Tom Zimmermann startet bei der German Twin Trophy

Mut auf zwei Rädern

Noch nicht ganz VR 46 u2013 aber Tom Zimmermann aus Scheeßel möchte in der neuen Saison in einer neuen Tour und mit einer neuen Maschine vorne mit angreifen.
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Wittkopsbostel. Tom Zimmermann steht an der Startlinie, neben ihm die übrigen Starter mit ihren 400-Kubikmeter-Maschinen. Sein Blick ist auf die rote Ampel gerichtet. Hinter ihm dröhnen die Motoren der schwereren Motorräder, die kurz nach den „Kleinen“ starten werden. „Da sank mir das Herz doch kurz in die Hose“, beschreibt der 19-Jährige das Gefühl.

Es ist der 25. Juli 2019 in Oschersleben, und es ist sein erster Start auf dieser bekannten Rennstrecke. Aber nicht sein erstes Rennen überhaupt: Der Wittkopsbosteler beginnt seine Karriere im Rennsport bereits im zarten Alter von sieben Jahren. Vater Ralf, selbst begeisterter Motorsportler und noch bis 2007 regelmäßig beim Fischereihafenrennen in Bremerhaven dabei, steckt seinen Sprößling schon früh mit dem Virus an. Irgendwann packt den Jungen dann auch die Faszination für den Straßensport, und er beginnt, sich auf den Rennstrecken in Deutschland einen Namen zu machen. Dass er sich ein zeitaufwendiges Hobby gesucht hat, ist Tom Zimmermann schnell klar. Das Problem: Möglichkeiten, effektiv zu trainieren gibt es in der Region kaum bis gar nicht. Dafür fährt der Wittkopsbosteler nach Holland oder auf den Spreewaldring. Auch abseits der Rennpiste ist er sportlich unterwegs, läuft, schwimmt, spielt Fußball und ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv. „Auch auf der Arbeit ist Physis das A und O. Da verbinde ich Hobby und Beruf, indem ich mich fit halte.“ Denn Tom Zimmermann absolviert derzeit eine Ausbildung zum Zimmerer bei der Firma Holzbau Schröder in Rotenburg.

Die gute Physis ist auf der Rennstrecke von unschätzbarem Wert, das gilt für ihn, aber auch für sein Motorrad: „Die kleineren Maschinen starten einfach giftiger, und damit wir beim Start den anderen nicht hinten rein fahren waren wir vorne“, erinnert er sich an das Rennen in Oschersleben. Dort setzten sich bis zum Ende der zweiten Runde die stärkeren Motoren durch. „Die haben uns einfach geschluckt. Da kannst du auch nicht gegenhalten, da schaust du einfach hinterher.“

Und mit dem Hinterherfahren kennt sich Tom Zimmermann dank der Young Riders Trophy aus. Bis zur vergangenen Saison startet er in dieser Klasse, und ist dort mit seiner etwas abgewandelten KTM Straßenmaschine sehr häufig leichte Beute für die hochgetunten Rennmaschinen der Konkurrenz. „Das standen zumeist Marken dahinter, die ihre jungen Talente auf die kommenden Moto-Serien vorbereiten“, erzählt Ralf Zimmermann, der seinen Sohn zu den einzelnen Rennen begleitet. „Da stecken Finanziers dahinter, mit denen kann eine Privatperson es nicht aufnehmen.“ Entsprechend sind die Maschinen für denn Rennsport getrimmt und von Grund auf anders konstruiert, als Tom Zimmermanns KTM. „Talent und Können hilft da oft nicht mehr weiter“, sagt sein Vater.

Und dennoch stellt der junge Rennfahrer Mut, Talent und Können unter Beweis – ganz besonders beim Regenrennen von Colmar Berg 2019. Bei nasser Fahrbahn greifen die technischen und finanziellen Vorteile der Konkurrenz nicht mehr so gut wie auf trockener. „Am Start war alles noch regulär, aber dann kam auf einmal eine Wand aus Regen runter und das Handling der Maschinen wurde kompliziert“, erinnert sich der 19-Jährige. Mit einem Mal lässt Tom Zimmermann Konkurrent um Konkurrent hinter sich und fährt bis auf Platz drei vor. Den Gashahn aufgedreht, wehrt er Attacke um Attacke der Konkurrenz ab und verteidigt den Podestplatz bis zum Ende des Rennens. Auch die Fachzeitschrift „Renn Revue“ lobt anschließend seine couragierte Fahrweise. Am Ende wird er Vierter in der Gesamtwertung. Inzwischen ist er jedoch einer der Ältesten im Feld.

