Frank Akens aus Ottingen bewältigt den Marathon des Sables - Von Nina Baucke

Der Wüstenläufer

Die Routen beim Marathon des Sables führen durch ausgedehnte Dünenfelder. Foto: Frank Akens
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Ottingen. Warum mache ich das? Vermutlich die meisten Hobbyläufer würden sich verzweifelt diese Frage stellen – angesichts einer Joggingroute über endlos scheinende Sanddünen, staubige Pisten, die ins Nirgendwo führen, und Temperaturen von 30 Grad im Schatten. „Diese Frage habe ich mir nicht ein einziges Mal gestellt“, sagt Frank Akens und lacht. Mit der Nummer 680 hat er sich auf das große Abenteuer Wüste eingelassen – beim Marathon des Sables, einem Etappenlauf, der sechs Tage lang über etwa 230 Kilometer durch den marokkanischen Teil der Sahara führt.

„Dreaming of sunshine? – Träumen Sie von Sonnenschein?“, fragen die Veranstalter des Etappen-Ultralaufs in einem Werbevideo auf ihrer Internetseite. Den Sonnenschein bekommt Akens, als er Anfang April in einem kleinen Kaff in der Wüste eintrifft, von dem aus der Marathon des Sables beginnt. Und er begleitet den Ottinger bis auf wenige Ausnahmen bis ins im wahrsten Sinne des Wortes heiß ersehnte Ziel.

Seit 1986 laufen jedes Jahr begeisterte Sportler durch die Sahara, organisiert von dem Franzosen Patrick Bauer. Der hatte urspünglich eine Wanderung durch die Wüste unternommen – bei der er auf den Gedanken kam, daraus einen Lauf zu machen. Die Teilnehmer absolvieren dabei über sechs Tage fünf Etappen, ein Tag auf etwa der Hälfte der Strecke dient als Ruhepause. Auch wenn das Gebiet gleich bleibt, ist der Verlauf der Route in jedem Jahr ein anderer. Dabei überlegen sich die Veranstalter immer neue Herausforderungen: Wo lässt sich noch ein Umweg über einen Bergkamm oder ein Dünenfeld einbauen? Immer Teil der Strecke ist das Erg Chebbi, eines der größten zusammenhängenden Dünenfelder der Sahara. Und immer auf dem Rücken: Schlafsack und Isomatte, Kleidung und Proviant für sechs Tage. Bei den Männern entscheiden zumeist Marokkaner das Rennen für sich, bei den Frauen ist die Nationalitätenliste abwechslungsreicher, darunter ist auch eine Deutsche, Anke Molkenthin, die 1997 gewann.

Für Akens, der seit Jahren an Marathon- und Ultraläufen teilnimmt, ist es ein langgehegter Traum, beim Marathon des Sables dabei zu sein. Als er im vergangenen Jahr mit seiner Familie Wanderurlaub in Portugal macht, kommt er mit einem seiner Gastgeber ins Gespräch, der das Symbol des Marathon des Sables als Tattoo auf seiner Wade trägt. „Da hat es bei mir gerattert, immerhin denke ich da seit zehn Jahren dran, dieser Lauf steht auf meiner Bucket-List mit den Dingen, die ich unbedingt mal machen will – und ich habe mir gedacht: Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Akens meldet sich an und bereitet sich vor: kauft sich eine Ausrüstung, liest alles zum Thema Verpflegung und trainiert auf dem Heidschnuckenweg. Er läuft allein zwischen Januar und dem Start im April etwa 1.000 Kilometer und packt Stück für Stück Hanteln in den Rucksack, bis dieser zehn Kilo wiegt. Denn es gibt Vorschriften beim Marathon des Sables, deren Einhaltung die Veranstalter auch an den Etappenzielen stichprobenartig kontrollieren: Zwischen sechs und 15 Kilo muss der Rucksack wiegen, die Läufer müssen unter anderem Sturmfeuerzeug, Rettungsdecke, einen analogen Kompass und ein Schlangenbiss-Set dabei haben. Fehlt etwas, auch während des Laufes, gibt es Strafzeiten, ebenso, wenn ein Teilnehmer aufgrund von Dehydrierung eine Pause am Tropf einlegen muss. Ebenfalls Pflichtgepäck ist ein GPS-Sender mit SOS-Knopf.

