NATUR-LOOKS Folge 177 - VON CHRISTIANE LOOKS

Die große Einsamkeit eigenständiger Höfe

Mooriges Gewässer und karger Kiefernwald am Rande der Geesteniederung. Foto: Joachim Looks
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In unserem Bücherregal mit Reiselektüre steht eine vom Gebrauch schon reichlich zerfledderte Spiralsammlung über schönste Touren in der Lüneburger Heide rund um Soltau, Neuenkirchen und Schneverdingen aus den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auch wenn eine Nutzung angesichts des Zusammenhalts einzelner Blätter durch die stabile Spirale Vorsicht verlangt, damit nichts durch zu viel Schwung herausreißt, wird doch immer wieder zu der Sammlung gegriffen, da die vorgeschlagenen Touren, obwohl sie schon so oft von uns abgefahren wurden, auch nach vierzig Jahren noch begeistern, weil sie abseits viel genutzter Routen eine historische Kulturlandschaft ungewöhnlich facettenreich vorstellt. Maßgeblich trägt neben den gut geplanten Wegen dazu bei, dass die Tourensammlung sehr gut Highlights entlang der Strecke vorstellt. So stolperten wir über „einstellige Höfe“, ein Begriff, der uns nicht bekannt war. Ein Bekannter aus der Südheide, der einen alten Hof in einem kleinen Heidedorf führte, half aus und erläuterte:

Diese Hofstellen wären sehr alt. Teilweise existierten sie seit mehr als 500 Jahren. Es seien sehr große Höfe, die oft über mehr als 1000 Morgen Wirtschaftsfläche verfügten. Kein Luxus, sondern erforderlich, um einem Hof das wirtschaftliche Überleben auf kargem Heideboden zu ermöglichen, weil der Boden nur maximal sieben Menschen je Quadratkilometer zu ernähren vermochte. Um größere Orte, wie Soltau, gäbe es geradezu einen Ring an ursprünglich allein gelegenen Hofstellen: Stübeckshorn, Emshof, Willenbockel, Abelbeck, Bassel, Loh, Barmbruch, Falshorn.

In der Vergangenheit galt der Mangel an Dünger als eines der Hauptprobleme karger Böden. Mittelalterliche Rodungen, um Acker- und Grünlandflächen zu gewinnen sowie über Brenn- und Bauholz zu verfügen, führten zu Kahlschlägen, die sich nicht von allein regenerierten und als landwirtschaftliche Flächen wenig Ertrag abwarfen. Oder wie unser Bekannter entsprechend einer alten Bauernweisheit meinte, bei solchen Böden helfe kein Beten, da müsse Mist hin. Für Mist wurden aber Tiere benötigt, die wiederum wenigsten zeitweise in einem Stall mit Einstreu gehalten werden mussten, damit es geeignetes Düngematerial gab. Verwendbares Stroh gab es kaum, weil verfügbare Ackerflächen wenig Getreide trugen und deshalb auch wenig Einstreumaterial in Form von Stroh abwarfen, weshalb ja gerade der Dünger benötigt wurde. So wurde die auf den Kahlschlägen selbstständig aufgelaufene Heide (Calluna vulgaris) mühsam abgeplaggt und als Einstreu verwendet, die später mit Mist durchsetzt, auf Äcker ausgebracht wurde. Das half bei den Erträgen, ruinierte aber die abgeplaggten Flächen. Der Bekannte wusste aus seiner landwirtschaftlichen Ausbildung zu berichten, dass für einen Hektar gedüngter Ackerfläche zwei Hektar Heideplaggen erforderlich hätten sein müssen. Bei der abgeplaggten Fläche wiederum mussten zwanzig Jahre Regeneration gerechnet werden, mit der Folge, dass für einen Hektar auf diese Weise gedüngter Ackerfläche vierzig Hektar Heideplaggenfläche vorzusehen waren. Damit wurde klar, warum auf den kargen Sandböden der Lüneburger Heide, aber auch auf den riesigen Geestflächen außerhalb des historischen Kulturraumes der Lüneburger Nord- und Südheide vergleichsweise große Flächen erforderlich waren, um Höfen ein wirtschaftliches Überleben zu ermöglichen. Dies änderte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Mineraldüngung.

Auch im Landkreis Rotenburg (Wümme) hat es eine ganze Reihe dieser mittlerweile sogenannten einstelligen Höfe gegeben. Einige gibt es noch heute, wie beispielsweise der Herwigshof, ein ehemaliges Vorwerk zum Gut Burgsittensen, die einstellige Hofstelle Nütteln, ein Ortsteil Vierdens, oder der Hof Hanrade bei Weertzen. Der Rotenburger Ortsteil Mulmshorn geht auf einen einstelligen Hof zurück. Es gab überraschenderweise im Landkreis Rotenburg (Wümme) einen Gemeindeverband „Einstellige Höfe“, der 1850 aus sechs völlig alleinliegenden, eigenständigen, eben einstelligen Hofstellen gebildet wurde, welche alle mehr oder weniger entlang der Geeste nahe Hipstedts in der Samtgemeinde Geestequelle liegen beziehungsweise lagen, denn zwei dieser Hofstellen existieren heute nicht mehr. Als ich das erste Mal davon erfuhr, habe ich mich gefragt, wie da wohl Gemeinderatssitzungen stattgefunden haben, denn seit der Gebietsreform 1974 existiert der Verband in seiner eigenständigen Form nicht mehr, er wurde nach Hipstedt eingemeindet. Gab es erforderliche Sitzungen der Reihe nach in der guten Stube eines der einstelligen Höfe? Die Höfe lagen weit auseinander und waren nicht so einfach zu erreichen. Die Frage wurde dadurch beantwortet, dass sich im nördlichen Bereich des Gemeindeverbands ein Straßendorf bildete, das sich zum Ortskern der Gemeinde „Einstellige Höfe“ entwickelte. Das Dorf erhielt in Anlehnung an einen der einstelligen Höfe den Ortsnamen Heinschenwalde und ist heute nach Hipstedt eingemeindet.

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