Schwielen, Blasen, Endorphine: Wir stellen uns der Herausforderung 24-Stunden-Marsch - Von Andreas Schultz

Offiziell mega

Am Start noch guten Mutes: Andreas Schultz (von links), Tony Sternberg und Joshua Blumenthal
 ©Rotenburger Rundschau

Hamburg. Da ist Blut – aber ich weiß nicht, woher die verschorfte Wunde am Bauchnabel stammt. Bei den anderen Wehwehchen habe ich so eine Ahnung: Die blauen Flecken kommen vom Gürtel, die Blasen von stundenlanger Reibung in den Schuhen. Und die leichten Schmerzen am Knie und an der rechten Fußaußenkante? Na ja. Als mir in der Küche der Löffel aus der Hand rutscht und klirrend auf der weißen Rautenfliese liegen bleibt, ist klar: Das Besteck hat für heute seinen Platz gefunden. Jede Faser meines Körpers würde sich gegen das Aufheben wehren. Diese Spuren sind Zeugnis anstrengender 23 Stunden, in denen ich mit Freunden 100 Kilometer zu Fuß auf dem Grünen Ring um Hamburg zurückgelegt habe.

Die Geschichte endet mit einer Dusche und 15 Stunden Schlaf. Angefangen hat sie rund einen Tag zuvor in Hamburg-Finkenwerder. Nach und nach füllt sich der Startplatz für den Megamarsch. Die Herausforderung der Veranstaltung besteht darin, an einem Tag 100 Kilometer gehend zu absolvieren. An diesem Samstag werden sich von 3.500 angemeldeten Wanderern etwa 3.000 auf den Weg machen, die Hansestadt zu umrunden. Ich nehme die Herausforderung mit Tony Sternberg und Joshua Blumenthal an. Wir gehören zur zweiten Startgruppe, die um 16 Uhr das Signal zum Abmarsch erhält. Wir freuen uns auf die Herausforderung, sind auf angenehme Weise angespannt. Als das Horn erklingt und uns auf die Strecke schickt, scheint die Sonne bei 22 Grad. Wir witzeln, kommen mit der großen Menge gut voran.

100 Kilometer – ohne Räder, Rollen oder technische Hilfsmittel zur Fortbewegung. Wanderstöcke sind erlaubt. Das war’s. Der Rest ist Ausdauer, Ausrüstung, Vorbereitung und Willenskraft. „Wann hast du das letzte Mal deine Komfortzone verlassen und etwas Verrücktes gemacht? Der Megamarsch bietet die Möglichkeit, deine Grenzen kennenzulernen und zu sprengen“, werben die Veranstalter auf ihrer Internetseite. Wer es bis zum Ende – passenderweise Teufelsbrück – schafft, sichert sich einen Eintrag in der Hall of Fame. Aber getreu dem Motto „Dabeisein ist alles“ ist auch „mega“, wer vorher ausscheidet.

„Mega“ sein. Wer lässt sich das nicht gern per Urkunde und Medaille verbriefen? Aber das ist nicht unsere Motivation, als Tony, Joshua und ich in Finkenwerder starten. Die beiden Soldaten kennen Märsche aus ihrem Arbeitsalltag. Tony will diesen 100er „mal gemacht haben“. Joshua hat einfach Bock drauf.

Und ich? Ich bin hier, weil Tony ein Überzeugungskünstler ist. Als er mir die Idee erstmalig unterbreitete, hielt ich das für einen Witz. Ich lachte über die absurde Vorstellung, meinem Körper das anzutun. Man müsste verrückt sein, sagte ich. Dann stellte ich fest, dass es sein Ernst war. Drei weitere Male sprach er mich an. Es dauerte Monate, aber nach und nach fand ich Gefallen an der Idee, meine Grenzen auszutesten. Für mehr Motivation könnte man einen Spendenmarsch daraus machen, dachte ich. Also sagte ich ja. Er hatte mich so weit: Ich war verrückt geworden.

Nichts als Blasen

Wir reden viel beim Gehen, genießen die Aussicht, die sich entlang des Moorburger Elbdeichs bietet. Im Vorfeld haben wir nicht zusammen trainiert – ich bin erleichtert, dass unsere Gruppe sich trotzdem gut auf eine Geschwindigkeit einigt. Die Zeit vergeht schnell, und in zwei Stunden legen wir die ersten elf Kilometer zurück. „Sind ja auch noch fit“, sagt Joshua knapp. Stimmt. Wir erreichen den ersten von vier Versorgungspunkten. Der liegt am Außenmühlenteich im Harburger Stadtpark. Wasserblase füllen, Blase leeren, über erste Blasen an den Füßen meckern. Letzteres betrifft mich erst 40 Kilometer später – dafür aber hart.

