Rundschau-Redakteurin Nina Baucke versucht sich am Sportabzeichen - Von Nina Baucke

Wo bleibt Whitney?

Schon das Warmlaufen zu Beginn des Trainings fordert Kondition. Foto: Dennis Bartz
 ©Rotenburger Rundschau


Visselhövede. Es ist mein gefühlt 1.000. Versuch mit dem Schleuderball: Der Lederriemen an dem Ball gleitet von Zeige- und Mittelfinger, in hohem Bogen fliegt er durch die Luft und kommt mit einem dumpfen „Plopp“ auf dem Visselhöveder Sportplatz auf. Tatsächlich, die Weite reicht, ich stoße einen Jubelruf aus, warte auf den Funkenregen und Whitney Houstons pathetische Olympia-Hymne „One moment in time“. Denn mit diesem Wurf habe ich mein Sportabzeichen in Silber perfekt gemacht.

Funken und Whitney bleiben aus, aber trotzdem ist es ein besonderer Augenblick für mich. Denn zum einen gelingt mir satte 27 Jahre nach meinem ersten Sportabzeichen, ebenfalls in Silber, die Prüfung noch einmal. Zum anderen genieße ich den Triumph über meinen inneren Schweinehund, der mich ansonsten gerne dazu bringt, anstelle von Sport lieber etwas anderes zu machen, was weniger schweißtreibend und deutlich gemütlicher ist. Mein Verhältnis zum Sport ist gespalten: Vom Kleinkindalter bis zum Abitur habe ich in meiner Freizeit immer gerne Sport getrieben – Kinderturnen, Tennis und einige Jahre Basketball, inklusive zweimal Training pro Woche und Punktspiele am Wochenende. Den Sportunterricht in der Schule habe ich wiederum gehasst wie die Pest. Für mich war er der ideale Mobbing-Nährboden, um kleinen Pummelchen und Bewegungslegasthenikern wie mir den Spaß am Sport gründlich zu vermiesen. Beim Mannschaftenwählen saß ich immer bis zum Schluss auf der Bank, den Intervalllauf und den Leichtathletikpart draußen auf der Tartanbahn beendete ich grundsätzlich laut keuchend und unter dem Gelächter meiner Mitschüler als Letzte. Und mich vor aller Augen wie ein Mehlsack über den Stufenbarren oder über den Bock zu hangeln, fand ich unendlich demütigend.
Zeit also, dem Trauma Schulsport den Garaus zu machen. Schon seit einigen Jahren landen in meinem Redaktionspostfach immer mal wieder E-Mails von Sandra Foth. Darin kündigt sie Trainingseinheiten an: mal den Saisonstart, mal stehen die Prüfungen für das Fahrradfahren an. Die Kettenburgerin hat den Hut auf, wenn es um den Sportabzeichenstützpunkt Visselhövede geht: Jedes Jahr steht sie von Juni bis September einmal die Woche mit dem Stützpunktteam, zu dem auch Sabine Opp, Birgit Lang, Heike Behrens, Diana Pipping-Twiefel, Birthe Winter-Hecht und Hermann Meyer gehören, auf dem Trainingsplatz Auf der Loge und bringt Hobbysportler in Bewegung. In der Regel sind es um die 200 im Jahr, die in Visselhövede ihr Sportabzeichen absolvieren, bundesweit waren es beispielsweise 2018 fast 800.000 Menschen.
Sandra Foths E-Mails bringen mich auf eine Idee: Warum nicht mal eine von diesen 800.000 sein? Wenn ich das als Elfjährige hinbekommen habe, warum denn nicht auch mit 38? Die erste Bestandsaufname fällt allerdings nicht gut aus: Ich schleppe erst einmal deutlich zu viele Kilos mit mir herum, meine Ernährungsgewohnheiten sind eine Katastrophe und die Mitgliedschaft im Fitnessstudio besteht auf dem Papier und weniger aus Gerätetraining. Allerdings – ein Bewegungsmuffel bin ich nicht: Ich fahre gerne Fahrrad, schwimme und habe vor einigen Jahren Fernwandern als idealen Urlaub entdeckt.
Was sollte da also so schwer sein? Ziemlich viel, wie ich bei meinem ersten Training merke. Denn schon beim Aufwärmen denke ich: „Danke, das war’s! Doofe Idee, ich geh’ nach Hause!“ Wir laufen hin und her über den roten Hartplatz, erst im gemütlichen Joggingtempo, mit kreisenden Armen. Aus den Schritten werden nun Hüpfer. „Und jetzt steigern wir unser Lauftempo“, sagt Sandra Foth. Und während die Gruppe über den Platz sprintet, schaffe ich es mit Müh und Not, mein Tempo wenigstens ein bisschen anzuziehen. Dann geht’s ans Dehnen, und da entpuppt sich schon das Balancieren auf einem Bein als Herausforderung. „Wir müssen ja den Motor warmmachen“, erklärt Sandra Foth mir mit einem Lachen. „Die Steigerungsläufe bringen den Körper auf Temperatur, und die gedehnte Muskulatur hilft, um dann die Leistung in den Prüfungen abzurufen.“ Aber sie macht mir auch Mut: „Wer jede Woche kommt, merkt, wie er beweglicher und schneller wird.“ Großartig schneller werde ich im Laufe der folgenden Wochen zwar nicht, aber dennoch hat sie recht: Ich werde beweglicher, das Aufwärmen fällt mir leichter, ich bekomme die Übungen hin.
