Die Rettungshundestaffel Visselhövede bildet Schnüffelnasen für den Ernstfall aus - Von Henning Leeske

„Der Hund ist auch nur ein Mensch“

Oliver Voigt trainiert mit seinem Hund Ernie für den Ernstfall. Fotos: Henning Leeske
 ©

Visselhövede. Wenn die Rettungshunde der Johanniter in Visselhövede trainieren, bestimmen viele Einflussfaktoren das Geschehen. Gerade deswegen ist dieses Ehrenamt für die Rettungshundeführer mit ihren vierbeinigen Begleitern so abwechslungsreich. „Es kommt ganz auf den Wind an. Wir verlassen uns auf den Hund“, sagt der Leiter der Visselhöveder Rettungshundestaffel, Joachim Raddatz.

Denn spielerisch trainieren die Johanniter auf ihrem riesigen Gelände in der Mühlenstraße mit ihren Hunden den Ernstfall. Die Menschenrettung stehe dabei im Vordergrund, wenn orientierungslose Zeitgenossen vermisst werden oder verschüttete Menschen gefunden werden sollen. „Wer sich bewegt, wird nicht gesucht und vom Hund weitgehend ignoriert“, instruiert Raddatz die Zuschauer bei der realistischen Übung, „nur wer bewegungslos herumliegt, bekommt das Interesse des Hundes“.

