Waldränder dienen als Schleuse – vom freien Feld in den Wald - Von Christiane Looks

Zwischen drinnen und draußen

Waldränder, wie hier an der Wümmeniederung, bieten Schutz. Foto: Joachim Looks
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Waffensen. „Schau mal, was ich gefunden habe!“ Der Besuch aus Schleswig-Holstein wedelte begeistert mit einer etwas verblichen aussehenden Wanderkarte vor mir herum. Während ich meinen beruflichen Verpflichtungen nachgegangen war, hatte unser Gast die Gelegenheit genutzt und die damals vor 20 Jahren noch zahlreicher in Dörfern zu findenden Tante-Emma-Läden durchstöbert.

So wurde mir nun die etwas altbacken wirkende Wanderkarte eines Nachbarortes unter die Nase gehalten. Offenbar hatte die stolze Neu-Besitzerin das Werk auch bereits studiert: Denn für gemeinsame Unternehmungen kam der Hinweis, es gäbe Birkhühner und eine ornithologische Kostbarkeit, die sich in einem Fichtenwald verborgen halte. Ich hatte keine Ahnung, um welchen Vogel es sich handeln könne und der Birkwild-Hinweis verdeutlichte, dass die Karte schon vor zwei Jahrzehnten nicht neu gewesen sein konnte, verschwanden Birkhühner doch Anfang der neunziger Jahre aus dem Kreisgebiet. Also wurden Ausflüge zu ornithologischen Kostbarkeiten gestrichen und wir suchten uns anderes: schöne Waldränder.

Zeichenerklärungen zu Karten folgen in der Regel standardisierten Prinzipien. So gibt es wenig Überraschendes: Wald wird grün dargestellt, aufgelockert durch Zeichen für Laub- oder Nadelbäume, der Hinweis auf ein Denkmal sieht aus wie eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfigur. Ein Extra-Zeichen für einen „schönen Waldrand“ überraschte und erstaunt bis heute, denn was haben sich Interessierte unter diesem vorzustellen?

Ein Waldrand ist zunächst einmal weder drinnen, noch draußen. Er ist kein Wald – noch nicht, aber auch kein offenes Land – nicht mehr. Er ist Übergang. Ich beobachte dieses gut, wenn ich sehr früh mit unseren angeleinten Hunden in der Feldmark unterwegs bin. Damwild verzieht sich bei unserem Erscheinen nur ganz kurz von offenen Flächen in den Randbereich umliegender Waldstücke, beäugt uns, um sogleich wieder ins Freie zu treten, wenn wir vorbei sind und offenkundig ist, dass keine Gefahr droht.

Waldränder können nicht nur gut aussehen, sie stellen den Lebensraum für eine beachtliche Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten dar. Man kann dort zum Beispiel den dekorativen Fingerhut und das zierliche Weidenröschen entdecken, die dort ideale Bedingungen vorfinden. Ebenso finden Rebhuhn, Fasan oder Feldhasen unverzichtbare Lebens- und Rückzugsmöglichkeiten. Waldameisen, auch als Polizei des Waldes bekannt, hindern waldschädliche Insekten an ihrem destruktiven Werk. Selbst die graue Maus der Vogelwelt, besser bekannt als Heckenbraunelle, fühlt sich am Waldrand wohl, wie manch andere gefiederte Kollegen.

Ein Bekannter absolvierte vor über 50 Jahren eine landwirtschaftliche Ausbildung, die gegenüber heutiger Praxis sehr breit gefächert war. So gehörten auch Forstwirtschaft und Weinanbau zum Unterrichtsstoff, wobei ihm als Erben eines großen Heidehofes die erworbenen Kenntnisse zum Anbau von Weinreben in seinem Betrieb nicht wirklich weitergeholfen haben. Hilfreich war, das ihm die Bedeutung eines gestuften Waldrandes vermittelt wurde, denn welche verheerenden Folgen ein nur mit Kiefern bepflanzter Wald ohne geeigneten Übergang vielleicht ertragen muss, zeigten und zeigen diverse Orkane, bei denen Wind mit voller Wucht frontal auf steile Baumwände trifft, über sie hinwegfegt und dahinter niederwalzt, was sich als nicht standfest erweist. Ein Waldrand, der allmählich ansteigt, bildet eine Abwehrzone, die häufig verhindert, dass Stürme ihre zerstörerische Kraft voll entfalten.

Es gibt Weiteres, was dafür spricht, Waldrändern mehr Beachtung zu schenken. Jeder kennt die unangenehmen Folgen eines Sonnenbrandes. Was vielen nicht bewusst ist: Auch Bäume können diesen bekommen. Fehlt ein Strauchgürtel oder wird dem Wald sein Baummantel in Form von tief herabhängenden Ästen am Waldrand verwehrt, können Sonnenstrahlen die Rinden beispielsweise von Rot- und Hainbuchen, Ahornbäumen, Fichten oder Linden verbrennen. Die Rinde reißt, platzt auf, schält sich ab, Pilze und Insekten können eindringen und den Baum schädigen.

Sensibel dafür geworden, wie wichtig der Rand eines Waldes ist – nicht nur, weil er mit malerisch zum Boden reichenden Ästen, einem Strauchsaum mit herrlich blühenden Exemplaren und staudenreichen Krautstreifen echte Hinguckerqualität hat, also „schön“ ist, sondern vor allem sinnvoll und nützlich sein sollte? Wer in Waffensen die Straße „Am Bullenberg“ in Richtung Ahausen fährt, suche sich vor der Wümmebrücke einen geeigneten Platz zum Anhalten, überquere die Brücke und wandere etwas weiter in Richtung Ahausen. Rechterhand der Straße gibt es am Rande der Wümme–niederung diesen „schönen“ Waldrand zu bewundern.

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