Olga Witt berichtet über das Leben mit wenig Abfall und über die Herausforderungen dabei - Von Nina Baucke

Der Weg zu neuen Gewohnheiten

Olga Witt ist überzeugt davon: Ein Leben ohne Abfall ist möglich.
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Visselhövede. Deckel auf und hinein mit dem Beutel in die Mülltonne, Deckel wieder zu und das Problem ist beseitigt. Für den Einzelnen jedenfalls – denn beseitigt ist ansonsten gar nichts. Der Plastikmüll taucht wieder auf, unter anderem in den Mägen von Vögeln und in den Meeren dieser Welt. Wie sich Müll im Alltag verhindern lässt, darüber informiert am Montag, 17. Februar, ab 19 Uhr Olga Witt im Haus der Bildung in Visselhövede. Die Rundschau hat sich im Vorfeld mit der Autorin und Aktivistin aus Köln, die nach dem Zero-Waste-Prinzip lebt, unterhalten.

Frau Witt, wie viel Müll fällt bei Ihnen noch an?

Olga Witt: Wir bringen nur noch alle paar Monate Müll runter, also ist es bei uns relativ wenig, zumindest im Vergleich zu anderen Haushalten.

Was war der Auslöser, der Sie dazu gebracht hat, etwas zu ändern?

Witt: Früher war es bei mir so, wie es jetzt noch für einige ist: Nach dem Einkaufen und Auspacken war schnell der Mülleimer wieder voll. Und das hat sich irgendwann einfach komisch angefühlt. Per Zufall habe ich dann etwas über den Begriff „Zero Waste“ gelesen und eine Familie in den USA entdeckt, die schon seit Jahren danach lebt und darüber schreibt. Das hat mich sehr angesprochen, einfach eine Lösung für meinen Abfall zu finden. Man muss nicht viel Müll machen, denn es geht auch anders. Das hat mich motiviert, in meinem Haushalt alles umzukrempeln und darüber zu schreiben, denn zu dem Thema gab es damals in Deutschland noch nichts. Das war vor sieben Jahren.

War das Umkrempeln schwierig?

Witt: Nein, denn man kann relativ viel mit relativ einfachen Mitteln erreichen. Vieles kennt man eigentlich und weiß es auch und macht es dennoch nicht. Ein Beispiel ist die Küchenrolle: Wer braucht Küchenrolle? Wir benutzen einen Lappen – trivialer geht es nicht. Oder Taschentücher aus Stoff: Die habe ich schon als Kind benutzt und benutze sie jetzt wieder. Also waren das bei mir wirklich relativ einfache Sachen, mit denen ich angefangen habe. Ich habe festgestellt, dass mir das Spaß macht, und so habe ich dann sukzessive damit begonnen, Alternativen für immer mehr Sachen zu suchen. Ich habe mich da richtig rein gearbeitet.

Bezogen auf die Alternative mit dem Lappen: Wie sieht es mit der Hygiene aus?

Witt: Wir sind in dieser Frage nach Bakterien hypersensibel geworden. Ich bin da nicht sehr empfindlich, und hatte daher keine großen Probleme, umzusteigen. Aber ich weiß, dass das für viele ein Thema ist: Ist das nicht unhygienisch? Wie ist das mit Bakterien? Bakterien und Keime sind jetzt erst einmal so nichts Schlimmes. Unser Immunsystem braucht ja den Kontakt zu ihnen, damit es abgehärtet wird. Desinfiziert man zu Hause alles, ist man draußen allem schutzlos ausgeliefert. Es ist also kein gesundheitliches Problem, statt Küchenrolle einen Lappen und statt Einwegtaschentüchern Stofftaschentücher zu benutzen. Wir sind das nur nicht mehr gewohnt.

Ist es also eine Barriere im Kopf, die da überwunden werden muss?

Witt: Ja, genau.

Wie viel Erfindungsreichtum gehört zum Zero-Waste-Leben mit dazu?

Witt: Oh, man wird schon schnell kreativ. Beispielsweise beim Verpacken von Lebensmitteln, denn Frischhalte- oder Alufolie kann man immer irgendwie ersetzen.

Fragen Sie sich jetzt schon automatisch, wie sich dieses oder jenes recyclen lässt?

Witt: Ja. Da habe ich mittlerweile ein sehr geschultes Auge dafür. Wenn ich mit Verpackungen und Müll konfrontiert bin, frage ich mich: Kann man das recyclen, welches Material ist das, ist das beschichtet? Selbst viele Hersteller wissen das schon nicht genau. Aber diese Fragen muss man dann stellen.

Ist das Zero-Waste-Leben mit einem Baby eine besondere Herausforderung?

