Über die Bedeutung von Baumreihen am Straßenrand - Von Christiane Looks

Im Schatten des Großgrüns

Eichen in der Scheeßeler Mühlenstraße sorgen für Schatten. Foto: Joachim Looks
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Scheeßel. Der Wetterbericht war nicht so recht schlüssig: Regen? Könnte sein. Kein Regen? Nicht sicher. Keine gute Ausgangsbasis für eine lange geplante Radtour. Der Entschluss stand schnell fest: Wir probieren es. Auf der Hälfte unserer Strecke zeigten sich dunkle Wolken am westlichen Himmel. Regen kündigte sich an. Weit und breit kein Haus, kein Buswartehäuschen, nicht mal eine Schutzhütte – wir mussten uns anderes überlegen, wollten wir nicht während der restlichen Tour nasse Kleidung im Fahrtwind trocknen lassen und eine Erkältung riskieren.

Glücklicherweise begleiteten gerade mächtige Bäume die Radstrecke. Dicht an einen stattlichen Stamm gedrückt, geschützt durchs Blätterdach starrten wir in den Regen, der früh genug aufhörte, ehe unser Dach den Wassermengen nachgab und zu tröpfeln begann.

Bäume heißen im Amtsdeutsch „raumübergreifendes Großgrün“. Damit ist treffend beschrieben, welche Eigenschaft dieses Großgrün seit Jahrhunderten so interessant machte, dass es ganz bewusst entlang von Wegen gepflanzt wurde. Ihr raumübergreifendes Wachsen bietet Schutz vor Regen oder Sonne. Wer schon einmal völlig baumlos in praller Sonne wanderte, lernt den Wert von Bäumen als Schattenspender zu schätzen. Am Verlauf von Baumreihen in offener Landschaft können Wegeverläufe erahnt werden, denn seit dem 18. Jahrhundert wurde es zur Selbstverständlichkeit, vor allem Fernverkehrsstraßen durch Baumpflanzungen aufzuwerten, dass selbst trägste Pferde freudig im Schatten hoher Bäume trabten, wie zu Goethes Zeiten ein erfreuter Reisender festzustellen meinte.

Straßenbäume wurden auf diese Weise zum bestimmenden Landschaftsgestaltungselement, auch heute noch. Eine weiträumige Landschaft wird durch gliedernde Baumreihen in eine ansprechende Parklandschaft verwandelt. Selbst eintönige Mais-Monokulturen werden durch Großgrün aufgelockert, wenn es wegen seiner raumübergreifenden Qualität nicht gestutzt oder bedauerlicherweise gleich ganz beseitigt wird, weil im Schatten von Bäumen selbst eine wüchsige Pflanze wie Mais nicht jene Höhe erreicht, die in schattenfreien Bereichen erreichbar ist.

Vor rund 200 Jahren hätte eine solche Vorgehensweise behördlichen Unmut hervorgerufen. Straßenbäume umzuhauen und wegzuschaffen galt Mitte des 19. Jahrhunderts als Untat, die Wege ihrer Zierde beraubte, wie es hieß. Auch sinnvolle Straßenbegradigungen durften auf keinen Fall dazu führen, bestehende Bäume zu beseitigen.

Nach dem zweiten Weltkrieg galten andere Spielregeln. Zugunsten autogerechter Straßen wurde vor allem in den alten Bundesländern entlang von zehntausenden Straßenkilometern gesägt und baumlose Verbindungstrassen von A nach B geschaffen. Hin und wieder finden sich Parkplätze, weil ehemalige mit Bäumen bestandene Kurven alter Straßenführungen durch Begradigung entschärft wurden und nun abgeschnittene Straßenteile nach entsprechender Ausstattung unter Bäumen von damals zur Ruhepause einladen.

Ein imposantes Beispiel für den Wert raumübergreifenden Großgrüns nicht nur in Bezug auf die Annehmlichkeit des Schattens, sondern auch kulturhistorisch betrachtet, kann entlang der Scheeßeler Mühlenstraße bewundert werden. 1934 wurden die dortigen Eichenbäume bereits als Naturdenkmal unter Schutz gestellt. Zusammen mit zwei weiteren Naturdenkmalgruppen aus Rotenburg fanden die schon zu jenem Zeitpunkt ehrwürdigen Eichen in Scheeßel als Naturdenkmal Nr. 3 Eingang in eine bis 1992 anwachsende Liste landkreisweiter Naturdenkmäler, die nicht beseitigt oder beschädigt werden durften. So wird das gesetzlich geschützte, raumübergreifende Großgrün Scheeßels in knapp zwei Jahrzehnten sicher auch seine 100-jährige Unterschutzstellung feiern können.

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