Proben der Theatergruppe Leporello für „Neue Horizonte“ laufen

„Mal alles rauslassen“

Schockierende Geständnisse: Hanne Wieding (l.) und Christiane Kuhlmann-Zehl. Foto: Heyne
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Rotenburg/Sottrum – Für die Sottrumer Theatergruppe Leporello läuft der Countdown: Noch knapp vier Wochen bis zur Premiere des neuen Stücks, und es ist noch viel zu tun. Einerseits hatten die derzeit zehn Hobby-Schauspieler so viel Zeit wie nie zur Entwicklung eigener Charaktere und des Stücks, das ihnen in bewährter Tradition von Regisseurin Ramona Schmalen auf den Leib geschrieben wurde. Andererseits haben sie, zumindest gefühlt, kürzer geprobt denn je – rechnet man die Proben über Videokonferenzen nicht mit.

So richtig gut hätten die nämlich nicht funktioniert, verrät Lothar Franz. „Spätestens, wenn mehrere gleichzeitig reden, stößt man an seine Grenzen.“ Und geredet wird viel beim Stück „Neue Horizonte“. Waren die vorigen Inszenierungen durch viel Action geprägt, dominieren diesmal die Dialoge. Und auch sonst ist einiges anders: Statt draußen mit dem Publikum von einem Schauplatz zum nächsten zu ziehen, verändern nur die Akteure ihren Standort. Die Zuschauer bleiben auf ihren Plätzen. Auch das ist der Pandemie geschuldet. „Man weiß ja nicht, was dann gerade an Bestimmungen so gilt“, merkt Eva Rothmaler an.

Reichlich Bewegung gibt es dennoch, ist der Stoff um eine entführte Therapiegruppe nicht umsonst als Roadmovie angelegt. Das bietet Ausgangspunkt für allerlei turbulente Verwicklungen. Bespielt wird die Scheune im Hartmanns Hof bei Rotenburg, die sich nach einem Tipp von Mitspieler und Werke-Mitarbeiter Rudi Müntefering unter einer guten Handvoll anderer Vorschläge durchsetzte. „Die Werke waren super entgegenkommend und haben uns alle Wünsche erfüllt“, meint Dietrich Metzger.

So fährt am 16. September nicht nur ein echter Linienbus der Werke in die Halle (gesteuert von einem der drei Musiker), sondern auch von der eigens freigeräumten Empore wird in der für das jährliche Nabu-Konzert umfunktionierten Scheune gespielt. Die Rollen und Texte, sie sind längst festgelegt – ein mühsamerer Prozess als sonst, lebt die Entwicklung des Stücks doch vom gemeinsamen Improvisieren und der Interaktion. Beides Dinge, die lange Zeit nicht möglich waren. So wählte Schmalen einen anderen Ansatz: Sie traf sich mit jedem der Protagonisten und feilte anhand eines Fragebogens an den Figuren. „Das ist wichtig, für stimmige und spannende Monologe.“ Eine intensive, „aber auch fruchtbare Herangehensweise“, findet die Theaterpädagogin.

Auf ein vorgeschriebenes Drehbuch und fertige Rollen zurückzugreifen, das käme für die meisten der Akteure nicht infrage. „Durch die eigene Gestaltung der Rolle kann man sich einfach besser hineinfinden, sie ist einem näher“, findet Christiane Kuhlmann-Zehl. In diesem Fall war die Vorgabe, seine Rolle konträr zu allen vorigen und zum eigenen Charakter anzulegen. „Mal alles rauslassen“ – das bot sich bei den Teilnehmern der Therapiegruppe geradezu an. Wie bei Metzger, der einen Autisten spielt – eine Herausforderung, „aber auch eine Selbsterfahrung, die eigenen Behinderungen zu erforschen“.

Rolf Rosenberger grinst, als er auf seinen Rollstuhl zeigt: „Der ist echt“, versichert er. „Das eigentliche Problem meines Charakters ist die gescheiterte Beziehung.“ Rosenberger ist der jüngste Neuzugang. Die Rollwege und Rampen zwischen den beiden Bühnen beim Entwickeln des Plots zu beachten: auch das ein Novum.

In dieser Tragikomödie wird noch so manches überraschende Geständnis zu hören sein, so manche Marotte offengelegt. Denn: „Auch die anderen Protagonisten, die Journalistin und der Busfahrer, haben einen an der Waffel“, verkündet Eva Rothmaler.

Noch sitzen nicht alle im rund 40-seitigen Drehbuch festgehaltenen Texte; einer der Entführer ist im Urlaub, und Regisseurin Schmalen mit ihrer Stelzengruppe auf osteuropäischen Festivals unterwegs. Also: Proben in Eigenregie.

Der Monolog von Stephanie Weidig als eine der Entführerinnen klappt schon wie am Schnürchen. Als die junge Frau von ihrer Kindheit erzählt, ihrer Wut, und dabei ein Plüschtier nach dem anderen voller Wucht von der Bühne pfeffert, herrscht andächtiges Schweigen, bis die Live-Musik einsetzt. „Count to Ten“, intoniert Thomas Voss an der Gitarre einen Tina-Dico-Song – dass die Band nicht Teil der Handlung ist, ist neu, „funktioniert aber klasse“, meint Frantz. Im Anschluss an die Szene: „Super gespielt, ich hatte Tränen in den Augen“, lobt Metzger. „Was spielen wir noch durch?“ Es wird diskutiert, wahrscheinlich noch bis am 16. September der erste Vorhang fällt.  

hey

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