Natur-Looks, Folge 180: vom Abwehrverhalten von Flora und Fauna

Täuschen, tarnen und überleben

Die auffällige Raupe eines Schwan genannten Nachtfalters Foto: Inge-Lore Jäger
 ©

VON CHRISTIANE LOOKS

Ahausen – Einer meiner Lieblingscartoonisten ist Wolf-Rüdiger Marunde, dessen Einblicke in ländliche Idylle mit Steinmardern im Dach einer zum Wohnhaus umgebauten, fußkalten Kate, matschigen Feldwegen und kolossalen Allradschleppern so gar nichts mit jenen Landlust-Bildern gemein haben, auf denen rustikal gekleidete Fotomodelle vor verrostetem, aber dekorativen Ackergerät vergangener Zeit Landleben spielen. Auf einer dieser liebevoll und akribisch angefertigten Zeichnungen fragt ein kleiner Käfer einen hungrig auf ihn blickenden Vogel, ob er nicht vom Aussterben bedroht sei und warnt, ihn zu verspeisen, weil er voller Insektengift stecke.

Abwehrverhalten gegenüber Feinden haben Menschen, Tiere und Pflanzen im Verlauf ihrer Entwicklung zahlreich gebildet. Die Wandlungsfähigkeit eines Chamäleons ist sprichwörtlich. Es passt sich durch entsprechende Farbwechsel seiner jeweiligen Umgebung an. Aber nur den wenigsten ist bekannt, dass auch die einheimische Scholle, bei Liebhabern geschmackvoller Fischgerichte vor allem als Maischolle begehrt, sich perfekt einem Untergrund anpassen kann: Nicht unwichtig für einen Plattfisch, der bevorzugt am Meeresboden lebt und von dort aus, gut getarnt, auf seine Beute wartet.

Ganz anders versuchen Tintenfische, eine Unterklasse der sogenannten Kopffüßer, die, wie ihr Name besagt, über einen Tintenbeutel verfügen, sich etwaiger Fressfeinde zu erwehren. Werden sie angegriffen, entleeren sie den Tintenbeutel und entfernen sich durch Rückstoß, sodass ein Angreifer in der zurückgebliebenen Tintenwolke seine Beute vergeblich sucht.

Farben spielen möglicherweise auch eine Rolle bei dem Versuch, Pferde vor lästigen Stichen von Pferdebremsen zu schützen. Hier wird auf Erkenntnisse zurückgegriffen, die nach Ansicht von Fachleuten dazu geführt haben, dass die ursprünglich aus Asien eingewanderten, dunkel gefärbten Wildpferde sich im Laufe der Zeit wohl zu den uns bekannten Zebras entwickelten.

Die im Verbreitungsgebiet der Tsetse-Fliege zugewanderten Pferde wurden nämlich durch schwarz-weiße Streifen vor Stichen des Insekts besser geschützt. Dies lag vermutlich daran, dass die nachtaktive Fliege bei einer schwarz-weißen Zebrasilhouette im Dunkeln einen geeigneten Landeplatz schwerer identifizieren konnte. Wer sich einmal mit verwirrenden Wahrnehmungseffekten der in den 1960er Jahren zeitweise populären Op-Art Kunstrichtung beschäftigte, wird nachvollziehen können, dass optische Effekte höchst verwirrend eingesetzt werden können. Warum also nicht Pferdedecken mit Zebramuster, wenn diese Zebra-Musterung Tsetse-Fliegenstiche minimierte? Es erklärt, warum auf Pferdeweiden bei uns häufiger als Zebras verkleidete Pferde grasen.

Sogenannte Augenflecken stellen eine andere Strategie im Tierreich dar, Angriffe zu verhindern. Eine Reihe von Hunderassen haben über ihren Augen einen auffälligen Fleck. Sie werden Vieräugler genannt, erinnern die Flecken doch an ein zusätzliches Augenpaar. Angreifern suggeriert diese Zeichnung, hier schläft jemand nie und registriert alles. Es lässt sich denken, dass so ein Angriff dann erst gar nicht unternommen wird.

Schmetterlingsflügel zeigen in ihren Musterungen häufig Augenflecken. Diese Flecken dienen entweder der Kommunikation zwischen Geschlechtern oder der Irritation von Angreifern. Das bekannteste Beispiel in unserer Region ist das Tagpfauenauge mit gleich vier Augenflecken. Ruht der Schmetterling, klappt er seine Flügel zusammen und sieht wie ein dürres Blatt aus. Außerhalb der Winterruhe klappen sie bei drohender Gefahr ihre Flügel mit einem zischenden Laut ruckartig aus und zeigen ihre Augenflecken. Diese irritieren vor allem Vögel, wie skandinavische Studien zeigten.

Oft warnt auffällige Färbung einen möglichen Gegner. Es handelt sich hier um eine sogenannte Schreck- oder Warntracht. Die Raupen des Jakobkreuzkrautbärs (Tyria jacobaeae) ernähren sich beispielsweise am liebsten von dem giftigen Jakobskreuzkraut (Jacobaea vulgaris), wodurch sie selber giftig werden. Fressfeinde werden durch eine Zeichnung gewarnt, die perfekt an Wespen erinnert.

Eine andere, auffallende Schmetterlingsraupe, die in unserer Region vorkommt, ist die Raupe des Schwans (Euproctis similis). Dieser schneeweiße Nachtfalter mit einem dunklen Fleck auf der oberen Seite der Vorderflügel vermehrt sich über auffallend rot, weiß und schwarz gezeichnete Raupen, die zusätzlich üppig mit gut sichtbaren, ätzenden Haaren ausgestattet sind: eine unangenehme Erfahrung beim Berühren der Schwan-Raupen: übereiltes Handeln schadet!

28.02.2021

Landpark Lauenbrück

12.02.2021

Winterlandschaft in Rotenburg

22.12.2020

Weihnachtsbilder

29.10.2020

Herbstfotos der Leser