Angelika Schötz über 200 Jahre Pfarrer Kneipp - Von Nina Baucke

Die Kraft der Kräuter

Angelika Schötz engagiert sich seit Jahren im Kneipp-Verein Rotenburg. Foto: Nina Baucke
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Wohlsdorf. 2021 ist ein besonderes Jahr für die zahlreichen Kneipp-Vereine der Region, denn der Initiator und Namensgeber, der Pfarrer Sebastian Kneipp, kam vor 200 Jahren zur Welt. In seinem Namen engagieren sich zahlreiche Menschen für Gesundheit in all ihren Aspekten – oft ehrenamtlich. Was dahinter steckt, darüber sprach die Rundschau mit der Wohlsdorferin Angelika Schötz, Gesundheitspädagogin beim Kneipp-Verein Rotenburg.

Pfarrer Sebastian Kneipp kam 1821 zur Welt, und auch seine Lehren sind mittlerweile etwa 150 Jahre alt. Was haben sie uns heute noch zu sagen?

Angelika Schötz: Alles. Immerhin ist die Kneippsche Lehre seit 2015 immaterielles Unesco-Weltkulturerbe. Sebastian Kneipp war derjenige, der vielen Menschen gezeigt hat, dass man auch mit einfachen Mitteln effektiv etwas für seine Gesundheit tun kann. Viele hören den Begriff „Kneipp“ und denken: „Oh, kaltes Wasser“. Aber das ist ja längst nicht alles. In vielen Büchern, die er herausgebracht hat, hat er immer wieder deutlich gemacht: Passt auf, dass ihr gesund lebt und für eure Gesundheit etwas tut. Und das passt in die heutige Zeit, in der Prävention sehr wichtig ist. Es gibt eine Statistik, nach der 54 Prozent der Menschen hier zu wenig für ihre Gesundheit tun. Das gilt auch mit Blick auf Corona, denn die Impfungen sind das eine, aber wir müssen auch generell mehr für unsere Gesundheit tun. Pfarrer Kneipps Verfahren kommen aus der Natur und setzen auf natürliche Reize. Und die Auseinandersetzung ist etwas, was die Menschen verlernt haben. Wir leben nur noch in warmen Räumen, gehen nur in warmen Räumen einkaufen, jeder will es noch kuscheliger und wärmer haben. Früher jedoch gab es in einem Haushalt nur das Wohnzimmer als warmen Raum. Heute ist dieser ständige Wechsel zwischen Kalt und Warm verloren gegangen. „Verweichlichung öffnet Tür und Tor zu vielen Krankheiten“, hat Kneipp einmal geschrieben – und das ist in seiner Lehre ein ganz zentraler Punkt.

Sebastian Kneipp war eigentlich Pfarrer. Woher hatte er das Wissen über Gesundheit?

Schötz: Sebastian Kneipp ist in der Nähe von Bad Wörishofen in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, seine Eltern waren Weber, er selbst ist als Kind immer barfuß gelaufen und hat Kühe gehütet. Mit den Jahren hat er sich schon allein aus der Beobachtung seiner Umwelt viel an Wissen angeeignet, zum Beispiel hat er gesehen, wie Kühe sich bei Hitze abkühlen. Dazu kam, dass seine Großmutter selbst viele Kräuter gezogen hat. Doch im Vordergrund stand sein Wunsch, einmal zu studieren und Pfarrer zu werden. Es dauerte, bis er mit 21 Jahren dann einen Kaplan gefunden hatte, der ihn dabei unterstützt. Als er später nach München zum Studieren gegangen war, wurde er sehr krank. Um wieder gesund zu werden, ist er zur Donau gelaufen und ist dort – das war in einem November – ins kalte Wasser gegangen. Das hat ihm dann auch geholfen. Viel Wissen hat er sich zudem aus Büchern geholt, zum Teil aus Werken des 17. Jahrhunderts. Und er hat erfahren, dass schon die Römer und Ägypter viel mit Wasser gemacht haben. Auch im Bereich Kräutern hat er sich vieles angeeignet. Was bei ihm besonders war: Er hat mit seinen Methoden armen Menschen geholfen und kein Geld für seine Behandlungen genommen. Dafür haben ihn Apotheker und Ärzte verachtet.

Gibt es denn in der Kneippschen Lehre Widersprüche zur Schulmedizin und entsprechende Debatten – vielleicht auch noch heute?

