Thundercat-Rennen: Grüß und Biermann suchen Nervenkitzel - Von Andreas Schultz

Im wilden Wasser

Pascal Biermann (links) und Tobias Grüß bilden das vermutlich erste Thundercats-Rennteam des Landkreises Rotenburg. Während Grüß sich ums Ruder kümmert, ist sein Kollege für die Verlagerung des Gewichts zuständig.
 ©Andreas Schultz

Stuckenborstel/Ottersberg. Adrenalin gibt es auf dem Wasser reichlich – vorausgesetzt man hält es wie Tobias Grüß und Pascal Biermann und setzt auf schwimmende Pferdestärken. Das Duo ist auf der Jagd nach dem Nervenkitzel und holt sich diesen bei Bootsrennen.

„P750“ oder „Thundercats“ heißen die besonderen Schlauchboote, mit denen das Team unterwegs ist. Ursprünglich kommen die Wassergefährte aus Südafrika, wo sie als Rettungsboote im Einsatz sind. Um die Fortbewegungsmittel hat sich inzwischen ein Rennsport entwickelt, der es in sich hat: Bis zu 105 Stundenkilometer erreichen beispielsweise Grüß und Biermann, wenn optimale Bedingungen vorherrschen.

„Man weiß nie, was so ein Rennen bringt. Wie ist die Aufstellung, wie steht der Wind?“: Für den Ottersberger Grüß ist es das Ungewisse, das den Reiz an den Rennen ausmacht. Wer vorne mitmischen möchte, muss Wellen richtig durchfahren und in Kurven gutes Timing beim Beschleunigen zeigen. Der Stuckenborsteler Biermann findet es besonders spannend, in den Zweikampf zu gehen – so nennen die Teilnehmer den Überholvorgang. „Das ist manchmal ein richtiger Blindflug bei dem aufgewirbelten Wasser vom Vordermann“, sagt er zur Aufholjagd. Von der Motorschraube des Gegners untergemischte Luft im Fahrwasser sorge dabei für schwieriges Herantasten. Und wenn der Kontrahent erst erreicht und die nächste Kurve in Sicht ist, stellt sich die Frage: innen oder außen überholen? Beides hat seine taktischen Vor- und Nachteile.

Wichtig ist: Es muss in die richtige Richtung gehen, Wellen müssen im richtigen Winkel gebrochen werden und auch der Winkel bei der Kurvendurchfahrt muss stimmen. Dafür ist nicht der Pilot allein verantwortlich. „Ganz wesentlich ist es aber, dass der Co-Pilot sein Gewicht innerhalb des Bootes entsprechend verlagert. „Deshalb habe ich auch etwas mehr Bauch“, scherzt Co-Pilot Biermann und lacht. Die Kommunikation während des Rennens ist schon wegen des lauten Motors nonverbal: Der Pilot klopft mit kurzen, zuvor vereinbarten Signalen auf den Unterschenkel des liegenden Beifahrers. Zumindest funkioniert es bei dem Stuckenborsteler Team so. In anderen Booten sei man nicht gerade zimperlich miteinander, was Stoßen, Treten und Zerren angeht, um auf dem richtigen Kurs zu bleiben. Hauptsache, der Co-Pilot schmeißt sich im richtigen Moment auf die richtige Seite. „Da muss man auch sportlich sein und sich festhalten können. Denn wenn man Pech hat, wirkt in der Kurve auf den Co-Piloten schon mal das Vierfache seines Gewichts“, verrät Biermann. Dazu kann eine Welle gelegentlich für einen drei bis sechs Meter weiten Sprung sorgen. „Nach einem Renn- oder Trainingswochenende ist man gerädert, aber glücklich“, fügt der Stuckenborsteler hinzu. „Da kann man sich die Gebühren fürs Fitness-Studio sparen. Und das Grinsen vom Spaß hält noch einige Tage“, ergänzt Grüß.

Für Biermann sind Thundercat-Rennen bereits seit 2014 Freizeitbeschäftigung. Grüß ist seit dem Bremer Waterfront-Rennen 2017 dabei. Er sprang spontan als Co-Pilot ein – und fing augenblicklich Feuer für den Rennsport, der in Deutschland noch in Kinderschuhen steckt. Inzwischen bilden beide das vermutlich erste Thundercats-Team im Landkreis Rotenburg. Drei Wettkämpfe hat das Duo bereits hinter sich – das letzte vor Kurzem in Bremen: das ADAC Weser-Ems-Rennen. Dort erreichten Grüß und Biermann Platz sechs von sieben. „Der Start ist nicht optimal gewesen, genauso wenig die Überholmanöver“, geben beide selbstkritisch zu.

Schuld sei aber auch die etwas kleine Auswahl an Propellern für den Motor. Das ist nur eine Schraube dieses Rennsports, an der die Teams drehen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn in der sogenannten „modified class“ können Hobby-Bastler so viel hantieren, wie sie wollen, so lange der Grundblock des Motors erhalten bleibt. „Zaubern“ nennt Biermann das. Der Mechaniker schraubt für sein Leben gern, genau wie sein Team-Kollege, der sich die Motortüfteleien als Hobby angeeignet hat. Übers Schrauben haben sie sich auch kennengelernt. „Ich schweiße alles“, war Biermanns Antwort, als Bekannte eine Anfrage von Grüß vermittelten. Und auch wenn die Nähte an dem stark verrosteten Auspuff nicht lange hielten – die Freundschaft tut das. Die Zwei gehen „durch dick und dünn“, wie der Stuckenborsteler sagt. Sie schrauben im tiefsten Winter mit einem winzigen Heizlüfter in der Garage an Motoren und motzen später Thundercats auf. Grüß’ Einspringen an der Waterfront brachte diesen „von Null auf Hundert“, kommentiert sein Team-Kollege – treffend, denn direkt auf das Weser-Rennen folgt die Anschaffung der eigenen Donnerkatze. Und Biermann ist natürlich gleich Teil des Teams.

Die nächste größere Station für die beiden ist die Europameisterschaft Ende September in Frankreich. Dort erwarten Rennsportler aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Afrika, Russland und weiteren Teilnehmerstaaten Herausforderungen in allen drei Kategorien des Sports: Surf, Circuit und Longhall. Letzteres ist ein Langstreckenrennen, bei den ersten beiden Begriffen handelt es sich um Bojenkurse mit unterschiedlichen Anforderungen. Biermann klingt optimistisch: „Unser Ziel ist es, unter die ersten Zehn zu kommen“. Für Grüß ist hingegen klar: „Das wird heftig“.

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Andreas Schultz Andreas Schultz
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