Anna Tamke hat Fischers vertriebene Familie aufgenommen - VON ANGELA KIRCHFELD

Eine posthume Würdigung

Der ehemalige Vertriebene Wolfgang Fischer und Heike Tamke: Zwei, die sich auch nach 64 Jahren gut verstehen. Foto: Kirchfeld
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Wittorf – „Ich habe viel erreicht in meinem Leben. Maßgeblich habe ich das Anna Tamke und meinem Dorflehrer Friedrich Dohrmann zu verdanken. Sie haben mein Leben geprägt.“ Das sagt Wolfgang Fischer. Um seinem Dank Ausdruck zu verleihen, hat sich der Wahl-Bremer eine besondere Geste einfallen lassen: Am Wochenende hat er einen Gedenkstein auf das Grab von Anna Tamke (1915 bis 1994) gelegt.

Auch eine Gelegenheit, um in Erinnerungen zu schwelgen. Bei einem Kaffee plaudert der 83-Jährige mit Heike Tamke, der Tochter der verstorbenen Wittorferin, die einst die Familie Fischer aufgenommen hatte, und erinnert sich sehr gut an seine erste Begegnung. „Wir waren aus Stettin vertrieben und kamen 1946 nach Wittorf.“ Familie Fischer, zu der auch Vater Max, Mutter Margarete und Bruder Manfred gehörten, wurde im Gebäude gegenüber der alten Schule einquartiert. „Als die Polizei dort einziehen sollte, mussten wir raus. Keiner wollte uns aufnehmen, bis auf Anna Tamke“, erinnert sich Fischer noch sehr gut.

Somit bewohnten von da an zwei Flüchtlingsfamilien das Haus an der Hauptstraße 98 in Wittorf. „Sie war immer sehr nett zu uns und es gab nie ein böses Wort, obwohl sie als Alleinerziehende mit der Schmiede, Haus und Hof, viel zu tun hatte. Wenn Anna Tamke und ihre Mannschaft Schlachtefest feierten, wurden immer zwei Schweine, eins für die eigene Familie und eins für die Flüchtlinge, geschlachtet“, so Fischer. Mehr noch – als viele Dorfbewohner die Fremden ablehnten, verteidigte sie „ihre Familien“ und setzte sich für sie ein. Ihre Töchter Heike und Margret wollte sie nie mit den Problemen belasten. „Für uns war es immer selbstverständlich, dass Flüchtlinge im Haus waren. Sie gehörten einfach dazu“, verdeutlicht Heike Tamke.

Sie würde es heute genauso machen. „Als die DDR die Grenzen öffnete, haben wir auch vier Mädchen im Haus untergebracht, die dann die Sprachschule in Buchholz besuchten. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt“, sagt die 79-Jährige, die sich immer gut mit Wolfgang Fischer verstand und auch den Kontakt aufrecht hielt, schmunzelnd. „Viele vergessen, dass auch sie, ihre Eltern oder Großeltern, einst Flüchtlinge waren. Es ist schlimm, wie heute Flüchtlinge und Vertriebene oft behandelt werden“, sind sich Fischer und Tamke einig.

Auch der Klassenlehrer Dohrmann blieb den einst Vertriebenen in sehr guter Erinnerung. „Ihm habe ich mein Helfersyndrom zu verdanken.“ Der 83-Jährige erinnert sich: „Als es auf Klassenfahrt nach Goslar gehen sollte, konnte ich nicht mit. Meine Eltern hatten einfach nicht das Geld dafür. Ich habe im Graben gelegen und geheult. Als mein Vater dann zum Lehrer ging und ihm die Sachlage schilderte, meinte er nur: ,Die Klassenfahrt für Wolfgang ist schon bezahlt, dafür haben die Bauernkinder mehr abgegeben‘.“ So sah Lehrer Dohrmann auch zu, dass es zwischen den Vertriebenen und den Einheimischen keinen Streit gab und legte Wert darauf, dass sie nicht unterschiedlich behandelt wurden.

Der gebürtige Stettiner machte seinen Weg und lernte mit 14 Jahren das Bäckerhandwerk bei Heike Tamkes Onkel, Bäckermeister Walter Tamke. 1957 zog es die Familie Fischer nach Bremen. Hier fing der damals 19-Jährige bei der Post als Briefträger an und schaffte es bis in die Oberpostdirektion. Bereits in frühen Jahren engagierte er sich und gab viel zurück, was er damals Gutes erfahren hatte. Er wurde unter anderem Jugendbetreuer bei Werder Bremen. „Das war damals noch zu Rehhagels Zeiten!“, betont Fischer nicht ohne Stolz und würde heute alles wieder so machen. „Ich hatte einfach viel Glück im Leben, auf solche Menschen treffen zu dürfen.“

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