Schötz: Kneipp hat seine Erkrankungen mit Kräutern und Wasserkuren in den Griff bekommen. Dabei haben die damaligen Mediziner gerade das abgewertet, ihnen war das nicht klar, was man mit derartigen Mitteln für Erfolge haben kann. Ich habe das Gefühl, heute gibt es schon mehr Ärzte, die auch zu natürlichen Mitteln raten, beispielsweise bei Halsschmerzen mit Salbei zu gurgeln. Leider gibt es jedoch noch zu wenig Mediziner, die die Naturheilkunde mit in Behandlungen einbeziehen. Dazu kommt: Viele Menschen wollen bei Beschwerden einfach nur ein Medikament, eine Tablette zum Beispiel, haben, das schnell wirkt.

250.000 Menschen sind allein in Deutschland Mitglied in Kneipp-Vereinen. Das macht diese Vereine zur größte privaten Gesundheitsorganisation in Deutschland. Woher kommt das Interesse?

Schötz: Das Interesse war schon immer da, aber vor allem, seitdem die Wirksamkeit von Kneipps Behandlungsmethoden auch wissenschaftlich nachgewiesen ist. Aber nach wie vor ist es wichtig, erst einmal leicht anzufangen und herauszufinden, was für einen selbst richtig ist.

Kneipp hat ja mit Wasserkuren begonnen. Wie viel ist noch heute in der Kneippschen Lehre übrig, beziehungsweise inwiefern lässt sie neue Erkenntnisse zu?

Schötz: Es ist noch alles da. Und es ist immer wieder beeindruckend, wie vielfältig diese Lehre ist, zu der immer wieder etwas Neues dazukommt. So wissen wir heute von der positiven Wirkung zahlreicher Gewürze wie Kardamom und Kurkuma, die Kneipp zu seiner Zeit ja noch gar nicht kannte, die aber mittlerweile für die Gesundheit nicht unerheblich wichtig sind. Da zeigt sich die Lehre als sehr offen. Auf der anderen Seite gibt es viele Kräuter, die damals nicht weiter bestimmt waren. Kneipp war damals schon von ihnen überzeugt, heute sind ihre Inhaltsstoffe, wie beispielsweise Antioxidantien, endlich auch wissenschaftlich belegt.

Gibt es aus diesem Bereich für Sie ein bestimmtes „Wunderkraut“?

Schötz: Ich habe mir seit zehn bis zwölf Jahren angewöhnt, in jedem Jahr eine andere Pflanze besonders im Garten im Blick zu haben – zum Beispiel Johanniskraut. Dann habe ich vor 20 Jahren den Ingwer und seine Wirkung kennengelernt, seitdem habe ich davon immer etwas in der Küche. Ingwer ist die perfekte Pflanze, um Stoffwechsel hochzutreiben, und sie hilft zudem bei Erkältungen. Derzeit trinke ich viel Chagatee, das ist ein Tee aus einem besonderen Pilz, der unter anderem viele Antioxidantien enthält. Ebenfalls immer vorrätig mit dem Blick auf die Gesundheitsvorsorge habe ich auch Knoblauch und Zwiebeln.

Was sind neben Wasserkuren die Eckpfeiler der Kneippschen Lehre?

Schötz: Bewegung ist ganz wichtig. Es gibt in unseren Vereinen aus diesem Grund zum Beispiel viele Wander- und Yogaangebote, Pilates oder auch Gymnastik für Ältere. Wir haben nun mal jetzt eine Zeit, in der wir alle viel sitzen – und es heißt ja auch, dass Sitzen die neue Krankheit anstatt des Rauchens ist, denn das viele Sitzen macht krank. Auch Walken ist sehr wichtig. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ernährung. Da finde ich immer beim Blick in sein Buch sehr einfache Sachen, wie zum Beispiel Gerstensuppe oder Sauerkraut. Gerade Sauerkraut ist sehr gut, denn es besitzt unglaublich viel Vitamin C. Deswegen war es früher wichtiger Proviant auf langen Seefahrten. Wir wollen diese alten Sachen wieder hervorrufen, daher haben mein Mann und ich im vergangenen Jahr mal versucht, Sauerkraut selbst anzusetzen. Auch Quark und Leinöl haben mit ihren Omega-3-Fetten viel zu bieten. Und dann sind da die Heilkräuter. Zu guter Letzt ist da noch der fünfte Punkt, „Lebensordnung“. Dabei geht es um Rituale sowie um An- und Entspannung, wie beispielsweise Yoga und Meditation. Kneipp wusste schon: Wenn die Seele krank ist, helfen die anderen Sachen auch nicht viel.

Es gibt ja auch dieses Kneipp-Zitat: Vergesst mir die Seele nicht. Helfen seine Methoden auch bei psychischen Problemen?