Geschundene Fußhaut ist ein Faktor, der dazu beitragen dürfte, dass von den 3.000 Gestarteten nur 613 im Ziel ankommen. Im vergangenen Jahr war die Quote des ersten Hamburger Megamarschs mit 150 von 1.000 noch niedriger. Erschöpfung, Kreislaufprobleme und andere Wanderleiden zwingen viele zum Aufgeben. Doch einige setzen sich auch niedrigere Hürden, wollen es nach 40 oder 60 Kilometern gut sein lassen.

Es wird dunkel. Mit unseren Stirnlampen folgen wir den Wegmarkierungen. Am zweiten Versorgungspunkt füllen wir Proviant und Wasser auf. Die Zahl der Blasen steigt. Joshua, der sich zwischendurch über Schmerzen im Fuß beklagte, ist die Beschwerden wieder los. Dafür bekommt Tony Probleme mit dem Knie. „Die Hälfte der Pausen haben wir schon hinter uns“, sagt Joshua. Wir lachen. Sein Optimismus steckt an.

Von der anfänglichen allgemeinen Wandereuphorie ist kurze Zeit später allerdings nicht mehr viel spürbar. So geht es verhältnismäßig still über die Neue Elbbrücke, durch den Elbpark Entenwerder und an der Nordelbe entlang. Auch unser Trio ist eher schweigsam und folgt den rhythmischen Schlurfschritten unserer losen 50-Menschen-Gruppe. Eine kleine, unheimliche, stille Armee zieht durch Hamburg.

Es wird Mitternacht. Hier und dort spiegeln sich Lichter aus der Hamburger Skyline auf der Wasseroberfläche, zum Beispiel in der Billwerder Bucht, in der Elbe. Beleuchtete Wohnhäuser illuminieren kleinere Gewässer. Ich bin müde, gähne unentwegt und habe eigentlich keine Lust zu reden. Trotzdem frage ich meine beiden Wandergesellen, was sie von der Stimmung halten, als das Schlurfen wieder lauter wird. „Ein bisschen wie bei einer Zombie-Apokalypse“, sagt Tony.

Wer sich den Ring um Hamburg zu Fuß erschließen möchte, bereitet sich entsprechend vor. Man isst und trinkt wie ein Pferd. So fühlte sich das zumindest für mich an: 15 Bananen, 13 Müsliriegel, zehn Liter Wasser, vier Becher Hühnerbrühe und vier kleine Packungen Salzstangen verzehre ich in den 24 Stunden nach dem Start. Hunger habe ich keinen, aber der hohe Energieverbrauch zwingt mich zum Nachlegen. Dazu kommen ein paar Süßigkeiten, Magnesium und Vitaminpräparate.

Etwa auf halber Strecke durchlebt Joshua sowas wie einen „Runner’s High“ – das Läuferhoch, nur in der Wandererversion. Zumindest scheint es so, denn total euphorisch und von allen Schmerzen befreit gerät er in einen Redeschwall. Die Sprüche- und Witzfrequenz steigt kurz deutlich. Bester Zeitpunkt, denn wir erreichen das Naturschutzgebiet Boberger Niederung, das allein aus Dunkelheit und Matsch zu bestehen scheint. Tony bringt das noch hinter sich, schickt uns dann aber zu zweit weiter. Das Knie, besser kein Risiko eingehen. Er setzt sich an die Straße und wartet auf seinen Abholdienst. Sein Ausstieg ist ein Stimmungsdämpfer.

Und noch mehr Dämpfer

Als ich beim vorletzten Versorgungspunkt meine Füße aus den Schuhen hole, erschrecke ich. Rechts und links haben sich plötzlich viele Blasen gebildet. Nun zweifle ich kurz daran, dass ich durch’s Ziel komme. Leichte Panik macht sich breit, während ich die Stellen mit Pflastern und Sporttape versorge. Die Behandlung dauert, und ich merke Joshua an, dass er wieder „Kilometer fressen“ will.

Die lange Pause rächt sich. Wir kommen schwer voran, die Muskeln wehren sich. Der aufrechte Gang wird zur Quälerei. „Jetzt müssen wir die Blasen erst mal wieder warm laufen“, witzelt Joshua. Ich lache, und es geht schon etwas leichter.

