Zwei völlig unterschiedliche Wege enden im Sommer 1945 in Hamburg

„Glück war immer auch dabei.“

Auf die Rückseite eines Anforderungsformulars schreibt Lores Vater einen Brief aus dem Lager auf Schloss Klein Glienicke.
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Scheeßel. Der Schrecken des Luftangriffs vom 25. April steckt den Bewohnern der kleinen Nordseeinsel Wangerooge noch in den Gliedern, doch nachdem Schutt und Sand zur Seite geräumt sind, geht auch dort das Leben weiter. Das Kriegsende ist in Sicht, doch wie lange man noch warten muss, weiß niemand. Die Küstenbatterien waren nach kurzer Zeit wieder einsatzbereit, und auch der neue Inselkommandant denkt nicht daran, die Waffen zu strecken. Lore und Annelie Begemann leben mit ihrer Mutter im Luftschutzkeller eines halbzerstörten Hauses. Jeden Tag hoffen sie auf Nachricht aus Berlin, wo der Vater beim Oberkommando der Wehrmacht angestellt ist.

Als eine Nachbarin einige Tage nach dem Angriff aus Berlin ein Schreiben erhält, erhofft sich auch Lores und Annelies Mutter Nachrichten von ihrem Mann. Doch es kommt kein zweiter Brief aus Berlin. „Meine Mutter war damals völlig durch den Wind, weil wir wussten, dass der Russe bereits vor Berlin stand. Sie hat vermutlich nicht mehr auf den Weg vor ihr geachtet“, erzählt Lore Liebke-Begemann 75 Jahre später. Die Mutter tritt neben den Weg und stürzt in einen der vielen Bombentrichter. Ein unter dem Sand verborgener Eisenträger bohrt sich durch das Bein der Frau, sodass sie keine Chance hat aus dem Loch zu entkommen. Zu ihrem Glück kommt gerade ein 17-jähriger Junge aus der Nachbarschaft vorbei, sieht die hilflose Frau, zieht den Eisenträger aus ihrem Bein und trägt sie ins Lazarett auf der Insel. „Der ging damals auf das Gymnasium und ist später in Hamburg Arzt geworden.“

Neben den Schäden an den Häusern, den Blindgängern im Boden und der knappen Nahrungsmittel fallen auch Strom- und Wasserversorgung auf der Insel aus. Die Bewohner sollen daher die Insel verlassen. „Annelie, hat meine Mutter damals gesagt, nimm deine kleine Schwester und geh zu den Großeltern nach Hamburg. Verlasst die Insel“, erzählt Liebke-Begemann weiter. Da es kein Penicillin für die Behandlung gab, musste die Mutter noch Monate im Lazarett verbleiben und kann sich nicht um die Kinder kümmern. Annelie, damals gerade 24 Jahre alt geworden, möchte den Worten der Mutter folgen, doch das ist leichter gesagt als getan. Als ehemalige Marineangehörige muss sie – unentgeltlich –den Besatzern helfen, den Stützpunkt auf Wangerooge abzuwickeln. „Sie hat damals täglich Schränke voller Akten leeren und zum Verbrennen schaffen und den Briten auch sonst bei der Demilitarisierung der Insel helfen müssen. So zogen Wochen und Monate ins Land, ohne dass wir loskonnten.“ So blieb die vierjährige Lore im Kindergarten und nach Dienstschluss in der Obhut ihrer großen Schwester.

Vater Begemann war, dem Rest der Familie unbekannt, bereits am 1. Mai in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und zog zunächst von Durchgangslager zu Durchgangslager, ohne richtige Verpflegung oder medizinische Versorgung. „Mein Vater hat gesagt, sie hätten einmal den verblühten, rohen Spargel von den Feldern gegessen, um überhaupt etwas im Magen zu haben. Von den Russen gab es ja nichts.“ Der Vater beschreibt den Marsch in das Sammellager auf Schloss Klein Glienicke in einem Brief vom 25. Mai 1945 als „Trauermarsch von etwa 8.000 Mann“. Man hätte ihnen nur Rucksack, Decke und „notwendige Sachen“ wie Kochgeschirr gelassen, alles andere sei abgenommen worden. Das Lager auf Schloss Klein Glienicke selbst ist dann noch schlimmer als die Zustände auf dem Marsch dorthin. „Wir sind hier in einem ehemaligen Ausländerlager. Dieses war einmal sehr gut ausgerüstet mit Küche, Waschräumen, für etwa 2.000 Mann. Jetzt liegen hier etwa 27.000 Mann wie die Heringe neben- und übereinander“, beschreibt der Vater anschaulich. Auch die Verpflegung sei ungenügend, es gäbe mit Glück eine halbe Konservenbüchse Suppe und eine Scheibe Brot.

