Theater Metronom zeigt „Der Schimmelreiter“ - Von Nina Baucke

Am Ende das Meer

Hauke Haien (Moritz von Zeddelmann) ringt mit der Natur. Foto: Nina Baucke
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Hütthof. Die raue, gefahrvolle Nordsee auf der einen Seite, auf der anderen Menschen, die dem Meer Stück für Stück das Land abtrotzen: dazwischen nur der Deich als Lebensversicherung. Ihm und den Menschen, die ihn bauten, setzte Theodor Storm in seiner 1888 erschienenen Novelle „Der Schimmelreiter“ ein Denkmal. Eine besonderere Fassung hat daraus nun das Theater Metronom in Hütthof gemacht.

Es ist nur ein Augenblick auf dem Deich. Das Gefühl, auf beunruhigende Art und Weise, nicht alleine zu sein, die den namenlosen Reisenden in einem Gasthaus Schutz suchen lässt. Dort berichtet ihm der Schulmeister, was hinter dem geisterhaften Moment auf dem Deich steckt, und erzählt ihm die Geschichte von Hauke Haien: ein wissbegieriger Junge, der vom Knecht zum Großbauern und Deichgrafen wird und der mit Frau und Tochter ein tragisches Ende in der Flut findet.

Storms Novelle vom Ringen mit der Natur, die sich an eine alte Sage anlehnt, könnte aktueller nicht sein: in Zeiten von Klimawandel und einer Pandemie, die aus dem sich steitig verkleinernden Lebensraum für Wildtiere hervorgegangen ist. Gepaart mit der Auseinandersetzung zwischen neuen Erkenntnissen und dem Althergebrachten. Besonders dann, wenn der junge Deichgraf sein neues, deutlich effektiveres Deichmodell gegen die Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Fraktion im Dorfrat durchboxen muss.

Der Metronom-Produktion liegt eine Theaterbearbeitung des Stoffs von Franziska Steiof zugrunde, aus dem Vier-Personen-Stück wird unter der Regie von Karin Schroeder – mit Ausnahme weniger Auftritte als Schulmeister in der Rahmenhandlung – zum Ein-Mann-Kammerspiel. Das ist zwar der Pandemie geschuldet, ist aber gleichzeitig für Schauspieler Moritz von Zeddelmann eine perfekte Bühne für seine Wandlungsfähigkeit.

Bereits kleine Veränderungen in Haltung und Gestik reichen ihm aus, um die verschiedenen Charaktere erkennbar voneinander abzugrenzen – wie beispielsweise Hauke und seinen Vater. Für die Knechte Carsten und Iven verfällt er in Holsteiner Platt, der große Rivale Haukes, der Großknecht Ole Peters, bekommt obendrein noch ein Lispeln verpasst – dennoch verkommt er nie zur bloßen Witzfigur. Am stärksten zeigt sich die Wandlungsfähigkeit allerdings an Hauke Haien selbst. Vor allem in der zweiten Hälfte, in der es Hauke gelingt, zum Deichgrafen zu werden und auch noch Elke, die Tochter seines Vorgängers, zu heiraten, pendelt von Zeddelmann eindrucksvoll zwischen energischem und klugem Visionär, liebevollem Ehemann und Familienvater und tyrannischem Deichgrafen. Was ihm dabei auch in die Hände spielt, ist die veränderte Erzählstruktur: In der Vorlage sorgt die Erzählung der Geschichte durch den Schulmeister für Distanz, in der Metronom-Produktion gibt er nur wenige Stichworte, bevor Hauke Haien selbst berichtet, was den Mann weniger wie den unheimlichen Reiter aus Storms Novelle scheinen lässt, sondern mehr wie einen Menschen aus Fleisch und Blut – mit all seinen Stärken und Schwächen.

Anja Imigs aufgeräumtes und gleichzeitig trickreiches Bühnenbild mit aufklappbaren Platten und nur wenigen Requisiten bildet den perfekten Rahmen für das Drama am Deich. Noch interessanter ist aber der Hintergrund, der ein projiziertes Aquarell zeigt, das sich im Verlauf des Stücks kaum merklich verschiebt und in Blau-, Grün- und Grautönen das Leben an der Nordsee widerspiegelt. Cleveres Element ist auch die Wand, an der Schroeder unter anderem das Donnern der Wellen klanglich erzeugt. Unterstützung erfährt die Stimmung auch von dem zarten a-capella-Gesang mit gelegentlichen Beatboxeinlagen von Zsuzsa von Zeddelmann. Durch den Gesang wirkt besonders das dramatische Finale sehr intensiv – wenn die leisen Töne immer wieder das laute Donnern durchbrechen

Auch wenn Haukes Deich hält und hält und hält – mit dem Tod von Elke und Tochter Wienke zahlt er dafür einen hohen Preis. Gleichzeitig ist sein Schicksal und das seiner Familie eine Mahnung: Die Natur gibt sich nicht geschlagen, sie holt sich immer etwas zurück und fordert Opfer. Das ist etwas, das wir nicht aus den Augen verlieren sollten.

„Der Schimmelreiter“ ist ab dem kommenden Wochenende als Stream über die Homepage des Theaters zu sehen, mehr Informationen gibt es unter www.theater-metronom.de.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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