Irgendwo in der Wüste geht es an den Start, immer das Roadbook zur Hand, das Akens begleitet. Denn dort haben die Veranstalter die Strecke dargestellt, die bis zum Start auch vor den Läufern geheim bleibt. „Ganz sicher ist die Gegend ja nicht, Entführungen sind da schon ein Thema“, sagt Akens. So bleibt auch der Standort der Biwaks, in denen die 800 Läufer, davon 20 Deutsche, übernachten, bis zur letzten Minute unbekannt. Die Biwaks bestehen aus im Kreis angeordneten Berberzelten mit einem Teppich als Liegefläche, jeweils für acht Personen, zu weiten Teilen nach Nationen geordnet. Die Gruppe von Akens besteht dagegen aus fünf Läufern, darunter ein Kroate und eine Russin. „Die Gemeinschaft im Zelt bleibt die ganze Zeit gleich, sie ist für die Zeit des Laufes deine Familie“, sagt Akens. Die Temperaturen sind eine Sache für sich: 30 Grad tagsüber, nachts sind es oft nur vier.

Auch die einzelnen Etappen haben es in sich: 32 Kilometer, dann 40, 37, die Königsetappe über 76 Kilometer und nach einem Tag Pause noch einmal eine Marathondistanz von rund 42 Kilometern. Für jeden Tag hat Akens seine Essenspäckchen vorbereitet, zum Frühstück gibt es Müsli mit Haferflocken, Nüsse, Trockenmilch und Wasser, während des Laufens ein Pulver, das ihm schnell zum Hals heraushängt. „Gummibärchen und Lakritze sind da besser – und vor allem getrockenete Salami“, sagt er. Abends folgt dehydriertes Essen: Wasser rein, quellen lassen, fertig. Jeden Tag ist zwischen 8 und 9 Uhr der Start, entlang der Route gibt es an den Checkpoints Wasser in 1,5 Liter PET-Flaschen, insgesamt neun Liter am Tag. „Wie wir uns das einteilen, ist unsere Sache – aber diese neun Liter müssen zum Trinken, Kochen, Wäschewaschen und Duschen reichen.“ Auf die beiden letzteren Punkte verzichtet er weitestgehend. „Die Luftfeuchte in der Sahara liegt nur bei 15 Prozent. Da verdampft der Schweiß sofort.“ Das einzige, was er gründlich wäscht, sind die Socken: „Das Salz im Schweiß kristallisiert – und das kann scheuern, wenn es nicht herausgewaschen wird.“ Immer über dem Kopf: zwei Hubschrauber, der eine davon mit dem Media-Team, der andere mit einer Rettungscrew an Bord. Auf dem Boden begleiten Jeeps die Läufer. Und Cactus: Egal, ob Zufall oder kalkulierter PR-Coup – der ausgebüxte Mischlingshund, der über weite Strecken den Marathon mitläuft, wird weltweit zum Medienstar und zum Liebling der Läufer, die bei ihrer Ankunft in den Biwaks zuerst nach Cactus fragen. „Der Hund hat sogar seine eigene Instagram-Seite“, erzählt Akens mit einem Lachen. Dörfer gibt es auf der Route wenige, und dort, wo sie eine Siedlung durchqueren, stehen zahlreiche Kinder an der Piste und klatschen begeistert die Läufer ab.

Auch Umweltschutz ist ein Thema, die Plastikflaschen dürfen nicht weggeworfen werden, zum Schutz davor sind sie mit der Läufernummer gekennzeichnet. Und den Klogang nehmen die Teilnehmer in einem Kabuff aus Lkw-Plane vor, in dem sie eine biologisch abbaubare Tüte in ein kleines Gestell klemmen. Die Beutel wandern danach in eine Mülltonne. „Das ist angenehmer, als jedes Dixie-Klo“, sagt Akens.

