Ein Bad im Visselsee stärkt Immunsystem und Stimmung - Von Ulla Heyne

Sprung ins kalte Wasser

Der Sprung ins kalte Wasser: Ulla Heyne muss sich da erst überwinden, Sergej Tschernow dagegen nimmt die Temperaturen um den Gefrierpunkt ganz gelassen. Foto: Heyne
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Visselhövede. Es ist kalt an diesem trüben Januarmorgen am Großen Visselsee. Verdammt kalt. Also nicht im warmen Wintermantel, mit Mütze und Handschuhen, aber ohne. Zur Vorstellung, gleich Schicht für Schicht abzulegen, kommt die ungleich schlimmere des Sprungs ins kalte Wasser, und das leider nicht nur metaphorisch. Der Hinweis meines Begleiters, Selbiges sei zwei Grad wärmer als die Luft (das Quecksilber steht kurz über Null), kann mich nur bedingt beruhigen. Bei einem Grad und leichtem Schneetreiben mitten im Winter in den See zu steigen - Von Ulla Heyne. warum tut man sich das an? Bei mir ist es Neugier, bei Sergej Tschernow Überzeugung.

Ich habe mich an diesem Morgen mit dem Botheler getroffen, um hinter seine Leidenschaft zu kommen. Seine Posts in den Sozialen Medien, Bilder eines glücklich grinsenden Menschen bis zum Hals im Wasser, haben mich neugierig gemacht. Seit November trainiert der 36-Jährige die Wim-Hof-Methode. Fokussierung, Atemtechnik – und Kältetraining. „Das wird dir guttun“, hat er gemeint, als ich ihn anschrieb.

Die versprochenen Glückshormone werden jedenfalls beim Auspellen aus den diversen wärmenden Textilschichten noch nicht freigesetzt, so viel kann ich schon mal sagen. Der Heilerziehungspfleger ist Routinier: Schnell ist er aus den Schuhen geschlüpft, die Füße noch voller Blasen vom Vortag, als er barfuß von Rotenburg ins heimische Bothel lief. Nicht ganz so weit wie sein niederländisches Vorbild Hof, „The Iceman“, der es mit seinem Marathon nur mit Shorts in der Antarktis ins Guiness-Buch der Rekorde brachte, aber ebenfalls respekteinflößend. Während ich noch überlege, mit welcher Technik sich der Körper überlisten lässt, schmerz- und juchzerfrei ins Wasser zu gelangen, trabt mein Begleiter, inzwischen in Badeshorts und Wollmütze, einfach los.

Ein paar tiefe Atemzüge, dann pflügt er ohne einen Mucks durchs Wasser. Nach einigen Augenblicken glätten sich seine Gesichtszüge; entspannt und zufrieden dreht er sich zu mir um. Da hilft nun nichts. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und folge ihm, als wär’s ein Spaziergang in der Fußgängerzone. Immerhin dusche ich seit Jahren am Ende kalt und bin beim Neujahrsschwimmen gelegentlich in den Bullensee getunkt, da wäre es doch gelacht…

Als meine Füße („Die sind das Schlimmste, auch hinterher beim Warmwerden.“) ins trübe Wasser tauchen, hallt mir sein Spruch im Ohr: „Kaltduschen kostet viel mehr Überwindung als Baden gehen“, hat er gesagt. Nun, da kann man auch anderer Meinung sein. Tapfer wate ich in den See, in dem er seit nunmehr fast zwei Minuten wie ein Seehund treibt und wartet. Das Eintauchen von den Knien bis zu den Schultern ist erstaunlich schmerzfrei – ich spüre nämlich gar nichts mehr. Leider ist der Eispanzer um meinen Körper nicht von Dauer; „das Brennen ist ganz normal“, versichert mir der Heilerziehungspfleger, „das ist die Durchblutung.“ Das Gefühl, wenn Finger und Zehen langsam taub werden, vermutlich auch. Ein Blick auf meine Sportuhr verrät: Zweieinhalb Minuten hält er es inzwischen im Wasser aus, ich bin bei gerade mal 20 Sekunden.

Seit November absolviert der Mitarbeiter der Rotenburger Werke mehrmals wöchentlich dieses Ritual, angeregt von seiner Beschäftigung mit Meditation und Atemtechniken zur Stressbewältigung. Bei dem Niederländer Wim Hof, der in Seminaren, Workshops und Online-Tutorials die Stärkung des Immunsystems und Umgang mit Extremtemperaturen lehrt, ist das Kältetraining die dritte Säule der Erfolgsgeschichte. Auch Tschernow sucht die Herausforderung, möchte sich steigern, am liebsten Mal bei Schnee und Eis ins Wasser gehen. Von einer Sucht würde er nicht sprechen, „ich weiß nicht, wie das ist, nach etwas süchtig zu sein“, aber nach einigen Tagen ohne Visselsee fehle ihm das Kältebad schon. Im Gegensatz zu ihm scheinen Adrenalin, Dopamin oder andere Glückshormone bei mir allerdings gerade aus zu sein. Während er draußen noch ein paar Atemübungen absolviert, versuche ich, möglichst würdevoll, aber doch zügig, ebenfalls an Land zu kommen. Nun zeigt sich der wahre Profi: Während er binnen Sekunden in seine Jogginghose geschlüpft ist, brauche ich deutlich länger, mich mit feuchtkalten Gliedmaßen in die Jeans zu wursteln. Nun aber nichts wie zurück ins Auto! Für den letzten Teil des Experiments würde ich einen Gleichstand verbuchen: Während der Profi seinen Kombi auf dem Hinweg vorgeheizt hat, punkte ich mit einem heißen Tee aus dem Thermobecher. Als wir uns verabschieden, schwärmt der Metal-Fan von einer möglichen Gruppe Gleichgesinnter: „Dann könnte man sich gegenseitig anfeuern und würde es noch länger schaffen, im Wasser zu bleiben!“

Ob ich mich da anschließen würde, wage ich zu bezweifeln. Eine zu lange Anfahrt ist eine ziemlich gute Ausrede, oder? Immerhin: Auf der Rückfahrt nach Hause sind meine Füße richtig gut durchblutet und meine Laune erstaunlich euphorisch – vielleicht brauchen Glücksgefühle bei einigen bloß etwas länger?

22.12.2020

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