Petra von Fintel aus Hiddingen will auf dem Lausitzring 1.000 Kilometer in 24 Stunden fahren - Von Thomas Hartmann

Rund um die Uhr in die Pedale treten

Die gelbe Zigarre mutet futuristisch an – wirkt eher wie ein Mini-U-Boot und damit im beschaulichen Hiddingen bei Visselhövede reichlich deplatziert. Und doch ist sie – fernab jeglichen Wassers, das zum Tauchen geeignet wäre – oft zu sehen: im Straßenverkehr. Das Gefährt ist ein Velomobil und wird von Petra von Fintel genutzt, um den Weg zur Arbeit in Bispingen zu absolvieren. Täglich fährt sie mit dem vollummantelten Liegerad die 40 Kilometer nach Bispingen hin und zurück – jeweils in etwa einer Stunde. Doch was sie jetzt vorhat, stellt diese Leistung bei Weitem in den Schatten: Auf dem Lausitzring will sie am letzten Juli-Wochenende einen Weltrekord aufstellen.

Die weiße Haube des Milan gibt nur durch ein winziges Fensterchen den Blick frei auf die Straße. Darum nutzt von Fintel die nur bei Rennen. Ansonsten fährt sie mit einer normalen Abdeckung. Doch auch die ist eher spartanisch, was den Panoramablick angeht. Alles ist der Aerodynamik untergeordnet. Und so hat die Rennhaube nur einen von außen kaum erkennbaren Lufteinlass. Innen ist er besser zu sehen, denn per Schlauch wird die einströmende Frischluft direkt bis vor das Gesicht der Fahrerin geleitet. Platz ist absolute Mangelware in dem Gefährt. Wie im Rennwagen-Cockpit von Vettel und Co. liegen die Schultern eng an der speziell entwickelten und ultraleichten Außenhaut an. Nur wenige Flächen gibt es im Innern, die so verstärkt sind, dass beim Einsteigen der Fuß aufgesetzt werden kann. Und so dauert es auch etwas, bis von Fintel in der richtigen Position sitzt, um zu starten. Die 45-Jährige will aber auch gar nicht aussteigen, wenn sie auf dem Lausitzring dem Rekord hinterherjagt. „Das kostet zu viel Zeit“, sagt sie. Das heißt: Sie wird – wenn alles glatt läuft – 24 Stunden ihren Milan nicht verlassen. Zwei Pausen hat sie angepeilt. Wobei Pause vielleicht das falsche Wort ist: Boxenstopps sind es, in denen sie die leeren Wasserflaschen und Verpflegungs-Packs rauswerfen und neue aufnehmen kann. Nur wenige Minuten darf das dauern, sonst ist der Schnitt kaputt. Sie hat ausgerechnet, dass sie konstant eine Stundengeschwindigkeit von etwa 44 fahren muss, damit sie ihr großes Ziel erreichen kann: „Ich will in 24 Stunden 1.000 Kilometer fahren. Das wäre der Ritterschlag.“ Alleine kann sie das nicht schaffen. Das Team Heidjer, wie sie es getauft hat, besteht aus Günther Brockmann, Hartwig Müller, Mario Müller und Kristin Hoffmann. Brockmann ist der Coach. Durch ihn ist von Fintel, die erst seit 2000 ernsthaft Sport betreibt, 2009 zum Langstrecken-Zeitfahren gekommen. Vorher hatte sie so manchen Triathlon absolviert. Durch ihn hat sie auch Christian Ascheberg und seinen Milan kennengelernt. Der Mann, der ihr Mentor und guter Freund wurde, verstarb im vergangenen Jahr. Ihm will sie den Rekord widmen. Mario Müller hatte sie zum ersten Triathlon animiert und ist für den Weltrekord-Versuch unverzichtbar. Von Fintel: „Er steht an der Strecke und gibt mir die Rundenzeiten. Wenn der so richtig loslegt, dann gehe ich ab wie Schmidts Katze.“ Und sie weiß, wie sehr sie das braucht: „Männer sind gute Kaltstarter. Ich komme erst auf der Strecke so richtig in Gang. Die nennen mich den deutschen Diesel, auch weil ich so viel Luft und Kühlung brauche.“ Hartwig Müller ist dann eher der, der sie sanft aufbaut. Er ist von Fintels Lebensgefährte und Trainingspartner in der Freizeit, denn auch er legt mit seinem Rennrad große Strecken zur Arbeit zurück. Kristin Hoffmann kümmert sich an der Box um Verpflegung und Organisation. „Das Team ist entscheidend. Ich bin die, die nur fährt“, gibt sich von Fintel bescheiden. Der Start wird schwierig, wenn sie zu Beginn und nach den Boxenstopps die jeweils 5,8 Kilometer langen Runden angeht. Sie hat nämlich ein großes Zahnrad gewählt. „Ein normales Mountainbike für Männer hat 48 Zähne. Ich fahre normalerweise mit 64. Für den Lausitzring will ich eines mit 80 Zähnen.