Ich hielt die Nacht für die schwierigste, weil demotivierendste Etappe. Doch der Gang in den Morgen legt eine Schippe drauf. Muskelstreik, Auftrittsschmerz und unsere Geschwindigkeit sind die wahren Stimmungskiller. Wir müssen Tempo zulegen, wenn es nicht zu knapp werden soll. Dieses Gefühl, sich in den nächsten Stunden beeilen zu müssen, beschneidet den Spaß. Lichtblick sind meine Freunde Tom und Jasmin Stoll sowie Billy-Hans Bossau, die mich rund 37 Kilometer vorm Ziel mit einem Smoothie überraschen und ein frisches Paar Wandersocken dabei haben. Beim Wechsel sehe ich meine geschundenen Füße vor Marschende das letzte Mal.

Nach dieser Pause reden Joshua und ich nicht mehr viel miteinander. Dafür reicht die Kraft nicht mehr. Die Vormittagssonne scheint uns unerbittlich in den Nacken. Wir konzentrieren uns darauf, die Geschwindigkeit zu halten. Ohlsdorf ist wunderschön, riesige Bäume sorgen für viel Schatten und die Alster, der Blick auf den Helmut-Schmidt-Flughafen sowie der Altonaer Volkspark haben etwas – aber es sind flüchtige Eindrücke. Eine Art Tunnelblick stellt sich ein. Die Meter bis zum Ziel stehen im Fokus. „Ich will fertig werden“, sagt mein Wandergeselle, und ich bin bei ihm. Rund 13 Kilometer vor dem Ende stoßen Jasmin, Tom und Billy wieder dazu. Billy entschließt sich, den Rest mitzulaufen. Es tut gut, jemanden dabei zu haben, der Energie für eine Unterhaltung hat.

Die letzten zehn Kilometer sind die größte Geduldsprobe. Wir haben es bald geschafft, und in dem Wissen legen wir Meter um Meter zurück. Die Erwartung sorgt dafür, dass sich wenige Kilometer unglaublich ziehen. Selbst als Tom und Jasmin für die letzten Tausender dazukommen. Doch plötzlich weicht die Ungeduld der Befreiung. Komisch: Eigentlich sollte der Moment, in dem ich die Ziellinie überquere, der emotionalste der Tour sein. Doch schon zwei Kilometer vorher schießen mir die Tränen in die Augen. Ich bin nicht nah am Wasser gebaut, vielleicht sind es die Endorphine und dass mir klar wird: Wenn jetzt nicht höhere Gewalt zuschlägt, schaffe ich es und dreieinhalb Monate Vorbereitung werden sich ausgezahlt haben. Genauso rund zwölf Stunden zunehmende Probleme, Schmerz, zwischenzeitliche Panik.

Ich steige einige Treppenstufen hinab, warte quälende Sekunden an einer Ampel und gehe über die Ziellinie, Joshua kurz hinter mir. Ein Helfer begrüßt mich mit Handschlag, legt mir die Finisher-Medaille um den Hals. Kurzes Posieren für ein Foto. Ich bin im Ziel – und erleichtert. Aber bis ich auch innerlich angekommen bin, dauert es noch Stunden.

Unterwegs habe ich einiges gelernt: Wozu ich fähig bin, auf wessen Unterstützung ich zählen kann und dass ein Quäntchen Stolz erlaubt ist. Stolz bin ich auch auf die Medaille. Sie ist das Symbol für den gewonnenen Kampf. Doch die Kehrseite, die Kosten der Wanderung, bildet ein anderes Stück Metall besser ab: der Löffel auf dem Boden meiner Küche. Zum Glück vergeht der Schmerz. Was bleibt, ist die Erinnerung ans Geleistete.

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Spenden für die Tafel

Megamarsch und Spendenmarsch: Das gehört für Andreas Schultz zusammen. Er fragte im Vorfeld der Veranstaltung bei Unternehmen und Privatpersonen an, ob sie pro geschafften Kilometer einen bestimmten Cent- oder Euro-Satz an den Verein Rotenburger Tafel spenden würden. Auch im Nachgang sind natürlich noch Spenden an die Tafel möglich. Wer bei der Aktion mitmachen will, überweist seinen Wunschbetrag unter dem Stichwort „100in24“ auf eines der folgenden Konten: Volksbank Wümme Wieste, DE 60 2916 5681 0227 7220 00, oder Sparkasse, DE 35 2415 1235 0075 1246 36.

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
 04261 / 72 -434
 andreas.schultz@rotenburger-rundschau.de

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