Witt: Nein, das ist mir leicht gefallen. Ich hatte damit schon angefangen, als mein erstes Kind kam, und kannte es daher auch nicht anders, denn viele Dinge bei der Müllvermeidung waren schon selbstverständlich für mich: dass ich jetzt nicht irgendwelche verpackte Snacks kaufe, sondern Alternativen suche. Die Frage, wie das mit einem Baby laufen kann, kam also gar nicht auf. Und die Alternative zu herkömmlichen Windeln kennt man: Stoffwindeln. Oder auch windelfrei, dabei hält man die Kinder ab, wenn sie zur Toilette müssen. Das kennenzulernen war für mich großartig, da man dabei in eine ganz andere Kommunikation mit dem Kind geht, weil es einfach noch mal ein ganz anderes Bedürfnis äußern kann. Das hat mich begeistert, und daher war im Ganzen Müllvermeidung im Leben mit einem Baby für mich auch nicht so schwierig. Ich habe mich ja nicht damit auseinandersetzen müssen, wie es andere machen.

Gibt es für Sie Bereiche, wo die Umsetzung von Zero Waste doch noch etwas kniffelig ist?

Witt: Ja, gibt es. Ich habe irgendwann angefangen, mich tierfrei zu ernähren, und da kommen wir nochmal in neue Problembereiche rein. Es lässt sich natürlich viel weglassen. Aber wenn man gerne seine Hafermilch trinkt oder Tofu isst, kann es schwierig werden – selbst wenn sich das ein oder andere zu Hause auch selber machen lässt. Denn das wiederum ist einerseits zeitintensiv und ergibt zum anderen auch nicht das gleiche Resultat. Das sind schon Herausforderungen, aber darauf stellt sich ja auch der Handel mehr und mehr ein, dass es da Alternativen gibt.

Spielt die Lieferkette hinter den Produkten, die Sie kaufen, für Sie eine Rolle?

Witt: Ja, vor allem, seitdem ich einen eigenen Laden habe, achte ich darauf. Das war mir vorher nicht so klar. Denn nur weil ich etwas unverpackt kaufe, heißt das noch lange nicht, dass das auch müllsparend im Laden ankommt.

Ist diese Balance manchmal schwierig?

Witt: Auf jeden Fall. Es ist auch viel Aufklärung notwendig. Denn gewisse Waren werden auch bei uns im Laden nie unverpackt ankommen. Beispielsweise Cashew-Kerne. Die müssen für den weiten Transport luftdicht verschweißt sein. Wenn man es also richtig ernst nimmt, muss man da auch über regionale Alternativen nachdenken.

Was raten Sie Menschen, die die ersten Schritte hin zu weniger Müll machen wollen?

Witt: Ich rate, individuell zu gucken: Was fällt mir leicht? Für mich war der Umstieg auf Stofftaschentücher super leicht, aber für andere Menschen ist das eine Hürde, da gibt es Hemmungen. Und dann würde ich damit auch nicht anfangen. Wichtig ist, dass es einem persönlich leicht fällt, dass man kaum eine Änderung, kaum ein Problem hat. Dann gibt es auch schnell Erfolgserlebnisse, die von ganz alleine dazu bewegen, weiterzumachen und zeigen: Es funktioniert. Das kann ein Taschentuch sein, Wasser aus der Leitung, anstatt aus der Flasche, das kann statt der Frischhaltefolie ein Teller als Deckel sein, das Benutzen von Haarseife, um Shampooflaschen einzusparen. Da gibt es viele Kleinigkeiten, und für die meisten sind kleine Schritte passender, weil man dann neue stückweise Gewohnheiten einziehen lassen kann und sich die Zeit nimmt, sie auch zu Gewohnheiten werden zu lassen. Sonst ist es wie mit dem Jojo-Effekt: Ich mache alles auf einmal und höre auch schnell wieder damit auf. Wichtig ist, sich die Zeit zu nehmen, die man für eine Umstellung auch braucht.

Was ist für Sie der Gewinn am Zero Waste?

Witt: Ich bin viel freier, weniger abhängig von Industrien und dem, was mir die Werbung verkauft. Ich kann mehr hinterfragen – das, was mir da angeboten wird, und ob man das wirklich braucht. Und klar spielt auch der Umweltaspekt eine entscheidende Rolle: Ich lebe so auf deutlich kleinerem Fuß. Das ist schön für mein Gewissen und die nachfolgenden Generationen.

Olga Witt ist die Autorin der Bücher „Ein Leben ohne Müll“ und „Zero Waste Baby“ und Gründerin zweier Unverpacktläden in Köln und Hannover. Wie ein Leben ohne den Alleskönner Kunststoff möglich ist, darüber referiert sie am Montag, 17. Februar, in Visselhövede im Haus der Bildung. Beginn des Vortrags ist um 19 Uhr. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist frei, die Veranstalter hoffen jedoch auf Spenden.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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