Stade-Landesbergen: Hassendorf diskutiert Trassenverlauf und Resolution - Von Andreas Schultz

Felder, Fehler, Spannungen

Die Landschaft mit noch mehr Freileitungskilometern verschandeln oder teure Erdverkabelung einsetzen? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.
 ©Andreas Schultz

Hassendorf. Aus ökologischer Sicht fällt der Bogen rund um Hassendorf durch: So lässt sich zusammenfassen, was Roland Meyer den Besuchern des dortigen DGH zum Stromtrassen-Projekt Stade-Landesbergen mitteilte. Der Grünen-Ortsverein Sottrum hatte den Rotenburger Nabu-Vorsitzenden zur offenen Fraktionssitzung eingeladen, um seine Sicht zur schildern. Schließlich wurde die öffentliche Veranstaltung ein bisschen zur interparteilichen Diskussionsrunde, in der es auch Kritik hagelte.

Doch zurück auf Anfang: Vor rund zwei Jahren hatte die Rundschau über den Korridor berichtet, den Tennet für den Ersatzneubau der alten 220-Kilovolt-Leitung vorschlug. Dass die neue 380-Kilovolt-Trasse die Route der alten süd-östlich von Hellwege aufgrund von Abstandsregelungen voraussichtlich verlässt, war damals schon bekannt. Ebenso, dass der vorgeschlagene Korridor die Wümme an neuer Stelle quert, den Bogen östlich und nördlich um Hassendorf schlägt und wieder ab Umspannwerk dem Verlauf alter Leitungen folgt. Das alles war Gegenstand des Raumordnungsverfahrens, das nun abgeschlossen ist.

Meyer verfolgt das Verfahren von Beginn an. „Besonders am Punkt Sottrum lohnt es sich, nachzuhaken“, findet er – und rollte vor der Versammlung einen ganzen Katalog an Argumenten aus, die gegen die Umsetzung des Vorhabens in dieser Form sprechen.

Einer dieser Punkte ist, dass die Trasse die Wümme „an bisher unbelasteter“ Stelle kreuzt und sich damit negativ auf das Landschaftsbild auswirkt. Das wirkt sich nicht nur auf die Natur, sondern auch im Speziellen auf die Optik und damit auch auf den Tourismus aus, in den der Landkreis investiert: „Der bemüht sich um Fördermittel, entsprechend haben wir die Verantwortung, mit dem Landschaftsbild achtsam umzugehen“, findet Meyer. Je nach Bauform überspannen Leitungen mit zwei beziehungsweise drei neue Masten die Wümme – für den Naturschützer ein unschönes Szenario.

Die neue Bogenform im Bereich Hassendorf sorgt zudem für eine Verlängerung der Freileitungsstrecke, was wiederum für Vogelarten aufgrund des Kollisionsrisikos gefährlicher bis potenziell tödlich werde. Das betreffe eine ganze Reihe von Arten, zum Beispiel Kraniche, Weißstörche, Nordische Gänse und Bekassinen.

Unschön erschien einigen Gästen auch die Vorstellung, im bewaldeten Bereich nahe der Wümme würde sich eine neue, 70 Meter breite Schneise durch den Wald ziehen. Genauso die Aussicht auf Masten über dortigen Ferienhäusern, für die die 200-Meter-Abstandsregelung nicht gelte: Meyer machte darauf aufmerksam, dass elektrische Felder der Leitungen gesundheitsschädlich seien.

Eine Lösung für viele der genannten Probleme sieht der Naturschützer in der Erdverkabelung: Die Einflüsse auf das Landschaftsbild fallen gering aus, ebenso die auf die Vogelwelt. Gleichzeitig schirme Erde die entstehenden elektrischen Felder ab. Das sei pro Streckenkilometer teurer – laut Tennet je nach Örtlichkeit in etwa vier bis acht Mal – gleichzeitig reduziere sich die Strecke im Hassendorfer Bereich um rund die Hälfte, weil die unterirdische Verlegung nicht den Bogen um die Gemeinde machen würde.

„Das FFH-Gebiet wäre ein Gewinner“

Für einen Prüfauftrag hinsichtlich zweier entsprechender Korridore hat das Amt für Regionale Landesentwicklung einen Vorschlag vorgelegt. Sollte das klappen, würde es den Rotenburger Nabu freuen: „Das FFH-Gebiet wäre eindeutig ein Gewinner“.