Der 46-Jährige stellt fest, wie vielfältig der Boden der Sahara sein kann: mit kleinen Steinen, großen Steinen, tiefem Sand, weichem Sand. „Mit der Zeit weiß man, wo man hintreten kann und wie man die Füße aufsetzt. Aber im Tiefsand hat man das Gefühl, für jeden Schritt vorwärts geht es drei rückwärts. Und wenn es sehr steinig ist, bewegt sich der Fuß immer, das erfordert totale Konzentration.“ Er streift Gamaschen über seine Laufschuhe, die ein Eindringen von Sand verhindern sollen. „Mit Sand in den Schuhen sind ganz schnell die Hacken voller Blasen – und dann leidest du die ganze Zeit. Denn grundsätzlich gilt bei einem Etappenlauf: Wenn du am Anfang ein kleines Wehwehchen hast, muss dir klar sein, dass du jeden Tag damit wieder los musst.“

Das mit der Wüste nicht zu Spaßen ist, merkt er schnell: Die zweite Etappe beinhaltet 14 Kilometer Dünen. „Das war das Brutalste, was ich je gemacht habe“, erinnert sich Akens. Der Tiefpunkt folgt am dritten Lauftag, als er noch mit dem Vortag hadert. „Ich hatte Rückenschmerzen, Blasen, und dann stehe ich wieder am Start und es kommen wieder Dünen, noch ein Wadi, noch ein Berg.“ Gerade die Königsetappe über 76 Kilometer hat Licht und Schatten – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nicht nur, dass Akens an diesem Tag über 13 Stunden in die Nacht hineinläuft, er gerät zudem in einen Sandsturm. „Da stehst du mit einem Mal im Dunkeln und kannst nichts anderes tun, als stehenbleiben und warten.“ Als die Nacht kommt, passiert dann etwas Besonderes: Nach 56 Kilometern, dem Sturm, der Hitze erlebt Akens auf den letzten 20 Kilometern des Tages einen sogenannten Runner’s High: „Ich bin einfach nur noch gelaufen, habe die Beine gar nicht mehr wirklich gespürt. Das war faszinierend, einfach klasse!“, schwärmt er. Aufgeben ist während der ganzen sechs Tage nicht einmal eine Option. „Ich hatte nur Angst, umzuknicken, denn dann wäre Schicht gewesen.“ Für ihn passte alles: „Die Leute im Zelt, das Wetter, die Herausforderung, und die Natur ist ein Traum. Auch wenn da mal das eine oder andere beißt, piekst oder wehtut – als Ultraläufer musst du da durch.“

Seine Familie sieht ihn während der sechs Tage nur über die Webcam beim Zieleinlauf, beim Charitylauf, der sich in der Wüste obligatorisch an den Marathon des Sables anschließt, stehen seine Frau und seine Kinder jubelnd mit Plakat „Franky, you did it!“ an der Ziellinie. Sein Handy ist auf Flugmodus und liefert lediglich via Kopfhörer den Soundtrack aus Songs von System of a down, Supertramp und Him.

Auch Luxus ist kein Thema. „Die Zelte haben keine Seitenwände, da mussten wir selber die Plane mit Steinen sichern. Morgens ziehen dir die Berber irgendwann alles über dem Kopf weg. Das ist echt ein Erlebnis!“, erinnert er sich. „Fertigmachen und zurück an den Start, und abends geht es auf Feuerholzsuche. Ist nichts zu finden, bleibt das Essen kalt. Man lernt die einfachen Dinge zu schätzen, wie heißes Wasser oder ein Wasserkocher.“ Oder wie das Glas Bier, dass er sich zwei Tage später in einem Hotel in Marokko gönnt.

Am sechsten Tag in der Wüste ist Akens noch mehr als fünf Kilomter vom Ziel entfernt, als er es von weitem sehen kann. „Da war ich den Tränen nahe. Am Ende bin ich einfach nur noch gelaufen – und dann hatte ich die Medaille, für die ich so gekämpft habe. Das war ein irres Gefühl.“ Von 800 sind 760 angekommen, er auf Platz 232, zudem als drittbester Deutscher: Auch, wenn Ultra-Etappenläufe für Frank Akens noch nicht abgehakt sind – „die Medaille aus der Wüste, die ist und bleibt was ganz Besonderes“.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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