Die Moore – von der Steinzeit bis heute - Von Christiane Looks

Mehr als Torf

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: bei Grapenmühlen gibt es noch naturnahen Moorboden. Foto: Joachim Looks
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Visselhövede. Beim Übergang von der Dorfschule auf die höhere Schule entschieden meine Eltern für mich, dass es sinnvoll sei, mit Englisch als erste Fremdsprache zu beginnen und nicht mit Latein. So kam ich nicht auf die altehrwürdige, humanistische Schule Kiels, sondern auf eine der beiden städtischen Mädchenschulen. Aber schon zwei Jahre später musste eine weitere Entscheidung erfolgen: Französisch oder Latein. Diesmal wurde elterlicherseits beschlossen, dass es nun Zeit sei, Latein kennenzulernen. So tauchte ich nach dem spannenden Unterricht in römischer Geschichte zum zweiten Mal in die Welt Roms ein, diesmal begleitet von lateinischen Vokabeln und Grammatik.

Geschichts- und Lateinunterricht hatte ich kurioserweise bei einem Ehepaar. Während sie im Zusammenhang mit der für das antike Rom verlustreichen Varusschlacht eindrucksvoll Kaiser Augustus Entsetzensausruf „Varus, Varus, gib mir meine Legionen zurück“ in den Klassenraum schleuderte, begnügte sich ihr Ehemann im Lateinunterricht mit einem theatralischen „Vare, Vare, redde mihi legiones meas!“

Ende der 1980er-Jahre fand ein Hobbyarchäologe auf Äckern in der Nähe des Bramscher Ortsteils Kalkriese bei Osnabrück römische Schleuderbleie und Münzen. Anschließende Ausgrabungen ließen vermuten, dass es hier in jenen Jahren angesichts zahlreicher Reste römischer Ausrüstungsteile, Menschen- und Tierknochen eine gewaltige Schlacht gegeben haben könnte, in der Varus die von Augustus beklagten Legionen verlor. Auf dem Gelände des Museums Kalkriese ist der vermutete Marschweg der römischen Armee im Gelände markiert. Er führt zwischen Kalkrieser Berg und dem beim Dümmer gelegenen Großen Moor hindurch – ideal für bewegliche Angreifer, um einen mit schwerfälligen Waffen ausgerüsteten römischen Truppenzug anzugreifen.

Moore erwiesen sich nicht nur zur Römerzeit als unkalkulierbare Herausforderung. So manches Bauvorhaben heute wurde komplizierter als zunächst gedacht, weil sich mooriger Untergrund nicht dem anpassen ließ, was die Planung vorsah, denn wer auf Moorboden nicht sachgerecht baut, muss gegebenenfalls mit einem sogenannten Grundbruch rechnen, bei dem überlasteter Boden seitlich wegbricht, wie eindrucksvoll beim sogenannten „Tribsees-Desaster“ an der Küstenautobahn A20 in Mecklenburg-Vorpommern geschehen, wo die Autobahn das Urstromtal der Trebel mit einer teilweise 15 Meter dicken Moor- und Torfschicht überquert. Aber selbst bei sehr viel weniger mächtigen Torfschichten kann extreme Trockenheit bei Austrocknungen zu Setzungen führen, die repariert werden müssen, um gefahrlos voranzukommen.

Der Landkreis Rotenburg liegt mit einem nicht unerheblichen Teil seines Kreisgebietes im Teufelsmoor, einem eiszeitlichen Schmelzwassertal. Zwischen Gnarrenburg und Karlshöfen, wo Stader und Wesermünder Geest nur einem Kilometer voneinander entfernt sind und einen Übergang, ein Joch, zwischen den beiden Geestrücken bilden, befand sich einmal das eiszeitliche Gletschertor des Gletschers, der das Urstromtal des Teufelsmoores schuf. Dieses Joch wurde seit der Steinzeit als Übergang genutzt, wie zahlreiche Funde belegen. Torfabbau führte zu ihrer zufälligen Entdeckung, denen Ausgrabungen folgten. Bis heute gibt es in dieser Moorenge spannende, archäologische Untersuchungen.

Historische Moorböden sind aber nicht nur wegen möglicher Entdeckungen über das Leben unserer Vorfahren interessant, sondern sie sind ebenfalls Zeugen unserer Vegetationsgeschichte, die sich vor 12.000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit bildete. Abgestorbene Pflanzenreste, die sich wegen fehlendem Sauerstoffes nicht zu Erde zersetzen konnten, wuchsen langsam, Schicht für Schicht, und verdichteten sich durch Druck von oben. So entstand über einen sehr, sehr langen Zeitraum eine hoch interessante Übergangszone zwischen festem Land und Wasser, die zu einem ganz besonderen Lebensraum mit angepassten Pflanzen und Tieren führte, den es nur hier gibt; mit der Folge, dass dieser Raum mit seinen besonderen Bewohnern genau deshalb besonders selten und schützenswert ist.

Neugierig auf ein kleines Gebiet mit einem Moorboden, dem heute kaum angesehen werden kann, dass hier einmal getorft wurde? Es sieht wirklich nicht mehr wie ein Moor mit einem naturnahen Boden aus, aber der aktuelle Landschaftsrahmenplan des Landkreises verweist darauf, dass eben hier noch historischer Moorboden gefunden werden kann. Wer von Wittorf aus der B 440 Richtung Visselhövede folgt, wird etwa 200 Meter nach der links von der Bundesstraße abzweigenden „Industriestraße“ ebenfalls links einen unbefestigten Weg entdecken, der leicht abwärts in einen schmal bewaldeten Bereich führt. Dort befanden sich entlang des Weges vor allem auf eben der linken Seite schmale Handtorfstiche, also Moorboden, den der Landschaftsrahmenplan als naturnah bis heute kennzeichnet.

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