Kreisschützenpräsident Olaf Rautenberg über Majestätensuche und Corona-Krise

„Da kommt der König!“

Kreisschützenfest in Wittorf im Sommer 2019: Kreisschützenpräsident Olaf Rautenberg hofft derzeit, dass in Sachen Corona-Krise das Schlimmste im August überstanden ist u2013 und das Kreisschützenfest in Winkeldorf im August wie geplant über die Bühne gehen kann. Archivfoto: Henning Leeske
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Hemslingen. Es wird Frühling und damit steht auch die neue Schützenfestsaison vor der Tür. Wie die Lage in den Vereinen aussieht und welche Auswirkungen das derzeit grassierende Corona-Virus auf den Start der Schützenfest haben kann, darüber spricht die Rotenburger Rundschau mit Kreisschützenpräsident Olaf Rautenberg aus Hemslingen.

Herr Rautenberg, gleich zu Beginn: Wird die Corona-Krise Auswirkungen auf die Schützensaison haben?

Olaf Rautenberg: Die Kreismeisterschaften und Pokalschiessen sowie ähnliche Veranstaltungen sind bereits abgesagt oder verschoben. Selbst der für Ende April in Munster angesetzte Landesschützentag ist bereits vertagt. Die ersten Vereine sind am Überlegen, ihr Fest abzusagen – und ich denke, das wird auch so kommen. Ein Verschieben ist allerdings schwierig. Ohnehin werden die Veranstaltungskalender in der zweiten Jahreshälfte überquellen, wenn jeder Verein seine Termine noch nachholen will oder muss. Dieses Jahr ist einfach sehr extrem. Ich hoffe, dass wir im August damit durch sind und das Kreisschützenfest in Winkeldorf, Anfang August stattfindet. Aber bis dahin ist ja noch etwas Zeit.

Sind Schützenvereine und Schützenfeste noch zeitgemäß?

Rautenberg: Auf jeden Fall. Warum auch nicht? Im sportlichen Bereich vielleicht mehr denn je. Sportschießen fördert die Konzentration und das ist bei den Kindern und Jugendlichen auch für die Schule wichtig. Daneben sind Gemeinschaft und Tradition doch nicht überholt. Gerade auf den Dörfern sind Schützenvereine, aber auch die anderen Vereine ein gutes Mittel, um in die Dorfgemeinschaft zu kommen.

Was macht den „Traditionsfaktor“ aus und wie schwierig ist da die Balance mit der Moderne?

Rautenberg: Um die Uniform kommen wir schwer drum herum. Es gibt natürlich einige, die die Uniform nicht anziehen wollen, weil sie das Militärische dabei sehen, weil sie ihnen nicht steht. Was die Moderne angeht: Frauen ist zum Beispiel nicht mehr vorgeschrieben, Faltenröcke zu tragen, sie können den Rock tragen, den sie wollen – oder auch Hosen.

Was ist jenseits von Äußerlichkeiten wichtig, um das Vereinsleben attraktiv zu halten?

Rautenberg: Die Tradition pflegen wir durch Schützen- und Erntefeste. Das ist das hauptsächlich Traditionelle, das wir in den Vereinen ausüben. Früher waren die Schützenfeste die Höhepunkte im Dorfleben. Da haben die Frauen noch ein neues Kleid bekommen. Das Alleinstellungsmerkmal einer großen Feier ist verloren gegangen, weil heutzutage jeder seinen runden Geburtstag groß feiert und die Termine allgemein zugenommen haben. Heute haben wir unsere Aktivitäten schon angepasst: Die Schützenvereine müssen das anbieten, was vor allem die jungen Leute anspricht. Da wird aus einem Schützenball auch mal eine Zeltdisco, und neben dem traditionellen Skatturnier zu Weihnachten gibt es plötzlich Pokerabende. Und die laufen, beispielsweise in Hemslingen, sehr gut. Aber es gibt auch eine gegenläufige Tendenz. Junge Leute sprechen uns an und wollen Skat und Doppelkopf lernen. So etwas müssen die Vereine aufgreifen, auch wenn es mit dem Ursprungsgedanken des Schützenvereins nichts zu tun hat.

Die Menschen nehmen also schon das Angebot des Vereins wahr?

Rautenberg: Absolut. Das funktioniert auf jeden Fall. Klar muss man sie auch mal an die Hand nehmen, aber das ist auch bei Neubürgern der Fall. Die Vereine dürfen halt nicht darauf warten, dass jemand bei ihnen klingelt und sagt: Da bin ich. Wir müssen anregen, mal zum Übungsabend zu kommen. Dabei müssen manche erstmal die Scheu vor dem Schießen ablegen. Genau das ist uns in Hemslingen beispielsweise mit der Ladies Night gelungen, wo wir Frauen in Ruhe einfach mal das Schießen ausprobieren lassen.

Ist Integration ein Thema, das in den Vereinen diskutiert wird?