Auf dem Trainingsplatz habe ich das Gefühl, in eine eingeschworene Clique mit Menschen jeden Alters geraten zu sein: Alle sind per Du, alles ist zwanglos, alle scherzen miteinander. „Es sind jedes Jahr viele Wiederholungstäter dabei“, erklärt Sandra Foth mir. So gibt es eine Teilnehmerin, die in diesem Jahr das Ganze zum 50. Mal macht. „Hier muss keiner zwanghaft Mitglied im Sportverein sein: einfach vorbeikommen, mitmachen, ausprobieren, das Beste aus sich rausholen.“
Ab und zu sind auch neue Gesichter dabei, unter anderem deshalb, weil das Sportabzeichen für manche nicht nur ein Freizeitspaß, sondern die bestandene Prüfung für einige Bewerbungen, beispielsweise bei der Polizei, als Nachweis notwendig ist. „Mindestens Bronze muss es da sein“, sagt Sandra Foth.
Auf dem Prüfstand stehen Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft und Koordination. „Es geht beim Sportabzeichen um Vielseitigkeit und eine gewisse Grundfitness. In jeder Kategorie stehen vier bis fünf Disziplinen zur Auswahl. Aber die ändern sich von Zeit zu Zeit“, erklärt mir die Kettenburgerin. „Inlinerfahren gehörte zum Beispiel auch mal dazu.“ Oder Turnen: „Da gibt es immer ein Element als Austauschübung.“
Oberhoheit über die Auswahl der Disziplinen hat die Sporthochschule in Köln, zudem können die Landesverbände Regulierungen vornehmen. Die Anforderungen wiederum sind abhängig vom Alter und dem Geschlecht. „Da ändern sich immer mal wieder Zeiten, Weiten und Höhen“, so Sandra Foth. Ich sehe mir die Werte an, die ich als Frau in meiner Altersstufe aktuell erreichen muss und gebe mir vorsichtshalber maximal Bronze als Ziel aus. Schon bei Ausdauer werde ich skeptisch: 3.000 Meter in etwa 23 Minuten? Ich denke an mein letztes Ergebnis über fünf Kilometer beim Sottrumer Abendlauf und sehe schwarz. Auch der Bereich Schnelligkeit macht mir Kopfzerbrechen, dennoch will ich wissen, ob für mich 100 Meter in 20 Sekunden möglich sind. Ein Risiko schwingt mit, denn vor allem für wenig Trainierte ist die Verletzungsgefahr nicht gerade niedrig. „Viele wollen sprinten oder für die Koordination Weitsprung machen. Aber da kann es schnell zu Zerrungen kommen“, warnt Sandra Foth mich. Als „Sparringspartner“ geht Hermann Meyer neben mir an den Start. Das Klacken der Klappe ertönt, ich renne los und habe sogar ein gutes Gefühl bei der Sache, bis mir für das letzte Viertel die Luft ausgeht und ich um zwei Sekunden am Wunschergebnis vorbeirausche. Besser sieht es im Bereich Kraft aus, da bin ich offenbar ein Talent: Gleich der zweite Wurf mit dem Medizinball knackt bequem die Acht-Meter-Marke – Goldwert. Ich versuche mich an einer weiteren Disziplin, Standweitsprung. Sandra Foth erklärt mir die nötige Technik: an die weiße Kante stellen, in die Knie gehen, als ob ich mich auf einen Stuhl setzen wolle, und dann nach vorne schnellen. Den ersten Versuch setze ich im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand, denn im Gegenzug zum Weitsprung darf der Hintern nicht mit landen. Aber schon der zweite Sprung sitzt, am Ende ist der vierte mit Silberwert ein Volltreffer. Meine Schwächen auf dem Sportplatz in punkto Ausdauer und Schnelligkeit mache ich im Schwimmbecken locker mit Bronze- und Silberzeiten wett – immerhin, das Wasser bleibt für mich eine sichere Bank.
Am Bereich Koordination beiße ich mir allerdings wochenlang die Zähne aus: Weitsprung kommt nicht in Frage, den Hochsprungtermin verpasse ich – ironischerweise aufgrund einer Zerrung, die ich mir beim Schleuderball zugezogen habe. Und auch das bekomme ich nicht hin, mein Problem ist offenbar, den Ball im richtigen Augenblick loszulassen. Ausweichen geht ansonsten nur auf das Springseil, und da ist laut Reglement ein „Kreuzdurchschlag ohne Zwischenschlag“ gefordert – keine Chance! Also nützt es nichts, es ist der Schleuderball auf Gedeih und Verderb.
Der Erfolgswurf bleibt am Ende ein Einzelgänger, meine leise Hoffnung, beim letzten Trainingstermin noch ein paar Punkte zu machen, verpufft. Und dennoch ist etwas passiert, mit dem ich so nicht gerechnet habe: Es macht mir Spaß. Spaß, mal auszutesten, wie viel sportliche Energie doch irgendwie in mir drinsteckt – neben dem Ehrgeiz, zu beweisen, dass Sportlichkeit und Spaß an Bewegung nicht grundsätzlich etwas mit dem Gewicht oder der Kleidergröße zu tun haben. Denn am Ende gehe ich mit dem Sportabzeichen in Silber vom Platz – und ein wenig versöhnt mit der Leichtathletik, die mich zu Schulzeiten so gepiesackt hat. Als ich erschöpft und glücklich im Auto sitze, mache ich mir zuerst Musik an. „One moment in time“ natürlich.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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