Gekreuzte Köpfe, germanische Mythologie und Fragen

Wo echte Niedersachsen sitzen

Eigentlich bleiben am Ende wieder nur Fragen ... - Dies Fazit zog schon Julius W. Kraft, ehemaliger Vorsitzender der Interessengemeinschaft Bauernhaus in seinem Aufsatz "Wie kommt das Pferd aufs Dach?" Und in der Tat: Wer sich für Geschichte und Bedeutung der gekreuzten Pferdeköpfe interessiert, stößt auf jede Menge Literatur - aber nicht auf allgemein anerkannte Antworten. Diese Erfahrung hat auch Gerhard Groll gemacht.

Der 1938 in Oberneuland geborene Unternehmensberater befasst sich ehrenamtlich seit vielen Jahren mit heimatkundlicher Forschung, ist Vorsitzender des Freundeskreises Cultur und Tradition sowie stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Der Hodenberg". Sein besonderes Interesse gilt von jeher nicht nur den verschiedenen Baustilen im Lande, sondern auch den Pferdeköpfen als Giebelzier. Denn: "In der Tiersymbolik hat das Pferd eine lange Tradition", erläutert Groll. "Für Menschen war sein Besitz stets ein Ausdruck von Reichtum und Wohlergehen." Die Überlieferung besagt, dass einem Gehöft ohne Pferdeköpfe am Giebel Unheil droht. Doch ist diese Erklärung ausreichend? Und warum blicken die Pferdeköpfe mal nach innen, mal nach außen? Lässt ihre Gestaltung gar Rückschlüsse auf die Hofgröße zu? Fragen über Fragen. Groll begann zu recherchieren. Und weil der engagierte Mann in seiner Freizeit Herausgeber des Oberneulander Heimatkalenders und Redaktionsmitglied des Oberneuland-Magazins ist, lag der Entschluss, die Ergebnisse in einem Buch niederzuschreiben, nahe. "Die von mir zusammengetragene Literatur ließ allerdings keine eindeutigen Schlüsse zu", muss Groll bekennen. An seinem Projekt hielt er trotzdem fest: "Zusammen mit dem Verlag entschloss ich mich, eine Dokumentation zu erstellen." Herausgekommen ist der 146 Seiten starke Band "Die gekreuzten Pferdeköpfe in Niedersachsen und Bremen", in dem verschiedene Autoren mit ihren Erkenntnissen und Betrachtungen zu Wort kommen. Außerdem stellt Groll die Landkreise, Städte und Gemeinden vor, die das Pferdekopf-Emblem in ihrem Wappen Wie kommt das Pferd aufs Dach? Zunächst einmal aus rein konstruktiven Gründen führen und "damit ein traditionelles Symbol unserer Heimat weiterhin bewahren". Vertreten sind zum Beispiel Fintel, Fischerhude, Kirchwalsede und Reeßum. Doch wie kommt´s denn nun aufs Dach, das Pferd? Zunächst einmal aus rein konstruktiven Gründen, behaupten manche Forscher. "Bei (strohgedeckten) Walmdächern wurde es nötig, die äußersten Kanten des oberen Giebeldreiecks vor dem Zerzausen durch Sturm zu schützen", schreibt Werner Lindner 1922. "Man tat das mit Hilfe von Windbrettern. Die freien Enden ließ man, einander kreuzend, vorstehen und schmückte sie durch ausgesägte Silhouetten-Formen." Lindner ist es auch, der auf eine gängige Deutung für die -Ausführung der Pferdeköpfe hinweist: "In der Lünebürger Heide spricht man von folgenden Unterschieden: Pferde mit drei Zügeln führt der Giebel eines Sattelhofbesitzers, der im Kriege ein gesatteltes Pferd und einen Reiter stellen musste. Der Vollhöfner hat das Pferd mit zwei Zügeln und stellte nur ein Pferd; der Köthner, der einen Mann stellte, hat den Giebelschmuck mit dem eingezügelten Pferd." Eine einleuchtende Deutung? Nur auf den ersten Blick, denn das Lüneburger Heimatbuch von 1923 widerlegt sie entschieden: "Die Beziehung: ein Zügel besagt ein Pferd, zwei Zügel gleich zwei Pferde, vier gleich vier Pferde und dementsprechend die Hofgröße kann nicht zutreffend sein; denn auf vielen Höfen kommen an unseren Häusern verschiedene For-men vor, und auch die Gemeindehäuser und Armenhäuser tragen den Pferdekopfschmuck mit Zügeln." Auch