Sottrum: Anliegerversammlung zu Lagerstättenwasserausbreitung - Von Andreas Schultz

Die Angst vorm Giftsee

Die Frage danach, ob tatsächlich eine Gefahr für Sottrumer Bürger durch eine bisher nicht bewiesene Ausbreitung von Lagerstättenwasser bei Sottrum Z1 besteht, beschäftigte Anwohner, Gemeinde, Experten und die Betreiberfirma Exxon während einer geschlossenen Versammlung.
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Sottrum. Giftsee – ein Wort, das in den vergangenen Wochen viele Bürger aus Sottrum und den umliegenden Gemeinden umtrieb. Mithilfe einer geschlossenen Anliegerversammlung versuchte die Verwaltung der Gemeinde Sottrum, die Sorge bei den Käufern und Bauwilligen zu zerstreuen, dass sich Lagerstättenwasser unter dem Ort ausbreitet, um später an die Oberfläche zu treten. Eingeladen waren die Grundstückseigentümer des Baugebietes „Am Gymnasium“ und die Teilnehmer der frühzeitigen Bürgerbeteiligung des Baugebietes „Dannert III“.

Dass sich ein Giftsee in Form von Lagerstättenwasser unter Sottrum ausdehnt, diese Befürchtung hatte zuletzt Jochen Richert, Vorsitzender der Bürgerinitiative gegen Gasbohren im Landkreis Rotenburg, während einer öffentlichen Versammlung zum Thema Baugebiet Dannert III geäußert (siehe Artikel „Schmidt: ‚Das ist barer Unfug‘“). Er stellte in den Raum, unter Sottrum habe sich eine wachsende Schadstofffahne gebildet, die aus der Verpressung von Lagerstättenwasser in 800 Metern Tiefe bei Sottrum Z1 stammt.Bürgermeister Hans-Jürgen Krahn und Gemeindedirektor André Bischof beriefen auch deshalb eine Expertenrunde ein. Diese bestand aus der Betreiberfirma Exxon Mobil, vertreten durch Hans-Hermann Nack, Dr. Udo Schmidt, Diplom-Geologe und geschäftsführender Gesellschafter der Ingenieursgesellschaft Dr. Schmidt, Volker Meier vom Wasserversorgungsverband Rotenburg-Land und Gert Engelhardt, Amtsleiter für Wasserwirtschaft und Straßenbau beim Landkreis Rotenburg.Schmidt startete mit einem Impuls und stellte nochmals klar, dass die von seiner Firma erarbeiteten Messdaten zur Grundwasserfließrichtung bei Bötersen Z11, die sich auf die süßwasserführenden Schichten in 100 Metern Tiefe beziehen, nicht auf die darunter liegenden und natürlich übersalzenen Wasserschichten in 800 Metern übertragen lassen. „Das hat ungefähr so viel miteinander zu tun, wie Uran mit Urin“, meinte er. Die beiden wasserführenden Schichten seien voneinander durch undurchlässige Erschichten getrennt. „Das Wasser der oberen Schichten ist ständig in Bewegung“, argumentierte er, während in den tieferen Schichten, beispielsweise bei Sottrum Z1 eher davon auszugehen sei, dass das übersalzene Wasser stagniere oder sich zumindest nur wenig horizontal bewege. „Für mich ist die entscheidende Frage ohnehin nicht, wie schnell sich das Lagerstättenwasser im übersalzenen und ungenießbaren Wasser in 800 Metern Tiefe ausbreitet, sondern ob es dort bleibt“, merkte er an. Die Qualität sei zudem belanglos, da es von vornherein schon auf natürlichem Wege ungenießbar sei. Bisher könne aber niemand wissenschaftlich belastbar nachweisen, dass eine Gefährdung für das Grundwasser oder Menschen besteht.„Unsere Geologen sagen nein“, äußerte sich Nack von Exxon. „Durch das Barrieregestein kann nichts nach oben gelangen.