Auch deswegen kommt er zu der Entscheidung, sich in der kommenden Saison eine neue Herausforderung zu suchen und in der Twin Trophy zu starten. „Bei den Top Twins gibt es Einschränkungen, was das Tuning angeht. Da ist fahrerisches Können noch mal ein bisschen entscheidender“, erklärt Vater Ralf. Zudem hätten verschiedene Profi-Teams ihre Scouts in der Twin Trophy, Tom Zimmermann hat dort die Chance, dass sie auf ihn aufmerksam werden. Und nicht nur das Klassement und die Regularien sind anders, Tom Zimmermann startet zudem mit einem ganz neuen Motorrad. Anstelle der KTM RC390 setzt der junge Rennsportler ab der kommenden Saison auf eine Suzuki SV650, die er in der heimischen Garage in Eigenregie für den Rennsport präpariert. „Die Maschine haben wir als Unfallmotorrad im vergangenen Jahr gekauft“, erinnert er sich. „Als ich die das erste Mal gesehen habe, dachte ich mir: ,Da liegt aber noch ein sehr weiter Weg vor uns.‘“

Inzwischen hat er mehr als 2.000 Euro an reinen Materialkosten in den Umbau gesteckt. „Es ist ein sehr sehr kosten- und zeitintensives Hobby“, sagt er. 350 Euro gehen schon mal als Startgeld für ein Rennen weg, dazu kommen die Anreisekosten. Und neben der Technik fürs Motorrad braucht er auch noch die nötige Schutzkleidung. In diesem Punkt setzt Tom Zimmermann auf absolute Sicherheit: Seine Airbag-Leder-Kombi schlägt mit knapp 2.500 Euro zu Buche. Auch zeitlich fressen Rennen, Training und vor allem die Anfahrten die Freizeit und fast den gesamten Urlaub auf. „So ein Rennwochenende dauert von Donnerstag bis Sonntag, wir sind aber oft noch bis Montag unterwegs. Da sind pro Wochenende schon mal drei Urlaubstage weg“, sagt der junge Rennfahrer.

Vor allem schätzt Tom Zimmermann die Kameradschaft im Fahrerlager. „Die Konkurrenten hier – auch in der Young Riders Trophy – sind nicht abgehoben, wie man es eventuell aufgrund der hohen finanziellen Unterschiede denken könnte“, erklärt er. Auch von der Rennleitung würden alle gleich behandelt werden, egal, aus welchen Lager sie kämen. „Als wir im Frühling beim Training in Hockenheim waren, folgte direkt danach der erste Lockdown. Da hat uns die Rennleitung zusammengerufen und allen eine sichere Heimreise gewünscht. So eine Geste ist nicht überall selbstverständlich.“

Auch sind die Konkurrenten immer bereit, einander zu helfen. „Bei einem der vergangenen Rennen suchten wir jemanden, der Aluminium und Titan schweißen kann. Das war gar nicht so leicht. Als wir dann letztlich doch jemanden gefunden hatten, wollte der fürs Schweißen keine 150 Euro. Der Preis wäre ansonsten bei einem Fachmann gar nicht so unwahrscheinlich gewesen. Stattdessen sollten wir uns einfach am Abend mit ner Kiste Bier zu ihnen gesellen.“ Für jemanden, der ansonsten jede Reparatur und jede Einstellung an seinem Motorrad selbst vornehmen muss, ist derartige Unterstützung Gold wert. „Ohne das Miteinander im Fahrerlager wären für viele die Rennen nicht möglich.“

Trotz all der Hilfe ist der Rennfahrer auf Sponsoren angewiesen. Derzeit unterstützen ihn eine Privatperson und der MC ATÜ Alpershausen – finanziell aber auch mit Rat und Tat. „Gerade der Club hat sich als treuer Verbündeter erwiesen, zum Beispiel, wenn jemand benötigt wurde, der meinen Sohn zum Rennen fährt“, erklärt Zimmermann Senior, selbst Clubmitglied. Bei der Frage nach mittel- beziehungsweise langfristigen Zielen hat Zimmermann eine klare Vorstellung: „Die Moto GP ist noch etwas zu weit weg“, erklärt er mit einem Lachen. Vorerst gelte es, sich in den Twins ganz vorne zu etablieren und dann eventuell den Sprung in die Internationale Deutsche Meisterschaft zu schaffen. „Ein Valentino Rossi bin ich noch nicht“, verweist Tom Zimmermann mit einem Lachen auf den Italiener, der einer der erfolgreichsten Motorradrennfahrer weltweit ist. Aber mit dem Regenrennen von Colmar Berg hat der Wittkopsbosteler schon bewiesen, wie viel Potenzial in ihm steckt.

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