Rautenberg: Das Schützenwesen steht allen offen, wir sind religiös und politisch neutral. Und Integration von Behinderten gibt es im Sport nirgendwo so gut wie bei uns. Wir haben aktive Schützen im Rollstuhl, Bogenschießen auch für Menschen mit Behinderung und in Schwitschen sogar eine Einrichtung für Sehbehinderte. Es gibt beim NSSV zudem einen hauptamtlichen Integrationsbeauftragten und auch Zuschüsse für beispielsweise den rollstuhlgerechten Umbau der Anlagen.

Wie sieht es mit den Mitgliederzahlen der Vereine aus?

Rautenberg: Auf Kreisebene haben wir im vergangenen Jahr einen Rückgang von 15 Personen gehabt, das ist bei 8.399 Mitgliedern nicht sehr viel. Wir haben mit dem Schützenverein Drögenbostel sogar einen Verein dazu bekommen. Die Hälfte der Vereine haben ihre Mitgliederzahl erhöht oder gehalten. Es gibt aber auch einzelne Vereine, die starke Probleme haben.

Welche Ursache hat aus Ihrer Sicht?

Rautenberg: Ich glaube, der Mitgliedsbeitrag ist nicht das Thema, wenn ich sehe, was die Leute sonst monatlich für Kosten haben – beispielsweise Beiträge im Fitnessstudio, die sie dort lassen, ohne hinzugehen. Da sind wir vom Schützenverein weit drunter. Vielleicht hat man irgendwann verpasst, neue Mitglieder zu werben, als man noch stärker war und ein entsprechendes Angebot stricken konnte. Woanders läuft das gut, beispielsweise in Bötersen, wo sich Vorstände aus allen Vereinen zusammentun und Neubürger begrüßen. Die gehen dann zusammen hin und stellen sich vor. Was sind die Interessen, wo können wir euch unterbringen? Und das funktioniert. Es gibt ja genug Angebote auf den Dörfern.

In manchen Vereinen ist das Schützenfest tatsächlich noch ein Fest für den ganzen Ort, anderswo herrscht gähnende Leere im Festsaal. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Rautenberg: Je größer der Ort, desto schwieriger ist es manchmal, die Leute mitzunehmen. Das liegt an vielen Dingen: Je mehr Menschen in einem Ort leben, desto weniger persönlichen Kontakt gibt es. In manchen Dörfern allerdings ist nur ein Verein, da sind dann von 300 Einwohnern 200 eben dort Mitglied. In den großen Orten haben die Vereine Jubiläen, die die anderen Vereine nicht interessieren. In den kleinen Dörfern stehen die anderen Vereine schnell Gewehr bei Fuß und fragen: „Wo können wir helfen?“

Gibt es etwas, was die einen von den anderen lernen könnten – beispielsweise eben die persönliche Bindung zu stärken?

Rautenberg: Das wäre wünschenswert, ist aber nicht so einfach machbar. Dafür sind manche Orte zu groß und zu unpersönlich. Oder es sind Pendler, die auf dem Dorf wohnen, die sich aber nicht weiter dafür interessieren.

Wieviele Vereine des Schützenkreises müssen in diesem Jahr ein Schützenfest ohne Majestäten feiern?

Rautenberg: Im vergangenen Jahr waren es höchstens ein oder zwei. In diesem Jahr fängt die Schützenfestsaison ja erst an. Meiner Meinung nach, sollte jeder Schütze einmal im Leben Schützenkönig werden wollen und es so lange probieren, bis es klappt.

Ist das ein Problem, das zunimmt?

Rautenberg: Eigentlich nicht. Vor einigen Jahren hatten wir tatsächlich mehrere Vereine, die ohne König waren. Da habe ich eine Umfrage unter den Vereinen gemacht, um zu erfahren, wo die Gründe dafür liegen könnten. Die Ergebnisse habe ich dann mit den Vorsitzenden besprochen. Daraufhin haben einige auch an den verschiedenen Stellschrauben gedreht und kleinere Veränderungen vorgenommen. Die Kosten, die dem König über das Jahr entstehen, sind in den Dörfern schon recht unterschiedlich. Auch die Anzahl der Verpflichtungen variiert sehr stark.

Was für Veränderungen und Stellschrauben waren das? Liegt es an den Kosten oder den Verpflichtungen?

Rautenberg: Gerade unter den Jungen, die man gerne als König hätte, heißt es „Mehr als 300 Euro darf das aber nicht kosten.“ Da gucken die Vereine sparsam, denn normalerweise kostet der Titel übers Jahr für zwei Feste – zum einen, wenn man es wird, zum anderen, wenn man sich wieder verabschiedet – und mit den weiteren Termine schnell 2.000 Euro. Da müssen die Vereine gucken, was sie verändern und wo sie die jeweilige Majestät entlasten können. Ein Beispiel ist, dass der König das Katerfrühstück nicht selbst bezahlen muss. Letztendlich ist es immer noch ein tolles Erlebnis, König oder Königin zu werden: Meine Frau wollte es nie – und als es dann doch passiert ist, hat sie sich sehr gefreut. Es wirklich toll, man bekommt die Scheibe ans Haus und ein Jahr lang heißt es: „Oh, der König kommt!“

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