“ Durch Berechnungen mithilfe einer Simulation gehe das Unternehmen zudem davon aus, dass sich das verpresste Lagerstättenwasser in 800 Metern Tiefe bisher rund 250 Meter horizontal um Sottrum Z1 ausgebreitet hat. „Selbst wenn wir bis ins Jahr 2100 weitermachen würden, wären es bloß rund 350 Meter. Das Lagerstättenwasser könnte also wegen der großen Entfernung überhaupt nicht bis unter Sottrum gelagen“, erklärte Nack zu weiteren Gedankenspielen, die mit der Simulation durchgeführt worden sind. Er kündigte an, dass Exxon die Einpressbohrungen ohnehin bis 2020 einstellen möchte. „Für Sottrum Z1 ist ein Schließungszeitraum von drei bis vier Jahren realistisch“, meinte er.Auch Meier vom Wasserversorgungsverband versuchte, die Versammlung zu beruhigen. Das Trinkwasser sei nicht gefährdet. „Sottrum Z1 liegt komplett außerhalb der Wasserschutzgebiete. Da kann gar nichts bei uns ankommen.“ Und auch Gert Engelhardt vom Landkreis sah das so. Das Kreisgebiet sei flächendeckend mit Brunnen übersät und jeder Grundwasserentnehmer habe sich der behördlichen Überwachung zu beugen. „Wir haben hunderte bis tausende Proben, die regelmäßig und unregelmäßig entnommen werden. Und an keinem Punkt in den vergangenen 25 Jahren haben wir eine Verunreinigung festgestellt, die wir der Ergasförderung zuordnen können.“ Energisch fügte er hinzu: „Dass sich nun ein Giftsee unter Sottrum ausbreiten soll... Ich enthalte mich jeglichen Kommentars zu dieser Aussage.“Nack erklärte, Exxon werde darüber nachdenken, für Sottrum Z1 ein eigenes Monitoring zu planen. „Um Ruhe in die Diskussion zu bringen, werden wir damit beweisen, dass das Lagerstättenwasser sich nicht bis hierher ausgebreitet hat“, sagte er.Vielen Besuchern ging es allerdings nicht nur um die Diskussion, ob die Gefahr Giftsee tatsächlich existiert, sondern auch um die Risiken des Frackings im Allgemeinen. So drehten sich einige Fragen um die Sicherheit des Lagestättenwassertransportes, andere Diskussionsteilnehmer sprachen die Forderung aus, Lagestättenwasser direkt wieder dort zu verpressen, wo es herkommt – in 5.000 Metern Tiefe. Weitere warfen der Firma vor, unverantwortlich zu handeln, da die Ausbreitung des verpressten Wassers bei Sottrum Z1 innerhalb der vergangenen 20 Jahre nicht einmal geprüft, sondern nur simuliert worden ist. Zu diesem Punkt warf der Exxon-Sprecher ein: „Dazu hätten wir die Stelle anbohren müssen“, was wiederum Risiken berge. Die Gemeinde plant nun, so sagte Bürgermeister Krahn, eine weitere Infoveranstaltung durchzuführen, die diesmal offen für alle Bürger ist. Denn dass es sich um eine geschlossene Veranstaltung handelte, merkten die Eingeladenen spätestens als die Gemeinde von ihrem Hausrecht Gebrauch machte und Jochen Richert von der BI gegen Gasbohren im Landkreis des Hauses verwies, um Unruhen zu vermeiden. „Das ist eine Schande für die Gemeinde“, sagte er, als er den Saal verließ. Lediglich Wilfried Wildeboer, Mitglied der BI Frackloses Gasbohren, wurde als Sottrumer Bürger geduldet. Er merkte an, man dürfe das immer herrschende technische Risiko von Fracking und Versenkbohrungen nicht vernachlässigen.

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Andreas Schultz Andreas Schultz
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