Um den Weg nach Hamburg überhaupt in Angriff nehmen zu können, benötigt Annelie für sich und ihre kleine Schwester erst einmal Passierscheine in vier verschiedenen Ausführungen. Der bürokratische Aufwand, den dass mit sich brachte, sorgte für eine weitere Verzögerung der Fahrt nach Hamburg. Doch auch diese letzten Hürden sind schlussendlich genommen und so können die Schwestern im August 1945 aufbrechen zum Haus der Großeltern in Hamburg. Mit der Fähre geht es zunächst nach Carolinensiel. Unterwegs erfahren sie von einem Landwirt, bei den sie die Nacht über unterkommen können. Vom Hafen aus geht es dann ein paar Stunden zu Fuß zum Bauernhof, wo man sie auch tatsächlich freundlich aufnimmt, beherbergt und am nächsten Tag sogar noch mit Proviant für die Fahrt versorgt.

Der Vater liegt derweil in einem völlig überfüllten Lazarett, weil er sich aufgrund der mangelnden hygienischen Bedingungen „irgendetwas Unschönes“ eingefangen hatte. „Durch die Unsauberkeit hier haben viele Flöhe, Läuse und Wanzen. Durchfall und die Ruhr sind die ersten Folgen dieser erschreckenden Tatsachen“, kann die Familie später in einem Brief lesen. Sein Glück ist, dass die Damen in der Küche Mitleid mit ihm haben und ihm so täglich eine zusätzliche Portion Essen zukommen lassen. So kann er trotz der widrigen Umstände wieder zu Kräften kommen. Von einem Kameraden erhält er ein abgelehntes Anforderungsformular, dessen Rückseite er nutzt, um den Brief an seine Familie zu schreiben. „Wir hoffen alle, bald wieder nach Hause zu kommen“, schreibt er und beendet den Brief dennoch lieber mit „Lebt wohl!“

Frisch verpflegt, erhält die junge Frau mit ihrer kleinen Schwestern noch die Information, den Zug nach Sande über Jever zu nehmen, von wo aus sie eventuell ein Güterzug der Briten mit nach Bremen nehmen könne. „Die Soldaten waren alle ganz nett. Die dachten ja, da sind Mutter und Tochter unterwegs und haben meiner Schwester immer einen Platz angeboten. Das war natürlich nicht selbstverständlich, es hätte auch ganz anders laufen können“, erzählt die Scheeßelerin rückblickend. In Hude endet die Fahrt, um Kohlen oder Wasser aufzunehmen oder Güter umzuschlagen. Aber zum Glück hat Annelie eine Kameradin von der Marine, die in diesem Ort ihr Elternhaus hat und sie, mitten in der Nacht, freundlich empfängt. „Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Der Himmel war sternenklar. Und dann war da dieses Haus auf dem Hügel. Wir waren völlig erschöpft von der Fahrt, dem Fußweg und allen Entbehrungen. Meine Schwester klingelte, ihre Freundin nahm sie in die Arme – mich haben die sofort ins Bett gesteckt. Es war ein riesiges Federbett und Blumentapeten, die mich unglaublich begeistert haben.“ Am nächsten Tag gibt es noch Frühstück, bevor beide mit einem Zug weiter nach Bremen kommen. Ein oder zwei Tage später übernachten die Beiden dann auf dem Bremer Hauptbahnhof, ehe sie einen weiteren Güterzug nach Hamburg nehmen können. „Mit der völiig kaputten S-Bahn sind wir dann abends zwischen acht und halb neun in Wellingsbüttel angekommen“, erzählt Liebke-Begemann. Sie klingeln an der Tür der Großmutter. Es öffnet ihr Vater.

Vater Begemann hatte in der 1920-iger Jahren eine Blinddarm-OP gehabt, die zwar eine hässliche Narbe hinterlässt, ihm aber in diesem Jahr wahrscheinlich das Leben rettet. Als alle Gefangenen auf die lange Reise in die UdSSR geschickt werden sollen, klagt Begemann über Bauschmerzen und wird vom zuständigen Offizier für untauglich erklärt und entlassen. Über Berlin und Hannover gelangt er nach Hamburg just an dem Tag, an dem auch seine beiden Töchter die Hansestadt erreichen. Alle drei fallen sich in die Arme und können das Glück nicht fassen, dass die ganze Familie den Krieg überlebt hat.

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