“ Wer schon einmal versucht hat, im 24. Gang zu starten, der weiß, was da auf sie zukommt. „Aber sonst habe ich das Problem, dass ich im höchsten Gang irgendwann quasi im Leerlauf trete. Ich kann keinen Vorschub mehr erzeugen“, erklärt sie. Das ist in der Regel dann, wenn sie die Höchstgeschwindigkeit abspult. Und die kann schon mal bei bis zu 70 Stundenkilometern liegen. Der Milan – noch fährt sie die Ausführung GT, fürs Rennen gibt es den SL – gehört ihr nicht. Sie hat ihn vom Räderwerk Hannover zur Verfügung gestellt bekommen. Das Besondere: Sie ist nicht die Einzige, die den Weltrekord knacken will und dazu in diesem Gefährt sitzt. Eine ihrer schärfsten Konkurrentinnen und derzeitige Rekordhalterin zumindest in der Zwölf-Stunden-Klasse ist Kirsten Niederlein, die Frau des Sponsors. Sie fährt parallel zu von Fintel quasi im Schwesterschiff. Und wie bereitet sich die Hiddingerin auf das Rennen vor? „Mein bestes Training sind die Fahrten zur Arbeit. Die absolviere ich im Augenblick in warmer Kleidung, um mich auf die Hitze vorzubereiten, die im Innern des Milan auf dem Lausitzring aufkommen kann. Das können durchaus 44 Grad werden.“ Auf dem Hinweg lässt sie es etwas ruhiger angehen, schließlich warten im Center-Park Schafe, Ziegen und Co. auf sie. Die gelernte Tierwirtin mit Schwerpunkt Schafhaltung betreut die Streichelzoos und kümmert sich dabei um den Erhalt alter Nutztierrassen. So braucht sie auf dem Hinweg durchaus mal eine Stunde und zehn Minuten, auf dem Rückweg kann sie die 40 Kilometer in 52 Minuten absolvieren. Manchmal kann sie dann aber nachts nur auf dem Bauch schlafen. „Der Hintern tut dann mächtig weh“, gibt sie zu. Langsam angehen lassen kann sie das Rennen nicht. Sie will auch den Rekord innerhalb von zwölf Stunden brechen. Danach wird es um so schwieriger, das Tempo durchzuhalten. Und die Nacht macht ihr etwas sorgen, denn irgendwann droht die Müdigkeit. Dann hilft ihr kalter Kaffee mit Milch und Zucker. „Besser und billiger als jeder Energy-Drink“, ist von Fintel überzeugt. Gegessen werden Kekse, Würstchen, Käse und vor allen Dingen Datteln. Ausreichend zu essen und zu trinken, ist wichtig für den Erfolg. Aber: Für einen Toilettenstopp ist die Zeit eigentlich zu knapp. Also gilt es, das richtige Maß zu finden, damit der Körper genau das bekommt, was er braucht – nicht zu viel und nicht zu wenig. Im Juli will von Fintel eine kleine Generalprobe absolvieren. Dann fährt sie auf dem Rennrad in 26 Stunden 600 Kilometer durch Niedersachsen. 14 Tage nach dem Lausitzring steht die Strecke Hamburg-Berlin-Köln-Hamburg an. Das sind dann 1.500 Kilometer. Und noch einen wichtigen Punkt muss die Hiddingerin beachten. Sie muss stets die Liste der verbotenen Medikamente im Auge haben. Wenn sie einen ihrer Rheuma-Schübe bekommt, darf sie nicht einfach zu Aspirin oder Cortison greifen. „Diese Mittel gelten als leistungsfördernd“, weiß sie. Aber seit sie im Milan fährt, sind die Beschwerden deutlich zurückgegangen. Da macht sie sich deshalb wenig Sorgen. Was noch drückt, sind die Kosten für das Wochenende. Noch hat sie (abgesehen vom Räderwerk Hannover) keinen Sponsor. „Und so ein Rennen mit Vorbereitung ist sehr kostenintensiv, wie ich feststellen musste“, sagt von Fintel, die sich über jede Unterstützung freut. Wer sie fördern möchte, kann sich per E-Mail an petra.vonfintel@ewetel.net bei ihr melden.

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