Krug stellt Hilfe am Internat in Moldawien ein / neues Projekt - Von Andreas Schultz

Letzte Reise nach Congaz

Die Holzwerkstatt, die das Internat für duale Ausbildungsmöglichkeiten braucht, ist fertig und die jungen Bewohner nutzen sie schon fleißig. Dazu hat Ingrid Krug (zweite von rechts) ihren Teil beigetragen.
 ©Archiv

Clüversborstel. Für sie ging es um das Leben auf der Straße – oder besser darum, ein solches zu verhindern: Ingrid Krug aus Clüversborstel war 23 Jahre im Namen verschiedener Organisationen in Rumänien und Moldawien aktiv, um schlechte Lebensumstände für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu verbessern. Ihr ganzes Herzblut steckte die 74-Jährige zuletzt in ein Internat im moldawischen Congaz. Doch mit alledem ist es nun vorbei.

Demnächst mal aufhören, kürzer treten – Krug spielte bereits im vergangenen Jahr im Gespräch mit der Rundschau mit dem Gedanken. Nun kam ihr der eigene Körper zuvor: Als sie gerade von ihrer letzten Reise aus dem Congaz nach Deutschland zurückkehrte, forderten die Anstrengungen der Arbeit am Internat ihren Tribut. Krug erlitt einen leichten Schlaganfall, war aber bereits nach kurzem Aufenthalt im Krankenhaus wieder auf den Beinen. „Der Körper ist halt nicht mehr ganz so belastbar“, gibt die Helferin lächelnd zu verstehen.

So einschneidend wie dieses Erlebnis auch sein mag, trotzdem sind mit ihm auch gute Nachrichten verbunden. So sind in dem Internat inzwischen so gut wie alle materiellen Voraussetzungen erfüllt, um mit den dualen Ausbildungsgängen in den Bereichen Textil-, Haus- und Landwirtschaft (die Rundschau berichtete) zu starten. Die Kinder des Internats, also Waisen, Sprösslinge desolater Familien und leicht bis mittelschwer Behinderte, benutzen die Holzwerkstatt, Gebäude-Anbauten und die Gartenanlage schon jetzt sehr eifrig.

Die Finanzierung der Baumaßnahmen stammt aus Spendengeldern, die über Renovabis, das Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche, nach Moldawien flossen. Krug unterstützte vor allem in organisatorischen Angelegenheiten.

Was jetzt noch fehlt, ist das Grüne Licht vom Bildungsministerium: Das bezahlt nämlich die Gehälter der Lehrkräfte, die im staatlichen Internat für die duale Ausbildung sorgen sollen. „Wir sind sozusagen in einer Warteschleife der Hoffnung“, sagt Krug über sich und die Rektorin des Internats. Nicht zuletzt verhelfe die zweijährige Ausbildung den Internatskindern zu zwei weiteren Jahren, die sie in der Einrichtung leben können. Auf diese Weise müssen sie nicht schon mit 16 Jahren die Einrichtung verlassen. Für viele bedeutet der frühe Abschied nämlich, dass sie auf der Straße landen.

Doch auch, wenn es mit dem Grünen Licht nicht klappen sollte: „Es war nichts umsonst. Die Werkstatt und die Gartenanlage werden auch noch dort stehen und in Benutzung sein, wenn es kein Okay aus dem Ministerium gibt“, so Krug. Sie bedankt sich bei allen, die sie und das Vorhaben unterstützt haben. Ohne Hilfe sei ein solches Projekt nicht zu bewerkstelligen.

Sollte es tatsächlich zur Eröffnung kommen, will die Clüversborstelerin noch einmal nach Congaz reisen, ansonsten ist erstmal Schluss. Doch ganz mit dem Helfen aufhören will sie nicht. Die 74-Jährige, die regelmäßig zwischen Clüversborstel und Bederkesa pendelt, möchte sich an ihrem zweiten Heimatort in einem der Kindergärten als Deutschlehrerin für Flüchtlingskinder einbringen. Die pensionierte Grundschullehrerin weiß aus Erfahrung: „Ich habe die Gabe, Kinderherzen zu öffnen“. Deshalb sind bereits Gespräche mit den Einrichtungen im Gange, die für das Vorhaben in Frage kommen. Krug hat selbst die Flucht aus der DDR erlebt. „Daher weiß ich, wie es ist, total entwurzelt zu sein. Den Kindern, die hier ankommen, geht es nicht anders“, argumentiert sie. Bei ihrer neuen Tätigkeit will sie vor allem eins tun: „den Kindern das Gefühl geben, Mensch zu sein.“

Autor

Andreas Schultz Andreas Schultz
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 andreas.schultz@rotenburger-rundschau.de

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