Lebensräume und Infrastruktur als planerische Herausforderung - Von Christiane Looks

Zerschnitten

Die Autobahn A1 zerschneidet den Naturraum Brockhorn und Taakener Brockhorn. Foto: Joachim Looks
 ©

Taaken. In den Jahren 2008 bis 2012 wurde die Bundesautobahn A1 auf sechs Spuren erweitert. Regelmäßige Informationen über den Ausbaufortschritt sollten dafür sorgen, dass erforderliche Maßnahmen rechtzeitig bei individuellen Vorhaben berücksichtig werden konnten. Aber wie es so ist angesichts der Nachrichtenflut, die tagtäglich zu verarbeiten ist, rutscht die eine oder andere Meldung unbeachtet durch den Filter, mit dem Ordnung in das Informations-chaos gebracht wird, mit manchmal ärgerlichen Folgen.

Gerade in jener Zeit entschieden wir uns, über den Landkreis Rotenburg hinaus das wenig besiedelte Gebiet östlich des Thörenwaldes bei Sittensen mit dem Fahrrad zu erkunden. Dazu wollten wir die Autobahn bei den einsam gelegenen Kallmoorer Häusern überqueren. Uninformiert wie wir waren, überraschte uns vor Ort völlig, dass in der Zeitspanne, die wir gewählt hatten, die Autobahnbrücke abgerissen und noch nicht wieder für die vorgesehene, sechsspurige Strecke errichtet worden war.

Motorisiert unterwegs hätte uns dieser nicht zu ändernde Umstand nicht nachhaltig geärgert. So aber stand uns ein gut zehn Kilometer langer Umweg über Heidenau und Halvesbostel bevor, den wir nur durch den freundlichen Tipp eines Einheimischen abkürzen konnten, dafür aber einen Kilometer unmittelbar an der Autobahn ohne Lärmschutz auf einem Feldweg zu radeln hatten.

Eine vielfältigen Anforderungen genügende Verkehrsinfrastruktur führt zwangsläufig zu einer Zerschneidung von Lebensräumen. Die Folge ist eine sogenannte Verkammerung der Landschaft mit der Gefahr von Verinselung für Pflanzen und Tiere, die genetischen Austausch zwischen verkammerten Inseln behindert, teilweise sogar unmöglich macht, und deren Restgröße so gering sein kann, dass Ansprüche mancher Arten nicht mehr zu erfüllen sind, mit der Folge von Artenschwund und biologischer Vielfalt.

Es gibt mittlerweile anerkannte Verfahren zur Ermittlung des Umfangs an Landschaftszerschneidung, mit denen über mehrere, standardisierte Verfahrensschritte für Freiräume außerhalb von Ortsrandlagen eine sogenannte „effektive Maschenweite“ berechnet werden kann. Je enger die Weite der Maschen ist, umso kleiner ist der errechnete Wert. Lebensräumen mit hoher effektiver Maschenweite kommt eine besondere Bedeutung für Artenvielfalt zu, da hier ein genetischer Austausch zwischen Pflanzen- und Tierarten ungestörter erfolgen kann.

Das ist nachvollziehbar, bilden für Amphibien doch selbst schmalste, ursprünglich nur für landwirtschaftlichen Verkehr gebaute, befestigte, aber mittlerweile als Abkürzungen von anderen Verkehrsteilnehmern viel genutzte Feldwege tödliche Barrieren auf dem Weg zu traditionellen Laichgebieten, die im Frühjahr nur mit Hilfe von vorsorglich aufgebauten Krötenzäunen und menschlicher Hilfe möglich wird.

Der Landkreis Rotenburg gehörte nach Daten von 2012 des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung auf einer sechsstufigen Skala zur effektiven Maschenweite von Freiräumen zur dritten Gruppe, ebenso die Landkreise Verden und Harburg.

Das positivere Verhältnis unzerschnittener Räume zu Siedlungs- und Verkehrsflächen des benachbarten Heidekreises erreichte unser Landkreis nicht, weil solche Freiräume von 50 und mehr Quadratkilometer wie die dünn besiedelte Lüneburger Heide mit ihrer deutlich geringeren Dichte überörtlichen Verkehrs bei uns Mangelware sind.

Trotzdem neugierig geworden auf ein zwar sehenswertes, aber zerschnittenes Gebiet in unserem Landkreis? Die Gemeinde Reeßum ließ in den Jahren 1986/87 eine Studie zur Situation von Natur und Landschaft anfertigen. Dabei wurden unter anderem auch landschaftstypische Gebiete in der für den Naturraum noch erkennbaren Ausprägung untersucht. Zu ihnen zählten Brockhorn und Taakener Brockhorn, 1936 durch den Bau der heutigen Bundesautobahn A1 zerschnitten und im Untersuchungszeitraum bestimmt durch Grünlandgebiete unterschiedlicher Ausprägung. In der Studie wird fünfzig Jahre nach dem Autobahnbau angemerkt, der Naturraum mit Waldstücken, Hecken, Heidefragmenten sowie Feuchtbereichen werde durch diesen Straßenbau zerschnitten, begrenzt und beeinträchtigt.

Zum Taakener Brockhorn gelangt, wer Richtung Ortsausgang Taaken von der „Hauptstraße“ nach rechts in den „Brillkamp“ Richtung Bittstedt abbiegt. Unmittelbar nach dem Abbiegen folgen sehr rasch auf der rechten Seite die Straßen „Auf dem Kamp“ und „Brockhorn“. Letztere Straße zum Taakener Brockhorn nehmen. Er vermittelt einen Eindruck dieses ehemals landschaftstypischen Gebiets mit weitem Blick über die Autobahn zum jenseitigen Brockhorn.

15.10.2019

Erntefest Vahlde

15.10.2019

Erntefest Westeresch

14.10.2019

Schleppjagd Bötersen

09.10.2019

Erntefest Sittensen