Mit seinen Worten erntete Meyer nicht nur Zustimmung, denn im Verlauf seines Referats kritisierte er auch eine Stellungnahme des Rates. Der hatte sich einstimmig gegen die Erdverkabelung ausgesprochen, sich sogar „entschieden zur Wehr“ gesetzt, wie es in der damaligen Beschlussvorlage hieß. Eines der dort angegebenen Argumente war, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb erhebliche Ertragseinbußen zu befürchten habe und damit in seiner Existenz gefährdet werde – das einzige Argument, das Meyer in seinen Ausführungen gelten lassen wollte. Die anderen Einwürfe seien „eher dürftig“: Das laut Stellungnahme von der Zerstörung bedrohte Twerlustmoor sei bereits degeneriert, so Meyer. Außerdem falle der Einfluss auf ein solches Niedermoor durch Bohrungen, wie sie bei Erdverkabelung typisch sind, eher gering aus. Und eventuelle Einnahmeeinbußen für den Solarparkbetreiber – und durch niedrigere Gewerbesteuer auch für die Gemeinde – ließen sich entschädigen, fügte der Vorsitzende hinzu. Die Gemeinde solle noch einmal in sich gehen und über ihren Standpunkt nachdenken, immerhin werde Hassendorf doch extrem belastet.

Daraufhin schaltete sich Dreyer ein: „Die Abwägung obliegt dem Gemeinderat und der hat einstimmig entschieden“, formulierte er – und wies darauf hin, dass auch Grünen-Ratsherrin Helga Busch an der Abstimmung beteiligt war. Die Angesprochene bereute daraufhin öffentlich ihre Zustimmung zur Stellungnahme der Gemeinde. Ebenso ergehe es Grünen-Ratsmitgliedern auf Samtgemeindeebene, so Lühr Klee, denn die hätten in Folge der Hassendorfer Resolution über ein ähnlich lautendes Dokument positiv beschlossen – rückblickend aus seiner Sicht ein Fehler. „Unsere Aufgabe ist es auf gut vorbereiteter Grundlage zu entscheiden. Wir hatten keine Tischvorlage, keine Zeichnungen“, rechtfertigte Busch.

Die Hassendorfer Ratsherren Dreyer (SPD) und Hermann Rugen (CDU) wunderten sich: Die Pläne über den Trassenverlauf seien über Jahre mehrfach Thema in unterschiedlichen Medien gewesen. „Außerdem gab es etliche Info-Veranstaltungen in den Gemeinden. Wir haben uns immer gefragt, warum außer uns kaum jemand kommt“, so Rugen.

„Keiner kann behaupten, er hätte nichts gewusst“

Dreyer fügte hinzu: „Keiner kann behaupten, er hätte davon nichts gewusst“. Beide Redner zeigten sich überrascht angesichts der im Saal aufgeflammten Empörung. Entsprechende Signale hätte der Rat begrüßt, so Dreyer, hätte es sie vor einem halben Jahr gegeben – als die Resolution vor der Abstimmung stand. Der Hassendorfer Standpunkt könnte in einer kommenden Ratssitzung noch einmal Thema werden. „Wir werden darüber nachdenken“, formulierte der Bürgermeister. Er rechnet damit, dass sich die Mitglieder des Gremiums mit einem entsprechenden Antrag befassen werden.

Mehr Informationen zum Trassenbau gibt es am Mittwoch, 20. März. Tennet wird die Trassenführung ab 20 Uhr im DGH vorstellen. Zu dieser Veranstaltung seien alle interessierten Mitbürger gern gesehen, heißt es aus dem Hassendorfer Gemeindebüro – nicht die erste Einladung dieser Art im Landkreis.

*Gegenüber der Druckversion des Artikels haben wir Änderungen vorgenommen: Im Kostenvergleich Erdverkabelung-Freileitung haben wir die von Tennet genannten Zahlen ergänzt. Ebenso haben wir Details zur Einschätzung des Nabu-Vorsitzenden hinsichtlich des Twerlustmoors hinzugefügt.

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
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 andreas.schultz@rotenburger-rundschau.de

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