Bevor das Training allerdings losgeht, gibt es für Bello und Co. eine kleine Aufwärmübung: Der angehende Rettungshundeführer Oliver Voigt wartet mit seinem Ernie, einem Bordercollie mit leichtem schweizerischen Einschlag, bis sich der Trainer Raddatz in Position gebracht hat. Still liegt er auf dem großen Platz des Trainingsgeländes, und Ernie soll anzeigen, wo er ist. Als Motivation dient die Pseudo-Beute, eine Beißwurst aus reißfestem Textil. Ruck-Zuck hat der Hund das vermeintliche Opfer gefunden und kämpft mit ihm zum Spiel um die „Wurst“. Über dieses Spiel werde der treue Gefährte des Menschen dazu gebracht seine enormen Riechfähigkeiten voll auszunutzen, erklärt Raddatz. Denn verglichen mit der menschlichen Nase könne der Hund quasi mit seinem hoch entwickelten Riechorgan ein ganzes Fußballfeld überwachen. Bei der Suche in großen Trümmerfeldern ist dieser Dienst des Tieres an den Menschen unersetzlich. Auch aktuell, angesichts der gigantischen Explosion in Beirut, ist diese schwierige Aufgabe nicht hoch genug einzuschätzen, wenn es um Menschenleben geht. Deswegen hat das Gelände der Johanniter allerlei Übungsfläche in vielen Ausprägungen parat. Vom Trümmerfeld aus Feldsteinen, einer drei Meter hohen Stahlrostbrücke bis zum Highlight, dem 250 langen Röhrensystem, ist alles dabei, was das Hundeherz begehrt. Das Tunnelsystem, das sich derzeit im Endausbau befindet, weckte schon das Interesse von vielen Blaulichtorganisationen, weil hier sehr realistisch, wie im Erdbebengebiet oder nach einer Gasexplosion, geübt werden könne. „Bei dem tollen Gelände, wäre es in der Großstadt randvoll“, ist Raddatz selbstbewusst überzeugt. Für die Trainingsaufgabe hat der Leiter der Hundestaffel ein Versteck im Blechkasten der Gerüstkonstruktion am Ende des Hundesportplatzes ausgesucht. Voigt gibt das Kommando, und Ernie folgt flott der Fährte des Trainers, die sich im unwegsamen Gelände hinter dem Rasenplatz schnell verliert. Da ist nun das trainierte Suchmuster beim Bordercollie schnell erkennbar: Erst sucht er in der tiefen Schlucht unter der Brücke und dreht eine Runde über den Schuttkegel aus den Feldsteinen. Dann geht’s auf das steile Gerüst, wo er schon die Witterung des Staffelleiters aufnimmt – aber wo ist er denn genau mit der Beißwurst versteckt? Ein, zwei Runden und er hat ihn samt Ersatzbeute gefunden. Mit einem kräftigen Bellen zeigt Ernie lautstark seinen Fund an und bekommt als Anerkennung und Belohnung das begehrliche Stück Textil. „Ein Hund ist eben auch nur ein Mensch“, verrät Raddatz, der seit 50 Jahren Rettungshundeführer und Leiter der Visselhöveder Staffel ist. Selber gehe er mit seinem vierjährigen holländischen Schäferhund in die Einsätze. Nach der langen Erfahrung sei ihm klar, dass der Hund eben auch nur für eine Belohnung arbeite, auch wenn es eigentlich nur eine Attrappe ist. „Hunde sind doch Egoisten. Die machen nichts einfach so“, führt er aus. In den vielen Jahrzehnten hat Raddatz schon einiges bei den Einsätzen erlebt und ist sogar schon einmal nach Luxemburg zum Auslandseinsatz gekommen. Aber auch in der Region sind die ausgebildeten Schnüffelnasen sehr gefragt: Einmal musste Raddatz mit seinem Rettungshund zum Beispiel nach Emtinghausen im Landkreis Verden, um nach einer Gasexplosion einen Schutthaufen abzusuchen. Für die Einsatzbereitschaft muss die Staffel allerdings fünf komplette Teams haben, damit sie zum Einsatz ausrücken kann. Derzeit sind in der Visselhöveder Rettungshundestaffel jedoch nur zwei geprüfte Trupps verfügbar und zwei weitere erst in Ausbildung. Das Team aus Oliver Vogt und Ernie hat an sich die Ausbildung bereits beendet, allerdings war die Prüfung im März aufgrund der Corona-Krise ausgefallen. Ungeduldig warten die beiden Retter auf den Ersatztermin, um endlich die Reihen der Johanniter an der Vissel nach und nach schließen zu können. Deswegen sucht Staffelleiter Raddatz händeringend weitere Hundebesitzer und zusätzliche helfende Hände. „Beim Training und im Einsatz brauchen wir immer viele Helfer“, so der Hiddinger. Pro Hund und Hundeführer brauche die Staffel mindestens genau so viele Unterstützer, damit die Retter sich voll und ganz auf ihre Aufgabe im Ernstfall konzentrieren können. Einzige Voraussetzung sei die Tierliebe bei dieser Blaulichtorganisation. Die Hunderasse sei nicht so wichtig, wichtiger ist vielmehr das Alter des Vierbeiners. „Idealerweise beginnen bei uns die Hunde schon als Welpe, aber älter als drei Jahre sollte der Vierbeiner beim Beginn des Trainings nicht sein“, sagt der erfahrene Hundeausbilder. Allerdings erwarte die Aspiranten keine Hundeschule, sondern ein professionelles Rettungshundetraining, das auch dem Hundeführer einiges abverlange. „Wir sind eine Eliteeinheit und müssen uns gut in der Öffentlichkeit präsentieren“, betont Raddatz. Das bedeutet, dass auch der Zweibeiner eine theoretische Prüfung über Einsatztaktik und Erste Hilfe ablegen muss. Für Vogt und Ernie wird das wohl eher kein Problem sein, denn der Visselhöveder ist von Beruf Rettungssanitäter. Die Praxis hatte Ernie in der Trainingseinheit mit Bravour gemeistert und alle Leitern, Brücken und sonstige Hindernisse wie ein alter Hase überquert. Der Erfolg im Training sei auch ein großer Faktor hinsichtlich der Motivation. „Es macht einen schon stolz, wenn der eigene Hund die gestellten Aufgaben meistert. Jeden Trainingsfortschritt schaffen wir als Team“, verrät Vogt. Außerdem entwickelt sich ein außerordentliches Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier, weil der Hundeführer eigentlich immer die letzte Entscheidung hat, wo der Hund noch suchen darf oder wo es schon zu gefährlich ist für den vierbeinigen Gefährten. „Wir würden nie die aufwendig ausgebildeten Rettungshunde quasi verheizen, denn sie sind viel zu wertvoll“, betonen die Verantwortlichen. Dieser Tatsache könnten sich die Hundehalter sicher sein. Schließlich sind Rettungshundeführer und ihr Rettungshund ein unzertrennliches Team. Diesen Teamspirit innerhalb der Visselhöveder Rettungshundestaffel sowohl ohne als auch mit ihrem Hund kann jeder Tierfreund kennenlernen und muss auch nicht zwingend aus Visselhövede kommen. Über vier- oder zweibeinigen Zuwachs würden sich die Johanniter sehr freuen.

17.09.2020

Sponsorenlauf Ahausen

26.08.2020

Kinder machen Theater

13.07.2020

In Krieg und Frieden

03.07.2020

Kettensäge und Kreativität