Wie der Alpershausener Bach zu einem neuen Namen kam

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

Die Hollener Mühle steht unter Denkmalschutz, liegt allerdings mittlerweile im Trockenen. Foto: joachim looks
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VON CHRISTIANE LOOKS

Im Jahr 1999 entdeckten wir in einem Ständer mit touristischen Informationen ein Faltblatt zu einer Mühlenroute im Landkreis Rotenburg (Wümme) mit 16 Mühlen. Wir besichtigten sie alle, verloren die Route aber anschließend aus den Augen, trotz der teilweise wunderschönen Lage von Mühlen, weil es noch so viel anderes zu entdecken gab. 2005 verlockte dann die 2. Auflage des Info-Faltblattes zu der mittlerweile auf 19 Mühlen angewachsenen Mühlenroute, Neues zu entdecken. Zu den Neuentdeckungen zählte die Wassermühle Hollen im Landkreis Cuxhaven, deren Ursprung auf eine Mühle aus dem Jahr 1646 zurückging, die aber etwas weiter Richtung Westen nahe der B495 im Mühlenbruch stand. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Standort weiter nach Osten an den Hollener Mühlenbach verlegt. Historische Karten zeigen den Bach, der sich durch den Mühlenbruch schlängelt, den Mühlenbetrieb mit Wasser versorgt, um weiter durch landwirtschaftlich genutzte Flächen hin und her windend Richtung Mehe zu fließen.

So der historische Befund. Vor Ort war davon aber 2005 außer der Mühle nichts mehr zu erkennen, wurde der Hollener Mühlenbach doch im Zuge eines Flurbereinigungsverfahrens so von seinem Schlängelkurs „bereinigt“, dass er heute in kühn gestalteter Linie der Mehe zustrebt. Die kleine Wassermühle Hollen wurde auf diese Weise ihrer ursprünglichen Antriebskraft beraubt. Ohne Zufluss des Baches, steht sie im Trockenen, trotz bis heute funktionierender Mühlentechnik, die aber nur noch musealen Charakter hat.

Das Schicksal der Wassermühle Hollen ist das Schicksal nicht weniger Wassermühlen. Auch in Alpershausen bei Hamersen gab es eine Wassermühle, wie der Name eines Baches verrät: Alpershausener Mühlenbach. Ursprünglich hieß der Bach Alpershausener Bach. Da er aber einen Stauteich zum Betrieb der zeitweise genutzten Wassermühle benötigte, wurde er in Alpershausener Mühlenbach umbenannt und behielt diesen Namen auch nach dem Ende des Mühlbetriebs und der Aufgabe des Stauteichs.

Nicht nur der Name „Mühlenbach“ erinnert an die ehemalige Wassermühle, auch ein Restbestand an Robinien ist im Zusammenhang mit dem Mühlenbetrieb zu sehen, denn Robinien sind nicht typisch für unsere Region. Sie wurden bewusst gepflanzt, um bei erforderlichen Reparaturen in der Mühle festes Holz für Zahnräder zur Verfügung zu haben. Die erhaltenen Bäume stehen auch deshalb heute als Naturdenkmal ND ROW 91 unter Schutz, weil sie seltene Beispiele dafür sind, nachhaltig zu wirtschaften. In Zeiten knapper Ressourcen und Just-in-time-Produktion heute ist es eher selten, Material für existenziell erforderliche Erhaltungsarbeiten einer technischen Einrichtung vorzuhalten.

Was wird aus einem Bach, der seine ihm einmal zugedachte Aufgabe, einen Mühlenstau und damit eine Mühle zu bedienen, nicht mehr erfüllen musste? Er wurde langfristig so umgebaut, dass er geeigneter dem Auftrag genügt, der seit über zweihundert Jahren bei der Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Flächen eine immer größere Rolle spielte, ehe diese Aufgabe angesichts sich deutlich abzeichnender Veränderung klimatischer Bedingungen infrage gestellt wird: Wasser muss aus der Fläche raus.

Nachdem zunächst der aus dem Quellgebiet bei Häsen in der Nähe Sittensens kommende Bach, hier nicht Alpershausener Bach oder Mühlenbach genannt, sondern Kuh-Bach, im Oberlauf begradigt worden war, mäandrierte der Bach lange Zeit bis zum Alpershausener Stauteich. Davon gibt es heute nur noch sparsamste Reste, um nicht gleich feststellen zu müssen: Es blieb wenig vom einst natürlichen Bachlauf. Einen passenden Eindruck vermittelt die Querung der K219 zwischen Sothel und Hamersen über den Alpershausener Mühlenbach.

Eine Untersuchung zur historischen Entwicklung von Nebenbächen der Oste aus dem Jahr 2007 kommt bereits zur Erkenntnis, dass schon 1897 deutliche Tendenzen zu Begradigungen des stark mäandrierenden Alpershausener Mühlenbachs auch im Unterlauf begannen. 2001, so die Analyse, zeigten entsprechende Karten weitere Begradigungen. Der Bach, einst im Auenbereich ausschließlich als Viehweide genutzt und von angrenzenden Heideflächen begleitet, stellt sich heute nicht mehr so dar. Heide gibt es nur in Restbeständen. In der schmalen, nicht wirtschaftlich benutzten Randzone des Alpershausener Mühlenbachs kann mit Mühe ein verlandeter Heidesee, auch Flatt oder Schlatt genannt, entdeckt werden. Eine Chance, solche flachen Heideseen ohne Pflegemaßnahmen, aber mit Stickstoffeinträgen aus angrenzenden, intensiv genutzten Fläche zu erhalten, gibt es nicht.

Kulturlandschaften, wie sie der Alpershausener Mühlenbach durchfloss, aber auch der Hollener Mühlenbach, entwickelten sich unter Bedingungen damaliger Zeit. Andere Zeiten verlangen anderes. Wo wird Getreide noch zu den Möglichkeiten gemahlen, wie sie Hollener oder Alpershausener Mühlen boten? Dies ist nur etwas für Fans traditioneller Wirtschaftsweisen, mit denen heutiger Lebensunterhalt nicht gewährleistet werden kann. Es hat schon seinen Grund, dass funktionsfähig gebliebene, historische Mühlen in der Regel nur noch museumsmäßig betrieben werden. Und wo selbst das nicht mehr möglich ist, weil der Erhalt dieser ehrwürdigen Gebäude nicht nur Zeit und entsprechende Kenntnisse erfordert, sondern vor allem Geld, viel Geld, lohnt es, offene Mühlen zu besuchen und zu bestaunen, was ohne alle technischen Möglichkeiten von heute geschaffen wurde und ohne elektronische Updates funktionierte!

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