was die Verbreitung ein- oder auswärtsschauenden Pferdeköpfen angeht, sind eindeutige Schlussfolgerungen kaum zu ziehen, wie "Die Heide" von 1924 darlegt: "Die Mehrzahl der Forscher hat sich für die Annahme ausgesprochen, dass wir es bei der Verschiedenartigkeit der Richtung der Pferdeköpfe mit einem Stammesunterschied zu tun haben. Während die nach innen gerichteten Pferdeköpfe von einigen den Chauken zugeschrieben werden, hat man sie vorwiegend für die Langobarden in Anspruch genommen; die auswärts gekehrten Köpfe gelten den Forschern insgemein als angrivarische Kennzeichen." Diese Erklärung hat jedoch, wie der Autor selbst anmerkt, einen entscheidenden Haken: "Es besteht eben keine scharfe Scheidelinie zwischen beiden Wahrzeichen, (vielmehr) erstrecken sich beide noch weit Nach innen oder nach außen gekehrt? Eine Sache des Geschmacks und der Sitte über das Grenzgebiet hinaus. (...) Die Auffassung, dass es sich bei der Verschiedenartigkeit der Form der Pferdeköpfe, das heißt ihrer Richtung nach innen oder außen, um einen tiefgreifenden Unterschied oder gar um eine Scheidungslinie zwischen verschiedenen Stämmen handeln könne, muss demnach als unhaltbar aufgegeben werden. Es bleibt hiernach nur für die Annahme Raum, dass es sich bei der verschiedenen Gestalt der Pferdeköpfe um eine Sache des Geschmacks oder der Sitte der einzelnen Gemeinden oder Gehöfte handelt." Ganz allgemein formuliert die Zeitschrift für Ethnologie (Berlin) 1935: "Man kann sagen, wo echte Niedersachsen sitzen, da ist auch der Pferdegiebel zu erwarten, aber nicht umgekehrt, dass wo dieses Giebelzeichen vorkommt, auch unbedingt auf Niedersachsen zu schließen sein." Rüdiger Articus präzisiert dieses Problem 1982: "Das Auftreten der Rosshäupter in Schleswig-Holstein und Mecklenburg mag wegen der Nähe zu Niedersachsen noch erklärlich sein, doch wie will man die ‚typisch niedersächsischen´ Pferdeköpfe in Nassau, dem Siegerland, in Österreich, Litauen, Pommern und besonders im Memelgebiet erklären?" Die wenigsten Zweifel hegt die Forschung immer noch im Hinblick auf den Ursprung des Brauches, Pferdeköpfe aus Holz an den Hausgiebeln anzubringen. Der wird in der germanisch-heidnischen Vorzeit vermutet, als "das Ross das dem Wodan heilige Tier war. Bekanntlich stellte man sich den Göttervater auf einem Schimmel reitend vor: Wodan zu Ehren brachte man Pferdeopfer dar, man warf auch in das Sonnwendfeuer Pferdeköpfe als Schutzmittel gegen Seuchen und anderes Unheil und befestigte an heiligen Bäumen sowie an den Hausgiebeln zur Abwehr alles Bösen die Schädel der dem Wodan geopferten Pferde" (Die Pferdeköpfe - des Niedersachsenhauses stolze Zier, Gerhardt Seiffert, 1968). "Sagen über die Bedeutung der Pferdeköpfe scheinen hier in der Provinz im Volksmunde nicht mehr zu leben", konstatiert Regierungs-Rath Rudorff zu Stade indessen bereits 1863. Doch immerhin kann er auch feststellen, dass "der Brokeler landwirthschaftliche Verein im Amte Rotenburg auf die Conservierung dieser uralten Sitte, die schon im Verlöschen begriffen zu sein scheint, hinwirkt; ein Bestreben, das gewiß alle Anerkennung verdient. Fängt man doch bereits an, auf den Giebeln neuer Bauernhäuser hölzerne Kugeln anzubringen." Erfreulicherweise sind die Befürchtungen des Stader Beamten nicht eingetroffen: Noch heute zieren gekreuzte Pferdeköpfe viele Häuser der Region. So, wie es schon das Lüneburger Heimatbuch 1923 prophezeite: "Solch ein Schmuck, dem ein tieferer Sinn zugrunde liegt, stirbt so leicht nicht aus." Gabriele Marienhagen Die gekreuzten Pferdeköpfe in Niedersachsen und Bremen, Gerhard Groll, Pferdesport-Verlag Rolf Ehlers, 2000, ISBN 3-934624-01-4

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