trockener Bürojob, sagt die studierte Architektin, die inzwischen in Hamburg wohnt. „Ich bin glücklich darüber“, sagt der Papa.

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