Mit Taten zu Salaten – Folge 2: Kartoffelkäfer - Von Rosemarie Swingle und Andreas Schultz

Der Schrecken mit den zehn Streifen

Engländer, Franzosen, Deutsche: Sie erwägten die Nutzung des Karftoffelkäfers als Biowaffe. Und doch kannten ihn viele Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg als "Colorado-Käfer" u2013 aufgrund der effektiven Propaganda der DDR.
 ©Rosemarie Swingle

Bötersen. „Bin ich eine Biowaffe?“, fragt uns der Kartoffelkäfer vom Boden des Eimers herauf. Auf dem Foto einer Mitgärtnerin lassen sich circa 20 solcher Käfer zählen. Sein Hunger hat ihm wohl diesen Ruf eingebracht, und die Welt, die ihn irgendwie außerirdisch fand – vielleicht wegen seines Aussehens? Oder seines zahlreichen Erscheinens?

Beobachtungen von Paarungen, Eier an der Unterseite von Pflanzenblättern: Verhältnismäßig früh passiert Kartoffelkäferiges – und zwar schon jetzt im Mai, und nicht im Juni, wie es heißt. Das ist eine frühe Herausforderung, die uns der Kleine mit seinen tausenden Geschwistern und Nachkommen stellt. Wir bekommen den in den Griff, heißt es in unserer Garten-Chat-Gruppe.

Macht er mich aggressiv mit seinen Warnfarben, die alles andere als Tarnfarben sind? Kann man sich schon mal fragen. Zumal sein Erscheinen in anderen Zeiten zu drastischen Maßnahmen geführt hat: 1935 entstand in Deutschland der Kartoffelkäfer-Abwehrdienst (KAD). Kein Scherz: Zu den Aktionen der Einrichtung zählt das Verteilen einer Kartoffelkäfer-Fibel an Schulkinder. Das Druckwerk zeichnete aufgrund der Gefahr für die Nahrungsmittelversorgung ein deutliches Feindbild und erhob die jungen Lernenden zu Streitern für die gute Sache – nämlich fürs Essen: „Sei ein Kämpfer, sei kein Schläfer, acht’ auf den Kartoffelkäfer!“ hieß der Slogan darin, wie Bernd Hermann in seiner Arbeit zum Thema „Kartoffel, Tod und Teufel. Wie Kartoffel, Kartoffelfäule und Kartoffelkäfer Umweltgeschichte machten“* dokumentiert. Über Kriegszeit und erste Nachkriegsjahre blieb es demnach ein Hin- und Her im Tauziehen mit dem Gestreiften: Landgewinn, Landverlust – Zurückgedrängtsein und Wiederkommen. Um 1950 nutzte die DDR den Schädling für seine Propaganda gegen den Westen: „Amikäfer“ oder „Colorado-Käfer“ wurde er genannt, auch „Saboteur in amerikanischen Diensten“. Später versuchten die Amerikaner die schwarz-gelbe Weste der Tierchen (und sicher ein wenig auch die eigene) wieder reinzuwaschen, indem sie Käfer-Attrappen aus Pappe und dem „F“ für „Freiheit“ auf dem Rücken über der DDR abwarfen. Ein Scherzartikel: Nichts anderes Käferartiges hatten die USA je in deutschen Luftraum gebracht.

Der Käfer hätte einen solchen Fall aus großer Höhe übrigens kaum überlebt, wie die Ergebnisse von Versuchen auf deutscher Seite andeuteten. Und das kam so: Englische und französische Militärs hatten die Nutzung als Biowaffe schon zur Zeit des Ersten Weltkriegs erwogen. Nachdem später Deutsche Wehrmachtsführer an entsprechende Unterlagen gekommen waren, veranlassten diese eigene Forschungen. „Obwohl eine biologische Kriegsführung von Hitler eigentlich untersagt war, wurden jedoch einschlägige Forschungen weitergeführt“, schreibt Hermann. Und so gab es dennoch einen „Feldversuch“, im wahrsten Sinne des Wortes: 1943 fielen über Speyer 14.000 Käfer aus Flugzeugen, die in 8.000 Metern Höhe flogen. „Bei der nachfolgenden Suchaktion wurden 57 Käfer wieder gefunden. Die Arbeiten am Projekt kamen im Juni 1944 zum Erliegen, nicht wegen erwiesener Erfolglosigkeit, sondern wegen der militärisch-politischen Lage“, schreibt Hermann weiter.

Und trotzdem kann der Gestreifte mit seinen Warnfarben eine kleine Plage sein, wenn auch nicht als Biowaffe. Das wissen wir bereits aus Erfahrungen, die wir im vergangenen Jahr gemacht haben. Statt der grünen, giftigen Früchte pflückten wir orange Eier, rote Larven und eben jene Warnfarben-Käfer fleißig vom Grün. Auswirkungen auf die unterirdisch reifenden Knollen hatten sie aber offenbar nicht. Und jetzt wird es wohl auch nicht anders kommen – immerhin sind alle Kartoffelpflanzenzüchter bei uns im Garten nun aufmerksam und ebenfalls am Pflücken der Tierchen.

Ob viel Niederschlag uns diese Arbeit wohl abnehmen würde? Selbst wenn nicht: Etwas mehr Wasser könnte nicht schaden. So ein paar Ladungen aus einem Löschflugzeug wären gut, am besten regelmäßig, so alle zwei Tage. Haben die Amis da nicht noch was im Hangar?

* In: Herrmann, Bernd und Stobbe, Urte (2009): Schauplätze und Themen der Umweltgeschichte. Umwelthistorische Miszellen aus dem Graduiertenkolleg. Werkstattbericht.

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Über die Autoren

Als Petra und Hermann Solte 2019 mit der Idee eines Saisongartens in Bötersen an die Öffentlichkeit gingen, waren Rosemarie Swingle und Andreas Schultz sofort Feuer und Flamme für die Vision eines „eigenen“ Stück Landes für die Gemüseproduktion. Die Herausforderung: Keiner von beiden hat viel Erfahrung mit Bewirtschaftung einer Ackerfläche. Da er hauptberuflich für die Rundschau schreibt, und sie das neben dem Studium tut, berichten beide nun abwechselnd in dieser Gartenkolumne über die Lichtblicke und Fallstricke der teils erdigen Grünpflegearbeiten. Das Ziel ist klar: Rosemarie und Andreas wollen auch 2020 wieder „mit Taten zu Salaten“ kommen.

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
 04261 / 72 -434
 andreas.schultz@rotenburger-rundschau.de

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