Brauchen wir Erholungslandschaften? - Von Christiane Looks

Einfach mal abschalten

Die in die Weite des Tals eingestreuten Landschaftselemente, die in den Untersuchungen von Kiemstedt und Beuck als jene bestimmenden Strukturmerkmale hervorgehoben werden, lassen die Erholungsräume erst interessant werden. Foto: Joachim Looks
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Ahausen. Die Hansestadt Hamburg richtete 2013 im Stadtteil Wilhelmsburg eine internationale Gartenschau aus, die nach dem Ende der Ausstellung in einen öffentlichen Park umgewandelt wurde. Mit bepflanzten Containern, Grillecken, Hochseilgarten, Kanukanal, Kleingärten, Liegewiesen, Rhododendrengarten, Rosenboulevard, Spiel- und Sportflächen entwickelte er sich zu einem gut angenommenen, grünen Volkspark mitten in einem urban geprägten Umfeld.

Solche Anlagen für die städtische Bevölkerung entstanden schon Ende des 18. Jahrhunderts, um einer Stadtbevölkerung Raum für Erholung und Zugang zur Natur anzubieten. Je rasanter sich Landschaft im Zuge einer wachsenden Bevölkerung und der Notwendigkeit, diese mit Arbeit, Wohnen und Nahrung zu versorgen, von einer naturnahen zu einer naturfernen entwickelte, umso spürbarer wurden Nachteile rasch und ungeregelt wachsender Städte. Um dem Bedarf an Regeneration auf städtischem Boden nachzukommen, wurden zunächst sogenannte „Volksgärten“ angelegt, aus denen später die Idee des Volksparks wuchs.

Mit beginnender Mobilität setzte trotzdem an Wochenenden eine Flucht aus der Stadt ein. Aufgesucht wurden gut zu erreichende, abwechslungsreiche Landschaften, die durchweg einen gepflegten Eindruck hinterließen, so Gottfried Heintze in den Rotenburger Schriften 32 von 1970 in einem Aufsatz zur Neuordnung des ländlichen Raumes. Eine große Rolle spielte bei dem Versuch, geeignete Erholungslandschaften auszumachen, H. Kiemstedts 1967 entwickelte Methode, die objektive Maßstäbe für die Erholungseignung von Landschaften durch zahlenmäßige Erfassung von Faktoren vergleich- und beurteilbar zu machen. Als günstig erwiesen sich dabei Standortfaktoren wie Berge, Heideflächen, Heilquellen, Waldgebiete, Wasser, Wetterbedingungen und Sehenswürdigkeiten. Zusätzliche Abwechslung erfahre eine sogenannte Erholungslandschaft durch eingestreute Flächen mit Gewässer-, Hecken- und Waldrändern. Unterschiedliche Formen, wie sie Laub- und Nadelhölzer zeigen, gliedernde Heckenstrukturen in weiter Landschaft, Kontraste zwischen Grünland und Ackerflächen trügen zur Vielfalt in der Landschaft bei, die unterstrichen werde, wenn alles Gesehene „natürlich“ erscheine. So wirke ein Wald, selbst ein wirtschaftlich genutzter, nach seiner Untersuchung letzten Endes mehr auf Menschen als Ackerland.

Kiemstedts Methode wurde bei norddeutschen Wochenend- und Ferien-Erholungsgebieten zur Bewertung von landschaftlichen Voraussetzungen für Erholung eingesetzt. 1969 untersuchte er beispielsweise den Erholungswert des Hamme-Wümme-Gebiets. Herausragende Werte erhielten in unserer Region das Gebiet zwischen Ahausen und Hellwege, der Federlohmühlen-Bereich, Gilken- sowie Lehnsheide, Trochel, Großes und Weißes Moor, Luhner Forst.

Gut zehn Jahre später untersuchte Hans-Günther Beuck aus Helvesiek nach Kiemstedts Methode den Altkreis Rotenburg. Im Ergebnis kam er zu ähnlichen Erkenntnissen, wie sie die Untersuchung 1967 geliefert hatte: erholungswirksam für durch fordernde Arbeitsbedingungen regenerationsbedürftige Menschen sind solche Landschaftsräume, in denen Wald und Freiflächen mit Grünlandnutzung sich abwechseln. Dazu zählte er wie Kiemstedt den abwechslungsreichen Raum um Hellwege, Ahausen und Eversen, den Großen Bullensee mit seinem dichten Waldmantel sowie die Lehnsheide, aber ebenfalls das besonders ansprechende Landschaftsbild der Wümmeniederung sowie die waldreiche Niederung von Rodau und Wiedau mit Nebenbächen. Außerdem hebt er die Region rund um Lauenbrück mit Gutsforst und Wild-, heute Landpark hervor sowie eine kreisübergreifende Fläche in der Glummheide. Beuck sieht die Attraktivität des Untersuchungsgebiets darin, dass Erholungssuchende aus Bremen oder Hamburg den Altkreis Rotenburg mit seinen naturbedingt günstigen Voraussetzungen für eine erlebnisreiche Naherholung in etwa einer Stunde erreichen. Er räumt zwar ein, dass Rotenburg im Gegensatz zur Nordseeküste für den Status eines Ferienerholungsgebiets Wesentliches wie ein Reizklima fehle, erholungswirksame Landschaftsstrukturen für Tagesausflügler oder Kurzurlauber aber genug Anreize zum Abschalten vom stressigen Arbeitsalltag bieten.

Selber überzeugen? Sowohl H. Kiemstedt wie H.-G. Beuck heben in ihren Untersuchungen den Hellweger-Ahauser-Everser-Bereich hervor, der naturräumlich Teil der Achim-Verdener Geest ist. Geprägt wird dieser Geestteil nach Beuck durch nährstoffarme Geesthochflächen mit selten anzutreffenden anlehmigen bis lehmigen Böden der Grundmoräne wie beim Everser Horn und Bachtälern mit teils noch vorhandenen Flachmooren. Wer von Westerwalsede-Bahnhof aus über die K 220 Richtung Eversen fährt, quert nach dem Verlassen eines kleinen Wäldchens rechts und links der Kreisstraße einen Höhenzug, die Birkenhöhe, mit dem ehemaligen Wohnhaus des Heidedichters Hans-Ludolf Flügge. An diesem einsamen Ort gibt es eine Bushaltestelle, von der aus sich ein interessanter Blick nach Norden über das breite Bachtal von Everser und Ahauser Bach auftut. Das Tal erstreckt sich zwischen dem Schwarzen Moor an der Bahnstrecke Rotenburg/Verden auf Westerwalseder Gemeindegebiet bis zu den Büntbergen an der B 215 auf Ahauser Gemeindegebiet und heißt „Im Vieh“. Es zeigt in die Weite des Tals eingestreute Landschaftselemente, die in den Untersuchungen von Kiemstedt und Beuck als jene bestimmenden Strukturmerkmale hervorgehoben werden, die Erholungsräume erst interessant werden lassen.

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