Schötz: Es ist ja erwiesen, dass Menschen geschwächt sind, wenn die Seele krank ist. Und das merken wir ja auch in der heutigen Zeit: Menschen, die alleine sind, keine Kontakte haben, haben auch eher ein geschwächtes Immunsystem. Deswegen sind die wenigen Kontakte, die wir zur zeit alle so haben, auch so fatal. Seele und Immunsystem hängen Eins zu Eins zusammen.

Indem er Physis und Psyche zusammengebracht hat, war Kneipp in seiner Zeit fast schon ein Revolutionär, oder?

Schötz: Er hat das schon richtig erkannt, ja. Er hat die Bedeutung erfasst, auch aus eigener Erfahrung. Und gerade jetzt müssten wir den Menschen sagen: Wartet nicht nur auf die Spritze, sondern stärkt obendrein mit allen fünf Elementen euer Immunsystem.

Spiegelt sich die Kneippsche Lehre auch in Hausmitteln wider? Gibt es da was, was vor allem jetzt ein guter Tipp ist?

Schötz: Gesunde Ernährung auf jeden Fall, mit Obst und Gemüse, darunter – wie erwähnt – sehr gut mit Sauerkraut. Dazu wenig Zucker und wenig Fleisch. Das sind alles Dinge, von denen Kneipp schon wusste, denn der erhöhte Fleischkonsum, den wir heute haben, kam auch erst im 20. Jahrhundert auf. Früher kam Fleisch eher selten auf den Tisch, erst in der Nachkriegszeit, so ab der 1950er- und 1960er-Jahre. Allerdings hat Kneipp damals die Ansicht vertreten, es sei besser, weniger Wasser und mehr Wein zu trinken. Das lag allerdings daran, dass das Wasser damals nicht so gut war und daher die Menschen eher Wein und Bier getrunken haben. Des Weiteren ist Bewegung sehr wichtig. Und es ist gut, eine Hausapotheke mit verschiedenen Heilkräutern parat zu haben. Ich habe mittlerweile immer eine ganze Auswahl getrocknet im Haus – darunter Ringelblume, Weißdorn und Johanniskraut. Außerdem muss Salbei einfach da sein, Petersilie und Dill gibt es zudem zu kaufen. Und Hagebutten liefern richtig viel Vitamin C. Zu den verschiedenen Maßnahmen gibt es viele Tipps auf Youtube, darunter auch zum Wassertreten. Das ist zum Beispiel nach einer Sauna sehr gut, oder wenn man so sehr viel geschwitzt hat. Und dann hilft das Wechselduschen, von Kalt zu Warm und wieder zurück. In den Kindergärten demonstrieren wir außerdem gerne Armbäder. Die helfen gerade im Sommer sehr gut, zum Beispiel, wenn man so nach der Mittagspause diese Flaute verspürt. Dann sollte man die Unterarme ins Wasser halten, danach die Feuchtigkeit nicht trocknen, sondern nur abstreifen – und schon ist der Stoffwechselkreislauf angeregt. Im Winter hilft bei Bronchitis zum Beispiel ein Wechselarmbad. Dadurch schließen und öffnen sich immer wieder die Blutgefäße. Gerade Entzündungen entstehen durch mangelhafte Durchblutung, daher hilft der Wechsel zwischen Kalt und Warm hier besonders. Insgesamt umfasst die Kneippsche Lehre rund 120 Wasseranwendung. Ich gehe zur Zeit jeden Morgen barfuß in den Garten, um das Immunsystem zu stärken. Das mache ich schon viele Jahre, wirklich nach draußen, wenn noch der Tau liegt. Dort bleibe ich dann so lange, bis Kälteschmerz kommt. Dann gehe ich wieder hinein, bleibe noch in Bewegung und ziehe mich dann warm an. Dazu habe ich jetzt wieder mit Waschungen angefangen. Dafür braucht man einen Leinenlappen, das ist besser als Frottee, weil dieser die Feuchtigkeit länger auf der Oberfläche behält. Damit wasche ich mich morgens kalt und habe dann eine wunderbare Durchblutung. Essig verstärkt das noch weiter.

Information: Angelika Schötz’ Interesse an der Kneippschen Lehre kommt 1997 über einen Yogakurs zustande, 2001 tritt die heute 63-Jährige Erzieherin ein und absolviert von 2007 bis 2010 ihre Ausbildung zur Gesundheitspädagogin, zum Teil als Fernstudium, zum Teil in Bad Wörishofen. Heute gehört sie zum Beirat des Kneipp-Vereins Rotenburg.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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