Was passiert, wenn der Mensch in die Natur eingreift - Von Christiane Looks

Von Ur zur Kultur

Der alte Schafstall gibt ein Zeugnis davon, dass es hier einst ausgedehnte Heideflächen gab. Foto: Joachim Looks
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Sittensen. Alle zwei Jahre war es meine Aufgabe, als Leiterin einer zehnten Schulklasse eine Fahrt in eine deutsche Großstadt zu organisieren. Mehrfach besuchte ich auf diesem Wege Nürnberg mit seiner für entsprechende Vorhaben perfekt gelegenen Jugendherberge mitten in der Stadt hoch oben in der Burg. Während die Jungen in unteren Stockwerken untergebracht waren, genossen die Mädchen einen traumhaften Blick aus ihren Räumen unter dem Dach.

Einziger Wermutstropfen: Es gab zwar einen Fahrstuhl, aber zu Zeiten, als Jugendherbergen nicht auf Rollstuhlnutzer eingestellt waren, stand diese bequeme Hilfe aus Prinzip nur bei An- und Abreise für Gepäcktransport zur Verfügung.

Das mühselige Treppensteigen über mehrere Stockwerke wurde belohnt durch großformatige Wandbilder im Treppenhaus, auf denen der Wandel Nürnbergs gezeigt wurde, von einer wildnisartigen Urlandschaft über eine langsam sich herausbildende Kulturlandschaft zu der modernen Stadtlandschaft, die in den nächsten Tagen erkundet werden wollte.

Der Jugenherbergstreppenturm mit seinen Wandbildern weckte bei mir Erinnerungen an Illustrationen aus gern gelesener Lektüre. Sobald ich lesen konnte, verschlang ich alles, was an geeignetem, lesbaren Stoff erreichbar war. Selbst die Schulbuchsammlung in unserem Haus musste herhalten und faszinierte nicht nur über angebotene Texte und Bilder, sondern ebenfalls mit weiterführenden Aufgaben, die interessante Beschäftigungsmöglichkeiten boten.

Gut in Erinnerung blieb der Auftrag, nach einem breit angelegten, anschaulichen Bericht über die um 1100 erfolgte Gründung des östlich von Braunschweig gelegenen Klosters Riddagshausen, eine Karte der dortigen Urlandschaft zur Gründungszeit zu zeichnen und sie mit einer entsprechenden Karte aus den 1960er Jahren zu vergleichen, die dem Lehrbuch beigefügt war und veranschaulichte, dass Riddagshausen Jahrhunderte später keine Urlandschaft mehr ist, unmittelbar an ein Naturschutzgebiet grenzt und ein Stadtteil Braunschweigs wurde, so wie in und um Nürnberg nichts mehr von einer dort ehemals vorhandenen Urlandschaft entdeckt werden kann.

Den Begriff Urlandschaft zu definieren ist schwierig angesichts der Tatsache, dass es weltweit nur noch Urlandschaftsreste gibt. Das hängt damit zusammen, dass üblicherweise mit dem Begriff ein Zustand beschrieben wird, wie er vor umweltverändernden Eingriffen des Menschen bestand.

Es soll also mit dem Wort etwas umrissen werden, was es gab, bevor der Mensch zu wirtschaften begann und ehemals Unberührtes zu einer Kulturlandschaft veränderte, wie es die Riddagshauser Mönche taten, als sie mit 16 Teichen die ursprüngliche Landschaft um ihr Kloster massiv änderten. Und genau dieses führte dann aber dazu, dass die Riddagshauser Teichlandschaft mit ihren Dämmen, Bruchwäldern, Gräben, Bächen, Feldern und Wiesen sich in den Jahrhunderten seit dem Bau so entwickelte, dass seit 1936 Zug um Zug das eigentlich künstlich geschaffene Gebiet unter Schutz gestellt wurde. Aus einer Urlandschaft wurde eine schützenwerte, städtebaulichem Verlangen entzogene Kulturlandschaft – anders, als es der Urlandschaft um Nürnberg erging.

Auch wenn sich Kulturlandschaften trotz menschlicher Landnutzung so positiv entwickeln können, wie das Riddagshauser Beispiel zeigt, bedürfen sie dauerhafter Nutzung, um einen erwünschten Zustand zu sichern. Wird nicht eingegriffen, entstünde in unserer Region früher oder später Wald. In vergangenen Jahrhunderten wurde er teilweise ruinös genutzt. Wegen fehlender Nachpflanzungen entstanden weite, fast baumlose, mit Heide bewachsene Steppen. Sie boten einer ertragreicheren Landwirtschaft wenig, wurden von genügsamen Heidschnucken beweidet, die nicht nur wegen Fleisch und Wolle gehalten wurden, sondern vor allem um an Schafsdung wegen dringend benötigten Düngers zu gelangen. Auch deshalb blieben Herden nachts nicht draußen, sondern kamen in Ställe. Sie fanden sich nicht nur bei Höfen, sondern oft auch im Außenbereich, um die Tiere nicht zweimal am Tag über weite Strecken in die Heideflächen zu treiben.

Einige dieser Außenschafställe haben sich erhalten, so ein sehenswerter Schafstall in der Nähe Sittensens. Er kann über den „Appeler Weg“ erreicht werden. Wer von der „Alten Dorfstraße“ aus kommend in diesen einbiegt, erreicht nach 1,5 Kilometer rechts ein kleines Wäldchen, das zur Zeit des Schafstallbaues noch nicht existierte, denn damals prägte die Sittensener Geest große, offene Heideflächen. Sie sind als Kulturlandschaft nicht mehr erhalten, sondern einer Agrarlandschaft gewichen, die andere Formen der Düngung einsetzt als der durch Schafsdung. Geblieben ist der schlichte Schafsstall, dessen Charme in dem kleinen Wäldchen sich kaum jemand entziehen kann.

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